Zeitung Heute : Eine zufällige Einzigartigkeit

Wenn sich Mond und Sonne verfinstern: Im Jahr des Planeten Erde wartet der Himmel mit einigen Überraschungen auf

Sven Lebort

Gerhard Neukum kennt sich am Himmel aus: Der Professor für Planetologie und Fernerkundung am Institut für Geologische Wissenschaften der Freien Universität war schon in mehrere Missionen der Nasa und der europäischen Raumfahrtbehörde Esa als hochrangiger Wissenschaftler involviert. Der ehemalige Direktor des Institutes für Planetenerkundung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gilt als einer der führenden Planetologen der Republik. Man sollte meinen, jemand wie Neukum, der zurzeit in die aktuelle Esa-Marsmission vertieft ist, hat für so simple Phänomene wie Sonnen- und Mondfinsternisse nur ein müdes Lächeln übrig.

Doch weit gefehlt. „Ich bin noch immer von dem Phänomen fasziniert. Und ich schaue es mir voller Begeisterung an, nicht als kühler Wissenschaftler“, sagt er. Gerhard Neukum wird 2008 einiges zu schauen haben: Mit einer totalen Mondfinsternis am 21. Februar, einer partiellen am 16. August sowie einer aus Deutschland nur partiell sichtbaren Sonnenfinsternis am 1. August bietet der Himmel in diesem Jahr einige Schauspiele. Zudem hat die Unesco 2008 zum Jahr des Planeten Erde erklärt. Viel zu sehen also – für begeisterte Laien wie für Wissenschaftler gleichermaßen.

Gerhard Neukums Faszination für Finsternisse von Mond und Sonne gewinnt durch sein Wissen um deren Besonderheiten: „Mit einem relativ großen Trabanten, der zudem nah um unseren Planeten kreist, haben wir eine Ausnahmesituation in unserem Sonnensystem“, stellt der Planetologe fest. Finsternisse sind eine „zufällige Einzigartigkeit der Erde“. Die beiden sonnennäheren Planeten Merkur und Venus etwa sind zu weit entfernt und zu klein, um den Zentralstern wesentlich zu verdunkeln, wenn sie sich zwischen Erde und Sonne schieben. Aufgrund ihrer Bahnen finden solche als Transit bezeichneten Durchgänge zudem nur unregelmäßig statt: 14 Mal in 100 Jahren beim Merkur und zwei Mal in 130 Jahren bei der Venus.

Der Mond hingegen verfinstert sich pro Jahr meistens zwei Mal, in Ausnahmefällen drei Mal. Sonnenfinsternisse, bei denen sich der Mond zwischen Erde und Sonne schiebt, sind sogar noch etwas häufiger. Das überrascht, liegt aber daran, dass Mondfinsternisse, bei denen der Schatten der Erde auf den Mond fällt, von der gesamten Nachtseite unseres Planeten aus sichtbar sind. Sonnenfinsternisse hingegen lassen sich nur innerhalb eines etwa 100 bis 200 Kilometer breiten, über die Erde wandernden Streifens – dem Kernschatten – als totale Finsternis wahrnehmen. An den Rändern dieser Bahn erscheint die Sonne lediglich teilweise verdeckt. Mit bloßem Auge ist dann oft kein Helligkeitsunterschied feststellbar.

Auch die totale Sonnenfinsternis am 1. August wird vorwiegend in den sehr spärlich besiedelten arktischen Gebieten Kanadas, Europas und Westsibiriens zu beobachten sein, nördlich des Mittelmeers und in Asien ist sie nur partiell sichtbar. Je weiter nördlich der Beobachter steht, desto mehr Abdeckung kann er – eine Schutzbrille vorausgesetzt – beobachten: In Flensburg sind immerhin rund 23 Prozent der Sonnenscheibe bedeckt, im schweizerischen Bern hingegen nur zwei Prozent. In Berlin wird die maximale Abdeckung von knapp 19 Prozent um 11.38 Uhr erreicht. Spürbare Helligkeitsunterschiede setzen eine Abdeckung von mehr als 50 Prozent voraus – die wird aber erst über Island erreicht.

Üben Finsternisse für den modernen Menschen immerhin noch eine gewisse Faszination aus, so ist das nur ein müder Abklatsch gegenüber deren Wirkung vor der Zeitenwende: Die altorientalischen Kulturen – allen voran die Sumerer, Assyrer, Babylonier und Chaldäer – betrachteten die „göttlichen Schwärzen“ und „Himmelsschwärzen“ als Zeichen und Botschaften der Götter. „Diese Zeichen waren zunächst weder gut noch böse, sie verlangten nach Deutung durch den Menschen“, sagt Eva Cancik-Kirschbaum, Professorin für Altorientalisitik an der Freien Universität.

Die frühen Astronomen teilten die Gestirne in Felder ein und spiegelten diese Sektoren auf Karten der ihnen bekannten Welt. Den Durchgang einer Finsternis übertrugen sie auf diese Karten und deuteten ihn für die jeweilige Region. Finsternisse konnten den Untergang eines Landes ankündigen, die Geburt eines Königs, Dürren und gute Ernten, Krieg oder Frieden. Die Deutung nach ausgefeilten und in Keilschrift niedergelegten Regeln oblag den Astronomen, die dadurch großen Einfluss auf Könige und große Macht in den Staaten hatten.

Weil es eine uralte symbolische Verbindung von Sonne und König gibt, galten Finsternisse stets als Omen für das Schicksal des Staates. Für den Einzelnen hatten sie nur mittelbare Bedeutung. „Der Bürger ließ seine Zukunft eher auf andere Art bestimmen, etwa in einem Leber-Orakel“, erläutert Eva Cancik-Kirschbaum. Für den König enthielten der verfinsterte Mond oder die verdunkelte Sonne hingegen stets den Aufruf zum Handeln: Angekündigte Ereignisse konnte er nicht abwenden, aber deren Folgen mildern. Finsternisse zeigten an, wann er Krieg führen oder auf der Hut sein sollte, wann Dämme zu errichten oder Ernten zu schützen waren.

Die Schlussfolgerungen der Assyrer und Babylonier mögen aus heutiger Sicht naiv scheinen, die Genauigkeit ihrer Himmelsbeobachtungen nötigen den Wissenschaftlern aber Respekt ab. „Ihre Beschreibungen und Berechnungen waren so gut, dass wir sie heute als Datierungshilfe nutzen können“, sagt Eva Cancik-Kirschbaum. Und sie wirken nach: Unsere Sternbilder, unsere Uhreinteilung, die gesamte Zeitmessung gehen auf die keilschriftlichen Aufzeichnungen im alten Orient zurück. Sven Lebort

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