Zeitung Heute : Eine Zwischenbilanz zur der Halbzeit der ARD-Serie

Mechthild Zschau

Bedächtig fließt er dahin, der Strom der Zeit. Jahr für Jahr vergeht, eine verbotene Liebe entsteht und ein Kind wird geboren, das Nazibraun und Hakenkreuzrot prägen die Dresdner Straßenzüge immer stärker, der politische und ideologische Druck vergiftet die Atmosphäre. Der Zorn des Professor Klemperer steigt, aber langsam lernt er, auch einmal den Mund zu halten, auch wenn aus seinen Augen die blanke Empörung sprüht. Wo ist die Grenze zwischen opportunistischem Verhalten und kluger Selbstrettung? Wie kann ein kultivierter Mensch mit der permanenten Verletzung seiner Würde leben?

In der Halbzeit der ARD-Serie sind wir noch immer nicht im voll entfesselten Höllenkessel der Nazizeit angekommen. Zwar brannten schon die Synagogen, Kinder und Frauen wurden malträtiert, ein Rabbi sang ergreifend in die Stille hinein, ehe er abgeführt wurde, und die durchaus komische Irrfahrt eines riesigen Davidsterns nahm ihren Lauf. Zwar begann schon der Krieg mit Verdunkelung und dem ersten heulenden Fliegeralarm, und der Professor landet in einer geheimen Krankenabteilung mit dem Namen "Nibelungen". Zwar nimmt die Drangsalierung der Juden schon ein erschreckendes Ausmaß an, aber noch leben die Klemperers in ihrem schönen Haus mit Flügel, Garten und Katze. Sie war höchst ungemütlich, diese Zeit, das zeigt die Serie, aber sie hatte auch noch ihre idyllischen Seiten, sie ließ noch Raum für Liebe und häusliche Kleinkonflikte, für eine geheime Trauung, für Ausflüge in die Landschaft, für eine schöne Beethoven-Sonate, für die Faszination der neuen Rundfunktechnik.

In einem eigentümlich gleichmäßigen Pendelschlag wechseln Beschaulichkeit mit wachsendem Grauen, leises Gespräch im goldenen Licht der alten Zeit mit vor Entsetzen erstarrten Mienen und rüden SS-Aktionen, feines Kammerspiel der beiden Protagonisten Matthias Habich und Dagmar Manzel mit breitpinselig aufgetragenen Inszenierungen, deren Pathos das Geschehen weit ins fiktive Film-Nirvana katapultiert. Manchmal schläfert dieser Wechsel mit seiner Voraussehbarkeit ein, manchmal macht er geradezu ärgerlich: noch ein Blatt Zeitgeschichte wird aufgeschlagen, noch eine Information über die bösen Nazis mitgeteilt, wieder mal diskutiert man über die politische Entwicklung, zitiert einen Satz aus "Mein Kampf" oder spricht in einer rührenden Liebesszene über "das jüdische Wesen".

Der muffige Duft der pädagogischen Aufklärungsanstalt nistet sich in mancher Folge so aufdringlich ein, dass er verstimmt. Was dem Tagebuch angemessen ist, die detailgenaue Auflistung des Wichtigen und Unwichtigen im Gleichklang des alltäglichen Nebeneinanders, erzeugt im Film das Gefühl eines Vollständigkeitswahns, der dem Sog des Erzählens deutlich Widerstand leistet.

Ist das der Grund, warum eine zwar treue, aber die Quotenrechner enttäuschende Zuschauerschar die Serie verfolgt? Liebt das Publikum vielleicht eher große Familienepen wie "Der Laden" von Erwin Strittmatter, in denen für jeden Zuschauer mindestens eine Identifikationsfigur sich finden lässt? Stellt der gelehrte Herr Professor Klemperer mit seinem streitbaren Egoismus, seinem ungerechten Gerechtigkeitssinn, seinem aufbrausenden Temperament zu hohe Ansprüche? Ist seine Frau Eva vielleicht eine Spur zu gütig geraten, zu pragmatisch, zu schön, um wahr zu sein? Ist der Fokus der Geschichte also zu klein geraten, zu subjektiv, zu großbürgerlich? Schon "Die Zweite Heimat" von Edgar Reitz hatte das Publikum verschnupft - zu künstlerisch sei das Milieu geraten, hieß damals der Vorwurf gegen die Chronik. Gilt dasselbe für das Ehepaar Klemperer, ist es zu elitär, um an seinem Schicksal jene finstere Zeit wiederauferstehen zu lassen als Soap-Opera? In der zweiten Hälfte wird ja nun das die große Tragödie in Schwung kommen, der Fall vom hohen Ross der Bürgerlichkeit in die große Tiefe folgen. Dann wird der Pendelschlag heftiger sein, die Fernsehdramatik zu großer Form auflaufen. Warten wir es ab, geben wir nicht auf.

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