Zeitung Heute : Einen Krankenbesuch

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Unsere Oma hat dasselbe Problem wie Jane Fonda, sie braucht eine neue Hüfte. Heutzutage ist das eine Routine-Operation, Gott sei Dank: Alte Hüfte raus, neue Hüfte rein, und der Mensch fühlt sich wie neugeboren. Wir fuhren also mit den Kindern und Paula ins Krankenhaus, um die Oma zu besuchen. Auf dem Weg passierten wir die verlassene und verrottende ehemalige Pulsklinik. „Guck mal“, sagte ich mit einer Mischung aus Nostalgie und Grausen zu Timmy, „da bist du geboren“. „Ja!“ rief der Junge begeistert, „ich erinnere mich!“ Paula quakte nur. Sie ist von Natur aus kritisch.

Die Oma im Krankenbett war eine tolle Attraktion. Sie sah schon wieder blendend aus, und vor allem hatte sie eine Fernbedienung in der Hand, mit der sie das Oberteil ihres Betts elektrisch hoch- und runterfahren konnte. Klasse! Wir zwangen sie, das mindestens zehnmal nacheinander zu tun, wir rüttelten an den Krücken, die am Bett angebracht sind, und machten das Fernsehen an, das kurioserweise vom Telefon aus bedient wird. Dann zogen wir die Plastikhandschuhe an, die dort zum Gebrauch der Krankenschwestern rumliegen, und aßen der Oma das Krankenhausessen weg.

Wir probierten ihre Pantoffeln und ihre Zahnbürste aus, kletterten aufs Bett und zählten ihre Zehen, die aus dem Verband rausguckten, Lucas knipste, wie es seine Gewohnheit ist, alle Lichtschalter an und aus, Timmy schob die Stühle durch den ganzen Raum, Paula flatterte auf die Fensterbank, und wir knallten außerdem ein bisschen mit den Türen.

Alles in allem waren wir ein sehr entspannender und erholsamer Besuch für die frisch operierte Oma. Zum Abschied schmetterte Klein-Lucas, der sich zum Heldentenor entwickelt, seinen Evergreen „O Tannebaum, Blätter, Blätter“, Paula quakte leise dazu, und wir fuhren glücklich heim. Unsere Oma ist die Größte. Wer eine bessere hat, soll sich melden.

Paula ist die vorlaute kleine Ente, die durch das schöne Kinderliederbilderbuch von Winfried Radeke, dem Gründer der Neuköllner Oper, flattert („Paula heißt meine Ente“, illustriert von Gabriele Fink, Strube Verlag, mit CD 18 Euro).

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