Zeitung Heute : Einen Rucksack kaufen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Der Junge war ja mal ein großer Fan von Hertha BSC. Er hatte eine Hertha-Zahnbürste, Hertha-Brotdose, schlief in Hertha-Bettwäsche, und einen Hertha-Rucksack hatte er natürlich auch. Fünf Jahre ging das gut, bis neulich, da fing er ein bisschen an rumzunörgeln, sein Rucksack sei nicht mehr praktisch. Praktisch? Mein Gott, was ist denn an seinem Rucksack nicht praktisch? Er ist halt blau, aber nicht kleiner oder größer als andere auch. Der ist doch noch prima. „Nö“, sagte der Junge, „es gibt praktischere, zum Beispiel von Eastpak. Und überhaupt, die sind auch ein bisschen cooler.“ Unser Sohn wechselt nämlich im Herbst auf die Oberschule und hat vorab schon mal beobachtet, dass dort ziemlich viele Eastpak tragen. Leider stellte sich heraus, dass so ein cooler Rucksack von 49 Euro an aufwärts kostet.

Ja, liebe Leute von Hertha BSC, so weit ist es also gekommen. Eure Rucksäcke sind nicht mehr cool genug. Strengt euch mal ein bisschen mehr an. Aber während ich noch überlegte, ob man den Verein irgendwie in Regress nehmen könnte, klärte mich ein Kollege darüber auf, dass das völlig normal sei, dass die Herthaner gar nichts dafür könnten. „Es ist einfach nur so: Dein Sohn wird älter.“ Älter? Er wird doch erst zwölf. „Eben.“

Nun, der Kollege hat mir da was voraus, sein Sohn pubertiert schon ziemlich heftig. Und, fragte ich ihn also ein bisschen bange. Wie geht das weiter? „Na ja“, hat er gesagt, „als nächstes kommt der Eastpak und danach, da trennen sich die Wege.“ Trennen sich die Wege? „Entweder sie entscheiden sich für den nächsten Rucksack, oder sie wünschen sich einen Samsonite, so einen kleinen Aktenkoffer mit Zahlenschloss, wie ihn Roland Koch schon mit 14 hatte." Man muss wissen, der Kollege hat neulich Roland Koch interviewt. Das muss ihn nachhaltig beeindruckt haben.

Mir wurde jedenfalls schlagartig klar, worum es eigentlich geht. Nicht um die Frage, ob Hertha cool ist oder nicht. Nein, es geht um die Urangst aller Väter, die spüren, dass ihnen der Sohn langsam entgleitet. Es geht um die Frage: Was wird aus meinem Jungen, wo steuert er hin?

Ich habe dann ziemlich schlecht geschlafen. Mal habe ich mir einen 14-Jährigen vorgestellt, der lauter Termine in den Organizer tippt, sah Jungs, die ihre Hosen in der Kniekehle tragen und merkwürdige Musik hören. Ich habe mich versucht zu erinnern, was ich denn so für Taschen trug. Lederne Arzttaschen waren damals ungeheuer chic, wenn sie schon ein bisschen vergammelt aussahen. Umhängetaschen aus Armeebeständen gingen auch, die konnte man gut zum Parka tragen, man musste nur darauf achten, dass man das irgendwie ironisch bricht, in dem man zum Beispiel ein Peace-Zeichen draufmalte. Und eine Zeit lang war man auch ziemlich cool, wenn man seine Bücher einfach nur in einer Plastiktüte transportierte. Das war irre preiswert. Mein Vater schätzte das trotzdem nicht besonders.

Anderntags habe ich den Jungen dann beim Frühstück heimlich beobachtet. Noch sieht er ja ziemlich normal aus. Ich denke, so ein Eastpak wäre eigentlich ganz okay. Glaube nicht, dass man damit ein Risiko eingeht.

Egal ob Eastpak oder nicht: Badehose rein und dann nichts wie raus ans Wasser.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben