Zeitung Heute : EINEN VERSUCH WERT: IM SCHNELLDURCHGANG ZUM ABITUR

DAS HUMANISTISCHE HUMBOLDT-GYMNASIUM REINICKENDORF FÖRDERT HOCHBEGABTE SCHÜLER. DOCH NICHT NUR SUPERHIRNE DÜRFEN DIE SPEZIELLEN UNTERRICHTSANGEBOTE NUTZEN

Sie lernen nicht nur schnell, sie reden auch so. Flugs schütten die Schüler der 5h am Humboldt-Gymnasium in Tegel Flüssigkeiten in Reagenzgläser. „Das da ist Magensäure, da ist Essig drin, dort Seife.“ Die Stimmen der Kinder überschlagen sich beim Erklären der Substanzen, mit denen sie da hantieren. Es gilt, mit Hilfe von Indikatoren wie zum Beispiel Rotkohlsaft herauszufinden, ob eine Lösung sauer oder basisch ist. Die Schüler erkennen das an den Verfärbungen. Viel erklären muss Lehrerin Ruth Hesse in dieser Naturwissenschaftsstunde jedenfalls nicht. Fasziniert vom Experimentieren beobachten Laura, Jonas, Henry und Jonathan durch ihre Schutzbrillen einen Reigen aus Gelbgrün, Rot, Violett und Blau. Ihre Lektion haben sie längst begriffen, wegen ihrer fixen Auffassungsgabe sind sie ja in dieser Klasse.

Laura, Jonas, Henry und Jonathan sind besonders begabte Schüler – wie ihre gesamte Klasse und überhaupt die Hälfte der Schüler am Gymnasium an der Hatzfeldallee. Jedes Jahr machen sich dort sechs Klassen auf den Weg zum Abitur: drei gewöhnliche siebte Klassen, die nach dem zwölften Schuljahr die Schule abschließen, und bereits in der fünften Jahrgangsstufe drei Schnellläuferklassen, die ein Jahr früher fertig sind. Sie überspringen die achte Klasse, weil sie den Stoff bis Ende der siebten einfach mitgelernt haben.

Die Schnelläufer saugen den Unterrichtsstoff also fixer auf als ihre Kameraden in den anderen Klassen. Im Pädagogendeutsch heißt dieses beschleunigte Lernen „Akzeleration“. Beim „Enrichment“ geht es darum, den Schülern neben dem regulären Unterricht zusätzliche Herausforderungen anzubieten. Auch das gibt es am Humboldt-Gymnasium. So lässt Fünftklässler Coco Bürgel stolz seinen selbst gebauten Roboter über eine Tischfläche tuckern. Das Gefährt mit Greifarm besteht aus Legosteinen. Innen verbirgt sich aber Computertechnik. „Der Roboter soll mit höchsten drei Anläufen CDs in einen Computer einlegen können“, sagt Coco. Der Junge findet das unschlagbar bequem und wundert sich darüber, dass es so etwas nicht schon längst zu kaufen gibt. Er will nur noch an ein paar Feinheiten tüfteln. Zwei Mitschülerinnen basteln an einem Fahrzeug, das automatisch das Müsli fürs Frühstück zusammenmischt. Mit Hilfe von Sensoren soll der Roboter Haferflocken von Nüssen unterscheiden und das Richtige aufladen können.

Der Roboterkurs ist nur eines der besonderen Angebote für clevere Schüler am Humboldt-Gymnasium. Wer seine Interessen und Talente nicht gerade in den Naturwissenschaften hat, kann besondere Philosophie-, Englisch- oder Theaterkurse besuchen. In der vergangenen Jahren haben Schüler in Tegel selbst Theaterstücke erarbeitet oder ein Buch mit eigenen Bildergeschichten gestaltet. Sie arbeiteten „produktorientiert“, sagen die für die Begabtenförderung verantwortlichen Lehrer Johanna Salsa und Hans-Jürgen Werner. Die genannten Kurse können auch hochbegabte Schüler anderer Schulen besuchen. Solche Nachmittagsangebote gibt es in Berlin in fünf regionalen Verbünden. Im Nordwesten koordiniert die Humboldt-Schule die an mehreren Schulen stattfindenden Kurse.

Wer eine Schnelläuferklasse besuchen möchte, muss sich einem Auswahlverfahren stellen. Nach einem verbindlichen Eignungstest erstellt die Schule eine Rangliste der Bewerber. Das Ergebnis des Intelligenztests zählt dabei doppelt, daneben fließen auch die Zensuren des letzten Zeugnisses und das Gutachten der Grundschule ein. „Das Interesse bildungsbewusster Eltern ist groß“, berichtet Schulleiter Bernd Kokavecz. Jedes Jahr nehmen rund 150 Kinder teil, aufgenommen werden 90.

Den Schnellläufern wird viel abverlangt. In der sechsten Klasse etwa stehen 36 Wochenstunden auf dem Plan, hinzu kommen Hausaufgaben. Fühlen Jugendliche sich da nicht überfordert? Der Schulleiter kontert mit der Statistik: 2008 bauten am Humboldt-Gymnasium sechs Schüler ein 1,0-Traumabi, vier davon hatten Schnellläuferklassen besucht, ebenso die beiden mit dem Schnitt von 1,1. 22 Schüler machten das Abitur mit der Note 1,5 oder besser, 13 von ihnen in einer verkürzten Schulzeit. Wer es bei den Schnellläufern nicht packt, kann ab der Siebten jederzeit in eine Regelklasse wechseln.

Diese Durchlässigkeit zeigt sich im Physiksaal, in dem zwei Schülergruppen zeitgleich an Beiträgen für den Wettbewerb „Jugend forscht“ arbeiten. Luca Telly, Jonas Richter und Timon Lötzow zünden in einem selbst entwickelten Apparat Treibstoffe wie Benzin, Petroleum und Ethanol an. Mit einer Kamera halten sie die Explosionen fest, die Lautstärke messen sie genauso wie andere Parameter. So wollen sie herausfinden, wie sich die Energie wirklich wirtschaftlich nutzen lässt. Die drei Siebtklässler besuchen Schnellläuferklassen, Jasper Mang und Cornelius Wittig nicht. Sie gehen in normale neunte Klassen, und trotzdem können sie ihre Lust am Experimentieren ausleben. Das macht Spaß, gerade schrauben sie an einer Rampe, mit der sie Plastikflaschen wie Raketen in die Luft schießen können. Das probieren sie später auf dem Schulhof aus und testen, ob die Flugbahn aussieht wie erwartet.

Mit seiner Förderung von Schnellläufern und Regelklassen hat sich das Humboldt-Gymnasium einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Der seit Sommer pensionierte langjährige Schulleiter Hinrich Lühmann hat das Erfolgsgeheimnis der Schule auf eine knappe Formel gebracht: „Elite fördern, ohne elitär zu sein.“ Im Durchschnitt liegt der Abiturschnitt des Renommiergymnasiums allerdings nur knapp über dem Landesschnitt. Es gibt in Tegel neben ungewöhnlich vielen Spitzenleistungen auch deutlich mehr schwache Abiturergebnisse als anderswo. Darauf ist das Kollegium sogar stolz. Schwächere werden nicht ausgesiebt, sondern möglichst zur Hochschulreife geführt. 85 Prozent der Schüler, die am „Humboldt“ ins Gymnasialleben starten, bleiben bis zum Abitur dort.

Das humanistische Gymnasium – es hat eine mehr als hundertjährigen Geschichte – übt den Spagat zwischen Tradition und Modernität. Tradition heißt, dass jeder Schüler als zweite Fremdsprache Latein lernen muss. In der achten Klasse haben die Schüler dann die Wahl zwischen Französisch, Natur und Technik oder Chinesisch. Diese Fremdsprache ist genauso angesagt wie der „Career Day“ für Zwölftklässler, an dem Experten von Hochschulen und aus der Wirtschaft vom beruflichen und universitären Alltag erzählen.

Pia Cibulsky, Johanna Levy und Pauline Voigt aus der Zwölften urteilen über ihr Schnellläuferdasein durchaus kritisch. Schwierige Phasen habe es gegeben, und zur echten Gemeinschaft mit den Mitschülern aus den Regelklassen sei der Jahrgang erst in der Oberstufe verschmolzen. „Aber die spezielle Förderung haben wir auf alle Fälle gebraucht“, sagt Pauline. So war ihr Schulalltag alles andere als öde.

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