Zeitung Heute : Einer boxt sich durch

Witali Klitschko will nun Bürgermeister werden – in Kiew. Ein Wahlkampfabend

Jens Mühling[Kiew]

Drei Töne Grau. Der Himmel nachtgrau, die Erde schneegrau, die Häuser betongrau. Nur zwei Farbtupfer durchbrechen die monochrome Szenerie rings um die U-Bahn-Station Minska – auf der einen Seite ein McDonald’s, auf der anderen eine Rednertribüne. Es ist Feierabend, die U-Bahn spuckt Menschenmassen aus. Ein paar Hundert Neugierige bleiben stehen, um dem Mann zuzuhören, der da Wahlkampfsalven in die Nacht feuert. Er wirkt hier seltsam fehl am Platz, der breitschultrige Hüne am Mikrofon, wie ein Botschafter aus einer fremden Welt.

Witali Klitschko ist Ukrainer, aber aufgewachsen ist er in Kirgisien, erst als Teenager kam er nach Kiew. Er ist Ukrainer, aber berühmt wurde er in Deutschland: Hier wurde er Boxweltmeister im Schwergewicht, hier war er mit dem jüngeren Bruder oft Gast in Talk-Shows. Er ist Ukrainer und hat es bis zum Doktor der Sportwissenschaft gebracht, aber sein Ukrainisch reicht nicht für eine Rede. Er spricht Russisch. Was also hat dieser Mann seinen Landsleuten zu sagen?

„Ich stehe heute vor euch nicht als Sportler“, beginnt Klitschko seine Rede, „sondern als Politiker“.

Im November hat Witali Klitschko, 34 Jahre alt, seine Karriere als Boxer beendet – und am 26. März will er Bürgermeister werden, in Kiew, in seiner Heimat. Bis dahin hat er eine Menge zu erklären, denn seine Gegner halten ihm als Quereinsteiger vor, er verstehe weder etwas von Verwaltung noch kenne er überhaupt die Stadt.

„Es stimmt, ich war in der ganzen Welt zu Gast“, sagt Klitschko. Er steht steif vor dem Mikrofon, als hätte sein Athletenkörper noch nicht die richtige Haltung für die neue Rolle gefunden. „Aber nur hier in der Ukraine, nur hier in Kiew fühle ich mich zu Hause, nur hier will ich meine Kinder aufziehen.“ Wenn seine Mutter, die auch hier lebt, sich mit den Behörden herumschlagen müsse wie alle anderen Kiewer, dann trage sie kein Schild um den Hals, auf dem der Name ihres Sohnes stehe. „Und deshalb kenne ich eure Probleme“, ruft er ins Publikum.

„Aus Sorge um die Entwicklungen in der Heimat“, sei er zurückgekehrt, sagt Witali Klitschko. Er war schon immer ein politischer Mensch. Während der orangenen Revolution im vergangenen Winter hat er den heutigen Präsidenten Viktor Juschtschenko unterstützt. Heute spürt er „Enttäuschung über die verratenen Ideale der Revolution“. Oben auf der Bühne wird seine Stimme lauter, er kommt so richtig in Fahrt, als er von den „Banditen“ spricht, die er ins Gefängnis stecken will: „Die Wahlfälscher von damals sind noch immer in Freiheit, sie glauben, dass sie das Volk wieder betrügen können. Ich will, dass jeder für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen wird!“

Als Wahlkampfposition ist Klitschkos Law-and-Order-Gehabe klug gewählt. Er weiß, dass er in der Ukraine als geradliniger Typ wahrgenommen wird, der sich auf ehrlichem Weg ganz nach oben gearbeitet hat. „Sehen Sie sich doch unsere Politiker an, die sind alle auf krummen Wegen an die Macht gekommen“, sagt eine junge Frau im Publikum. „Klitschko ist anders.“ Dass er so lange im Ausland gelebt hat, stört sie nicht, im Gegenteil: „Die ganze Welt kennt ihn, das kann für Kiew doch nur gut sein.“ Er selbst sagt das auch so: „Ich will, dass diese Kontakte für meine Stadt arbeiten.“

Am Mikrofon erzählt er derweil, wie ihn einmal ein deutscher Verkehrspolizist um ein Autogramm bat und ihm anschließend einen Strafzettel ausstellte. „Erst war ich wütend“, sagt er, „aber dann wurde mir klar, dass er Recht hat: Vor dem Gesetz sind alle gleich!“ Die Zuhörer applaudieren, alle haben ihre Erfahrungen mit der korrupten Kiewer Verkehrspolizei gemacht.

In Umfragen belegt Klitschko mit knapp 19 Prozent nun den zweiten Platz hinter Amtsinhaber Alexander Omeltschenko. Und dessen Image verschlechtert sich zusehends, seit eine städtische Baufirma mit dem Geld von 1500 Anlegern verschwunden ist, ohne die dafür in Aussicht gestellten Eigentumswohnungen zu bauen. Die Menschen sind unzufrieden über das Krisenmanagement des Bürgermeisters, in einigen Zeitungen steht sogar, er sei in den Skandal verstrickt, auch Klitschko deutet das an. Allerdings glaubt bisher kaum ein Beobachter wirklich an seinen Sieg.

Klitschko wäre aber nicht Klitschko, wenn er sich das anmerken ließe, da gelten in der Politik die gleichen Regeln wie im Sport: „Ich habe alle Ziele erreicht, die ich mir im Leben gestellt habe“, ruft er zum Abschluss in die Menge, „und ich werde auch dieses Ziel erreichen!“

Es gibt Menschen, die sagen, selbst wenn der das jetzt nicht schafft – „der wird noch einmal Präsident“.

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