Zeitung Heute : Einer hält immer den Taktstock Was Manager von der Musik lernen können

Irmgard Berner

Was haben der Dirigent eines Orchesters und ein Konzern-Manager gemeinsam? Beide führen. Was aber kann der Manager von der Musik lernen? Um dieser Frage nachzugehen, fand Ende Juni ein Symposion unter dem Titel „Orchestration – Führung lernen von der Musik“ in der Universität der Künste statt, initiiert von Sebastian Turner, Chef der Werbeagentur Scholz&Friends und Honorarprofessor im Studiengang Visuelle Kommunikation.

„Takt, Rhythmus, Vielstimmigkeit. Zwischentöne hören“, das könne man von der Musik lernen, sagte UdK-Präsident Martin Rennert zum Auftakt, nachdem die Eröffnungsfuge auf der barocken Orgel im Institut für Kirchenmusik verklungen war. Aber lassen sich Marketing- oder Kommunikationsunternehmen wie Orchester führen? Sebastian Turner meint, die Antwort gefunden zu haben, obwohl er sich selbst als unmusikalisch bezeichnet. In einem Orchester sei jeder Musiker, ob Streicher, Bläser oder Perkussionist, gleich wichtig und trage zum Gesamtklang bei.

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, steht wie ein Band-Leader am Rednerpult und zieht wortgewandt die Register der musikalischen Sprachbilder. Er setzt sie gegen die von Jagd-, Kriegs- und Autowelt geprägte Wirtschaftssprache. Auffallend viele Musiker seien Manager geworden, sagt der promovierte Musikwissenschaftler, so etwa der Chairman von Sony und der Herausgeber der Zeitschrift „Hör Zu“. Sie können wohl besser improvisieren, aufeinander hören und hinhören. Sich durchsetzen und behaupten: einer halte immer den Taktstock und übe Autorität. In der Musik wie in der Wirtschaft komme Autorität aber nicht „von oben, sondern von innen“. Ein großer Konzern müsse wie ein Orchester geführt werden, das Familienunternehmen wie ein Kammermusik-Ensemble. Ein New-Economy-Unternehmen sei einer Bigband ähnlich, kleine Startup-Unternehmen einem Jazz-Trio, das gewohnt sei, ohne Chef zu improvisieren. Eine Werbeagentur solle wie eine Pop-Band „auftreten“ – sie brauche nicht nur Sensibilität für Zeitgeist, sondern auch „einen Vor-Turner“, fügt Döpfner mit einem Seitenblick zu Sebastian Turner hinzu. „Alles Oper oder was?“, fragt er und vergleicht die Hierarchie einer Oper mit einem Medienunternehmen. Mitarbeiter motivieren, in unvorhergesehenen Situationen improvisieren, am Ende reüssieren: der Gesamtklang soll das Publikum begeistern.

„Orchester der Ideen“ nimmt Sebastian Turner das „Leitbild“ für seine Agentur-Arbeit noch einmal auf. Ganz aktuell sei die musikbasierte Idee in silberne Skulpturen für die Fußball-WM eingeflossen: die überdimensionalen Achtelnoten vor dem Reichstag, die Fußballschuhe im Regierungsviertel, der Bücherstapel auf dem Bebelplatz – Objekte aus der Werbekampagne „Deutschland, Land der Ideen“. Wenn das nicht ausreicht, in Zeiten knapper Kassen musikalische Ausbildung zu legitimieren.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar