Zeitung Heute : Einer im Tee

Er verkauft Kräuter. Darf er nicht, sagt das Gesundheitsamt. Denn die sind Medizin. Die Geschichte eines bizarren Streits

Philipp Lichterbeck[Belzig] Marc Neller

Sogar im Belziger Fremdenverkehrsbüro wissen sie jetzt, wie man zu Thomas Beutler kommt. Eine Mitarbeiterin breitet einen Stadtplan aus und zeichnet die Route mit dem Finger nach. Dabei hätte man sich vor wenigen Tagen noch ziemlich gut in der kleinen Brandenburger Kurstadt auskennen müssen, um zu dem Landwirt zu finden, der abgeschieden im Wald lebt. Der vereiste Weg schlängelt sich durch Kiefern und Birken. Nach kurzer Fahrt lichten sich die Bäume, ein kleines Schild kündigt den „Paradiesplatz“ an.

Sofort fallen einem neun zottelige Schafe auf, die sich unter knorrigen Apfelbäumen drängeln. Beutler hat die Tiere eben noch mit Esskastanien gefüttert. Jetzt steht er auf der verschneiten Weide, hat die Hände in den Taschen vergraben und hält sein kantiges Gesicht in die Sonne, die ihre ersten Strahlen über die Baumwipfel schickt. Ein Winteridyll, könnte man meinen. Tatsächlich jedoch ist um Beutler ein bizarrer Behördenstreit entbrannt, in den verschiedene Brandenburger Ämter und Ministerien verwickelt sind. Die Auseinandersetzung sorgt mittlerweile bundesweit für Aufsehen.

An ihrem Anfang stehen Pflanzen mit harmlos klingenden Namen wie Birken, Malven, Schachtelhalm. Seit mehreren Jahren schon sammelt Thomas Beutler ihre Blätter und rund 40 weitere Kräuter auf den Wiesen des Hohen Fläming. Dann flatterte dem 37-jährigen Fachagrarwirt vor wenigen Wochen eine Anzeige samt Vorladung auf den Hof. Das Brandenburger Landesgesundheitsamt wirft ihm vor, mit dem Verkauf der Kräuter gegen das Arzneimittelrecht zu verstoßen.

Beutler führt zu dem kantigen Betonbau, der über der Lichtung thront. Er öffnet die Tür zu seinem kleinen Laden. Auf hohen Regalen stehen Gläser mit Birnenkompott, Johannisbeersirup und Apfelsaft, daneben grüne Papiertüten. In ihnen befinden sich die Kräuter des Anstoßes. Beutler hat sie getrocknet, gewogen und abgefüllt. Sie sind als Tee, Gewürz oder Badezusatz verwendbar. Für 2 Euro 50 verkaufte Beutler seine Kräutertüten. Bis Ende letzten September zwei Beamte des Brandenburger Landesgesundheitsamts in seinem Laden standen und behaupteten, die Kräuter seien Medikamente. Zu deren Vertrieb aber fehlte Beutler die Zulassung. Weil er trotz des Verbots weiterhin einen kleinen Heimatkostladen in Belzigs Altstadt belieferte, leitete das Amt ein Verfahren ein. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Haft.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Dagmar Ziegler von der SPD verteidigt das Verbot des ihr untergeordneten Amts. Sie begründet das mit zwei EU-Richtlinien, die seit Herbst 2005 auch in Deutschland gelten. Darin steht sinngemäß, dass Produkte vorsorglich als Arzneimittel gälten, bei denen es Zweifel gebe, wie sie einzuordnen seien. Beutler hingegen wirft dem Landesamt vor, „eine uralte bäuerliche Tradition zu kriminalisieren“. Mit großen Schritten geht er auf einen länglichen Bauwagen am unteren Ende der Lichtung zu. Es ist seine Wohnung. Er steigt die Klappleiter zur Eingangstür hinauf. In einer Nische knistert ein Holzofen, auf dem Herd köchelt ein Gemüseeintopf. Obwohl Beutler seit zwölf Jahren in Brandenburg lebt, spricht der gebürtige Stuttgarter noch mit einem leichten schwäbischen Singsang. Dass die Menschen schon seit Tausenden von Jahren Früchte und Pflanzen sammelten, erzählt er. Und dass es „wider den gesunden Menschenverstand“ sei, das zu verbieten.

Das sehen mittlerweile auch einige Parteifreunde der Gesundheitsministerin so. „Es ist lächerlich, auf Kräutertees, die in anderen EU-Ländern als Lebensmittel gelten, das Arzneimittelgesetz anzuwenden“, sagt der Potsdamer SPD-Landtagsabgeordnete Christoph Schulze. Schulze hat Medizin studiert, er wirft dem Landesgesundheitsamt „Arroganz, Willkür und Bürokratiewut“ vor – und befindet sich damit in bester Gesellschaft. Auch Günther Baaske, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Landtag, nennt die Entscheidung des Landesamtes „absurd“. Er müsste sich auskennen. Baaske war selbst mal Brandenburger Gesundheitsminister, Belzig gehört zu seinem Wahlkreis. Inzwischen lässt auch SPD-Verbraucherschutzminister Dietmar Woidke durchblicken, dass er das Verbot für unangebracht hält.

Vor etwas mehr als fünf Jahren ersteigerte Beutler das 14 Hektar große Waldgrundstück bei Belzig, das er „Paradiesplatz“ taufte. Er hat dort einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb aufgebaut, der auf dem Sammeln und Weiterverarbeiten heimischer Früchte und Pflanzen basiert. „Mein Betrieb bewegt sich im Einklang mit den Kreisläufen der Erde und den Mondphasen“, sagt Beutler. Doch dem Verdacht, ein „weltfremder Ökospinner“ zu sein, kommt er gleich zuvor. In seinem schmalen Wagen hat Beutler einen Computer und einen Fernseher stehen. Und er hat eine 1300 Filme zählende Videosammlung. „Ich finde Star Trek super“, sagt er, „ich esse meine Schafe, und ich arbeite mit der Motorsäge. Ich versuche bei allem ein vernünftiges Maß zu finden.“

Nach dem suchen nun auch Brandenburgs Landespolitiker. Doch das letzte Wort in der Frage, ob eine Substanz bedenklich ist oder nicht, hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Als was Johanniskraut zu gelten hat, ob als Lebensmittel oder Arzneimittel, ist aber auch dort nicht eindeutig zu klären. „Tendenziell Arzneimittel“, sagt der Fachbereichsleiter für besondere Therapierichtungen. Weil das aber von vielen Faktoren abhinge, könne man nur anhand eines konkreten Falls entscheiden. Den Brandenburger Fall will der Mann nicht kommentieren. Und auch das Bundesgesundheitsministerium lehnt eine Beurteilung ab. Man hat den Fall Beutler registriert. Aber: „Das ist ein kompliziertes rechtliches Terrain“, sagt ein Sprecher. Es gehe ja nicht nur um Johanniskraut, sondern um zehn weitere Kräuter, bei denen man darüber streiten könne, ob sie Medizin seien.

„Natürlich hat Pfefferminze eine bestimmte Wirkung auf die Verdauung“, gibt Beutler zu. „Aber damit sie sich negativ auswirkt, müsste man schon fünf Liter trinken.“ Derweil ist man in den Brandenburger Ministerien ratlos, wie es weitergehen soll. Von SPD-Mann Schulze hat Beutler erfahren, dass er zu einem Runden Tisch mit dem Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium eingeladen werden solle. Offenbar ist man dort um Schadensbegrenzung bemüht. Denn es geht längst nicht mehr nur um Beutler. Die Sache ist zum Präzedenzfall für rund 300 Bauern und Hersteller von Tees und Kräutern in Brandenburg geworden. Auch deren Existenz stünde auf dem Spiel, wenn das Verkaufsverbot für Beutler vor Gericht Bestand haben sollte. Daher mehren sich die Stimmen im Verbraucherschutz- und im Gesundheitsministerium, die über die große Verwirrung klagen, die seit der Umsetzung der EU-Richtlinien in den eigenen Ämtern herrsche.

Beutler zieht einen prallen Leitz-Ordner aus einem Regal. Darin hat er den Schriftverkehr mit dem Landesamt abgeheftet. Es sind Dokumente behördlicher Unentschiedenheit. So teilte das Landesgesundheitsamt Ende September mit, Kräuter wie Brennnessel oder Kamille seien „nicht verkehrsfähig“. Wenige Wochen später gelangt es zu der Einschätzung, dass es sich doch um Lebensmittel handle. Im November stuft es dann ganz andere Kräuter als Arzneien ein. Beutler sagt, es sei schwierig, den Überblick zu behalten. Und dass ihm die Auseinandersetzung auch psychisch zugesetzt habe. Als er vom Fall eines Ringelblumenanbauers in Süddeutschland erfährt, dessen Hof von 260 Polizisten gestürmt wurde, packt er eine Tasche mit Unterwäsche. „Für den Knast.“ Dann hört er während eines Saunabesuchs, wie die Frau eines Belziger Polizisten behauptet, dass für sein Grundstück schon Geländepläne angefordert worden seien. Doch Beutler ist weiterhin „überzeugt, kein Unrecht begangen zu haben“. Um seine Haltung zu verdeutlichen, macht er einen Scherz: „Wenn man der Auffassung des Amtes folgen würde, dann wäre auch Heu ein Arzneimittel.“ Es sei denn, man sortierte Spitzwegerich und Minze aus, bevor es die Kühe fressen.

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