Zeitung Heute : Einer macht Druck

Eric Schweitzer, Chef der Berliner IHK, tritt an gegen das öffentliche Jammern

Miriam Schröder

Eric Schweitzer überlegt nicht lange. Dann sagt er: „Das ist nicht der Weltuntergang.“ Das laufende Jahr werde sehr hart, schiebt er hinterher, doch dann kommt das aber: „Auf jedes Tief folgt ein Hoch.“ Man darf ihm das nicht übel nehmen, Mutmacherfloskeln gehören zu seinem Job. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer muss den Unternehmern Mut machen, er will verhindern, dass sie sich anstecken lassen von der Katastrophenstimmung im Lande und er weiß auch, was sie leisten können. Zugleich aber muss er öffentlich jammern. Sonst denken die Politiker noch, der Berliner Wirtschaft ginge es zu gut. Dabei will die IHK natürlich immer, dass der Senat mehr für die Unternehmer tut. „Die Politik reagiert nur auf Druck“, sagt Schweitzer.

Es klingt ein bisschen so, als müsse ein IHK-Präsident in der Krise einfach eine besonders gute Show abziehen. Und dafür ist Eric Schweitzer genau der richtige Mann. Der Sohn von Alba-Gründer Franz-Josef Schweitzer führt das Entsorgungsunternehmen gemeinsam mit seinem Bruder. 2005 übernahm er zusätzlich das Ehrenamt der IHK. Mit 38 Jahren war er der jüngste Präsident aller Zeiten. Eric Schweitzer ließ kaum eine Gelegenheit aus, das Establishment zu provozieren. Als erstes legte er sich mit dem altehrwürdigen Verein der Berliner Kaufleute und Industrieller an. Es ging um den Bau der neuen Handelskammer und es ging um Geld, das Schweitzers Meinung nach der IHK zustand. Natürlich erntete Schweitzer Empörung; am Ende gab es aber auch viel Beifall dafür, dass er sich getraut hatte, die verkrusteten Strukturen der Berliner Wirtschaft aufzubrechen.

Manchmal schießen seine Provokationen aber auch über das Ziel hinaus. Richtig vor den Kopf stieß er einst seine Brandenburger Kollegen, als er während der Debatte um die Fusion der beiden Länder eine Beziehungspause forderte und mit Sätzen wie „Berlin ist nicht Finsterwalde“ einen Graben zwischen den Wirtschaftsförderern in beiden Ländern grub.

Zuletzt verprellte Schweitzer den Vattenfall-Chef Tuomo Hattaka. Der wollte in Berlin ein neues Kraftwerk bauen. Der IHK-Präsident aber verlangte öffentlich nach einem „Baustopp für das Oligopol“. Hattaka war nachhaltig irritiert und Schweitzer bemühte sich um Beruhigung. Provozieren, ja, doch einen der wenigen großen Konzerne in Berlin vergraulen, das wollte er nicht. Übrigens: Vattenfall verzichtet auf ein neues Kohlekraftwerk.

Eric Schweitzer sieht nicht gerade so aus, wie man sich einen IHK-Präsidenten vorstellt. Er trägt kurze blonde Haare, eine runde Brille, sein Grinsen wirkt jungenhaft. Auch das sorgt oft für Erstaunen. Gestört hat ihn das nie, im Gegenteil. Schweitzer genießt es. Er liebt Anekdoten wie diese: Als er frisch im Amt war, fand ein Treffen aller deutschen IHK-Präsidenten im westfälischen Detmold statt. Schweitzer, der immer auf Dienstwagen und Chauffeur verzichtet, fuhr mit dem eigenen Auto vor. Als er fragte, wo das Präsidententreffen stattfinde, habe man ihm erklärt. „Dort hinten. Aber der Raum für die Chauffeure ist hier vorn.“ Er erzählt solche Geschichten, weil er weiß, dass eh kein wacher Mensch an seinem Selbstbewusstsein zweifeln würde. Wie auch, bei dem Lebenslauf: Geboren ist er in Malaysia. Der Vater arbeitete damals noch als Bauingenieur. Zurück in Berlin machte er sich selbstständig. Die Familie wohnte in einer Baracke im Wedding, vorne die Firma, hinten die Kinderzimmer. Seinen Abschluss in BWL machte Eric Schweitzer mit 22, er hatte mit dem Vater gewettet, dass er das Hauptsstudium in eineinhalb Jahren schaffen würde. Mit 24 besaß er einen Doktortitel. Seit 1993 sitzt er im Vorstand der Alba AG.

Wie es weitergeht mit der Krise? Schweitzer überlegt nicht lange: „In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir uns besser entwickeln als der Rest von Deutschland.“ Dafür müssten sich Wissenschaft und Wirtschaft noch enger miteinander vernetzen, die Wirtschaftsförderung müsse sich weiter auf Schwerpunktthemen Logistik, Gesundheit und Kreativwirtschaft konzentrieren.

„In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir uns in Berlin besser entwickeln als der Rest von Deutschland.“

Eric Schweitzer,

Vorsitzender der

Industrie- und

Handelskammer

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