Zeitung Heute : Einer muss die Sache regeln

Die Möllemann-Affäre zieht weite Kreise. Nicht nur am Rand erfasst: Parteichef Westerwelle. Aber der taktiert

Robert Birnbaum Markus Feldenkirchen

Von Robert Birnbaum und

Markus Feldenkirchen

Zufällig hatte er Jürgen Möllemann an der Bar getroffen. Sie hatten gemeinsam ein paar Bier gezischt. Aber Möllemann kam nicht gleich auf seinen Flyer zu sprechen. Erst zu später Stunde offenbarte Möllemann dem jungen Generalsekretär der FDP in Mecklenburg-Vorpommern, dass er noch einen Trumpf für den Wahlkampf in der Hinterhand habe. Möllemann gefiel sich im Andeuten; was er genau vorhabe, wollte er Sebastian Ratjen nicht verraten: „Das ist noch mein großes Geheimnis.“

Das Geheimnis war das berüchtigte antiisraelische Flugblatt, es wurde eine Woche später abgeschickt. Ratjen aber war neugierig geworden: „Wenn ein Jürgen Möllemann sagt, er habe Großes vor, dann will man auch wissen, was das ist.“ Also rief Ratjen bei Parteifreunden in Nordrhein-Westfalen an, bei Möllemanns damals auch von Guido Westerwelle engagiertem Kampagnenberater Fritz Goergen und im Thomas-Dehler-Haus, der FDP-Parteizentrale. Was man von Möllemanns Wahlkampfüberraschung wisse, fragte Ratjen seine Gesprächspartner, darunter Mitarbeiter der Kampagnenabteilung und der Pressestelle. „Ich habe einmal quer durchs Haus telefoniert“, sagt Ratjen. Da habe „blankes Unwissen“ geherrscht. Danach habe er gedacht, die Sache sei erledigt.

Ratjen mag den Kollegen in Berlin heute keinen Vorwurf machen. Wegen der Frage eines „einfachen Generalsekretärs eines kleinen Landesverbandes“ müsse in der Parteizentrale keiner Alarm schlagen. Das hätten die, die mit Ratjen gesprochen haben, aber besser getan. So wie die, die jenen Warnbrief nicht ernst nahmen, in dem von Möllemanns öffentlicher Ankündigung der Aktion berichtet wurde, bis ins Detail der Auflage von 8,4 Millionen Exemplaren hinein.

„Das sind bittere Tage für ihn“, sagt ein Parteifreund aus NRW über Westerwelle. „Ein gutes Stück weit tut er mir leid“, sagt auch ein Hochgestellter aus der Bundesführung. Das klingt freundlich. Aber Mitleid ist so ungefähr das Letzte, was sich ein Parteichef in Bedrängnis wünschen kann, der doch Stärke zeigen muss.

Die Bedrängnis rührt nicht daher, dass Westerwelle sich nicht energisch um Aufklärung bemühte. Auch glaubt niemand in der Partei, dass Westerwelle vorab von Möllemanns Aktion wusste. Aber in der innerparteilichen Krisenbewältigung wirkt er in den Augen von Parteifreunden oft mehr wie ein Getriebener denn wie ein Antreiber. Dass er zum Beispiel nicht den geradlinigen Andreas Pinkwart als künftigen NRW-Chef vorschlug, sondern Rücksicht auf die Möllemannianer nahm und Ulrike Flach nach vorne schob, gilt inzwischen vielen als Fehler. „Taktiererei wie gehabt statt klarer Führung“, kommentiert ein Präsidiumsmitglied. In dem „wie gehabt“ steckt noch ein weiterer, für Westerwelle viel gefährlicherer Einwurf: die Frage, ob der junge Mann aus Bonn nicht dem Demagogen aus Münster zu viel Einfluss auch auf sich selbst eingeräumt hat.

Dass er erst Möllemanns Forderung nach dem „Kanzlerkandidaten“ abschmetterte und dann sich selbst erhob, ist jetzt oft als Negativ-Beispiel zu hören. Gäbe es eine Alternative zum Vorsitzenden, glauben etliche in der Partei, müsste Westerwelle um sein Amt kämpfen. Aber es gibt keine Alternative. Das Gerücht, dass Schatzmeister Günter Rexrodt so heftig aufkläre, weil er auf den Chef-Stuhl schiele, stammt aus Möllemanns Küche.

Die Geister, die er rief, wird Westerwelle so schnell aber nicht los. Einem 16-seitigen Papier des Vorsitzenden für die Strategieklausur der FDP am Donnerstag und Freitag ist der Versuch anzulesen, zu retten, was zu retten ist. Da mutiert die „Strategie 18“ zum „Aufbruch 2006“, da wird der Partei, die ein Jahr lang in der marktschreierischen Vermittlung ihrer selbst den idealen Weg zur Volkspartei wähnte, eine Rückwende zur „Bürgerpartei“ und zur „Programmpartei“ empfohlen. Nicht mal dieser halbe Abschied von der 18 aber bleibt unwidersprochen: Der Chef der Jungen Liberalen, Bahr, und der Berliner Martin Matz wollen von dem „Symbol für die Eigenständigkeit“ nicht lassen.

Doch das sind Westerwelles geringste Sorgen. In Berlin wie in Düsseldorf reden die Grünen von Untersuchungsausschüssen. Und Möllemann ist wieder da. Er schweigt jetzt in Münster statt auf Gran Canaria.

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