Zeitung Heute : Einer packt

Kein Mensch hat so intime Einblicke in fremde Wohnungen wie ein Möbelpacker. Hier erzählt ein Profi von Pornos und Porzellan.

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Protokoll: Ulf Schubert Morgens um fünf, wenn ich aufstehe, dann spüre ich die Schlepperei in den Knochen. Manchmal zwickt die Bandscheibe, manchmal das Knie. Ich bin ja mit meinen 48 Jahren auch kein junger Hüpfer mehr. Bisschen Salbe drauf, dann geht´s zur Arbeit. Ich kann ja nicht wegen jedem Wehwehchen zum Arzt rennen.

Seit 20 Jahren bin ich Möbelpacker, über 5000 Umzüge habe ich schon gemacht, ein paar Jahre lang noch zu DDR-Zeiten. Nach der Wende haben wir uns über diesen ganzen Service mit dem Packen gewundert: „Auspacken, wat soll denn ditte?“

Im Osten gab es Holzkisten, die waren so schwer, dagegen sind die Kartons von heute ein Witz. Und wenn der Kunde nicht genug Kisten hatte, ging das mit der Tütenwirtschaft los. Nee, haben wir dann gesagt, da können Sie mal schön mithelfen. Da hat der Kunde die Tüten runtergebracht, und wir haben sie mitgenommen. Ich mach’ lieber einen schweren Gang, als dass ich hundert Mal hin und her renne.

Ich selbst bin zum Glück nur einmal umgezogen. Meine Frau und ich leben in einer 67 Quadratmeter-Wohnung, früher, als unsere Kinder noch nicht ausgezogen waren, wurde es zu fünft schon ein bisschen eng. Aber ich gehe doch nicht mein ganzes Leben nur für die Miete arbeiten!

Als ich nach der Wende in den ersten West-Wohnungen stand, habe ich schon schlucken müssen, wie exquisit das bei manchen Leuten zu Hause aussieht. Natürlich war ich neidisch. Das hat sich aber mittlerweile gelegt. Ganz normal, wie die leben, auch wenn die Eckbadewannen so teuer sind wie ein Kleinwagen. Klar ist das schön, da mal drin zu liegen, aber das Wasser, das man da reinlaufen lässt, muss ja auch bezahlt werden. Wenn die Leute das Geld dafür haben, warum sollen sie sich’s nicht gönnen?

Am Anfang habe ich immer gedacht: Wie hart müssen diese Menschen arbeiten, um sich das leisten zu können! Heute weiß ich, dass ja auch viel mit Kredit finanziert ist. Das ist nichts für mich. Auch wenn ich 30 Jahre dafür Zeit habe, mit 150 000 Euro an den Hacken könnte ich abends nicht einschlafen. Ich staune, wie naiv ich da früher war.

Es gibt auch Kunden, die überhaupt kein Geld haben, das Sozialamt zahlt den Umzug. Ich frage mich oft, warum die nicht selbst mit anpacken, wäre ja auch mal eine Variante. Aber das ist Politik, da kenne ich mich nicht mit aus.

Was mir wichtig ist: Armut hat nichts mit Dreck zu tun. Aber manchmal, da habe ich einen Teppich in der Hand und überlege mir, ob der wohl lebt, bei so einer dicken Schicht mit Hundehaaren? Na ja, Haustiere sind so eine Sache. Ich habe mal eine ältere Dame umgezogen, die hatte so einen kleinen Schnauzer. Irgendwann habe ich ein Röcheln gehört, ich habe mir vorher schon gedacht, der kleine Pinscher, der hat Hundeasthma. Auf einmal war das Hündchen hin. Er ist gestorben. Ich habe den Hund in einen Pappkarton gelegt und kühl gestellt, im Keller. Ja, was sollte ich denn machen?

Ein paar Promis habe ich auch schon die Kisten gepackt. Günther Jauch haben wir nach Potsdam umgezogen. Der hatte keine Schickimicki-Möbel oder so was. Mit dem kann man reden, als ich rein kam, war der noch unrasiert, ganz lockerer Typ. Auch Nena, Katja Riemann, die sind alle gar nicht so weltbewegend.

Ein Umzug wird mir aber immer in Erinnerung bleiben. Drei ältere Damen bestellten mich zum Vorgespräch an den Wohnzimmertisch. Die eine hatte so ein weites Kleid an, das war die Tochter von Bertolt Brecht, Barbara Brecht-Schall. Die hat seit 30 Jahren in ihrer Wohnung gelebt. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal die Tochter von Bertolt Brecht kennenlerne. Theater hat mich eigentlich immer so viel interessiert, als wenn in Japan ’ne Schippe umfällt, ich bin ein Kulturbanause. Diese Dame aber, die hat mir imponiert, ihre Lockerheit. Die ließ uns einfach machen, wir konnten gut mit der.

Die Wohnung war riesig, 14 Zimmer auf zwei Etagen verteilt, der Umzug dauerte eine Woche. Es sah aus wie in einem Museum: Bilder ohne Ende, viele teure Möbelstücke, das sieht man schon am Lack und den Intarsien. Da waren Schränke, die habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen. Ihr Mann, der Herr Schall, hatte ein Raucherzimmer mit Schränken bis unter die Decke. Alles voller Zigarren, aber keine davon null acht fuffzehn. Und auch die Kronleuchter sahen nicht schlecht aus. Wir haben mit sechs Leuten zwei Tage nur Glas und Porzellan eingepackt. Ja, vielleicht würde ich genauso viel Kitsch anhäufen. Hängen ja auch Erinnerungen dran. Das war schon ein schöner Umzug.

Es hat sich schon einiges geändert in der ganzen Zeit. Früher haben wir Waschmaschinen alleine auf dem Rücken getragen, ist auch viel einfacher, wenn man die richtige Technik drauf hat. Aber seit ein paar Jungs die Maschinen runtergefallen sind, ist das nicht mehr erlaubt. Es gibt eben viel mehr Sicherheitsvorschriften, jetzt tragen wir auch spezielle Schuhe, mit einer harten Kappe.

Neulich wollte eine Kundin von uns, dass wir uns die Schuhe ausziehen. Auf Socken einen Umzug machen! Das geht einfach nicht, viel zu gefährlich. Ich sagte, wir werden natürlich was auslegen, wir machen ja nichts dreckig. Wir wollten auch eine Liste mit Vorschäden der Möbel schreiben. Durften wir nicht. Fotografieren auch nicht. Ich meine, wir machen das nicht, um einen Möbelkatalog anzulegen, sondern um uns zu schützen: Manchmal wollen die Kunden nämlich der Versicherung Schäden melden, um die Umzugskosten zu drücken.

Wir machen den Umzug, wie die Kunden das möchten. Wenn sie keine Zeit haben, buchen sie den Komplettservice: Die Kunden geben uns den Schlüssel. Wir packen alles ein, machen den Transport, und in der neuen Wohnung packen wir die Sachen komplett wieder aus und stellen sie so hin, wie wir das vorher mit den Kunden abgesprochen haben.

Dieser schwule Politiker, wie heißt der denn noch mal, da habe ich auch den Umzug gemacht, ohne dass der anwesend war. Na, wenn man das Geld hat, aber keine Zeit, kann man das ja auch zahlen. So haben ja auch alle genug zu tun.

Bücher oder Wäsche werden nach System aus dem Schrank eingepackt: Von links nach rechts und von oben nach unten. Derjenige, der eingepackt hat, packt auch wieder aus. Sicherlich, da kann mal ein Pullover nicht richtig liegen, aber meistens kriegen wir es hin. Wenn ich Kleidung in die Kartons packe, schaue ich mir manchmal die schönen Sachen an und denke, nicht schlecht, wie würde meine Frau wohl darin aussehen? Keine Ahnung ob das sogar was Besonderes, etwa aus Kaschmir, ist. Ich glaube kaum, dass einer von uns so etwas unterscheiden kann. Bei Geschirr steht es ja drauf: Rosenthal oder KPM.

Aber eigentlich interessiert mich nicht mehr, was ich einpacke. Nur, wenn was Extravagantes dabei ist, schaue ich hin. Ich hatte mal einen Kunden, der hatte eine unheimlich große Pornofilmsammlung. Ganze Wände voll. Na ja, da mache ich mir schon so Gedanken: Was muss der hier für Orgien haben oder so. Aber nach all den Jahren ist das für mich normal. Natürlich liegt unter den Betten oder in den Ecken mal etwas rum, Strümpfe oder Kondome. Die älteren Kollegen reagieren da gar nicht mehr drauf. Das erlebt jeder in der Möbelbranche.

Für mich ist ein Möbelstück einfach nur ein Möbelstück, und ich muss mir etwas einfallen lassen für den Transport. Ich finde aber schon, dass Möbel zueinander passen müssen. Manche Leute haben dort ein teures Antikstück, dann da mal ein Schränkchen, immer unterschiedlich, sieht häufig aus wie reingeworfen.

Aber mein Geschmack muss ja keinem gefallen. Ich finde, die Wohnung darf nicht zu überladen sein. Ich muss mir nicht einen neuen Rembrandt kaufen, wenn ich schon drei habe. Ist doch albern.

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