Zeitung Heute : Einer von uns

Der Bäcker geht in die Bank, schießt zweien in den Kopf, zerschlägt dem dritten den Schädel, flieht mit 33 514 Euro. War es so? Ein ganzes Dorf glaubt es und hat doch den Glauben verloren

Marc Neller[Siegelsbach]

Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, dass es einer von ihnen ist. Einer aus dem Dorf mit seinen 1690 Bewohnern, wo jeder jeden kennt? Unmöglich. Worauf sollte man sich noch verlassen, wenn der Mann, bei dem man jeden Morgen sein Brot kaufte, loszieht und zwei Menschen brutal ermordet aus Habgier.

Siegelsbach, süddeutsche Provinz, Fachwerkhäuser, Schauplatz eines Verbrechens, das den Ort bis heute in Aufruhr versetzt. Der 7. Oktober 2004: Siegelsbach ist in der Mittagspause, die Trottoirs leer. Torsten M., 29, mit kurzem Haar und randloser Brille, schließt pünktlich um zwei die Tür der Ein-Mann-Zweigstelle der Sparkasse Kraichgau auf. Er hat die Tür zum Besprechungszimmer geöffnet, da hört er eine Stimme: „Hände hoch, Überfall. Geld her!“ Torsten M. öffnet den Tresor, packt 33 514 Euro in eine Plastiktüte. Der Räuber befiehlt ihm, sich hinzuknien, dann schlägt er mit der Pistole zu. So hat es Torsten M. vor Gericht erzählt. Er habe sich noch umgedreht, der Mann habe die Pistole am Lauf gehalten und noch einmal zugeschlagen, so dass seine Schädeldecke über dem linken Auge zertrümmert ist, eine Titanplatte ersetzt heute den Knochen.

Hermann und Gisela C. haben nichts bemerkt. Das Rentnerehepaar steht im Windfang der Sparkasse, es plant eine Reise und will noch ein paar finanzielle Fragen klären. Der Räuber befiehlt sie in den Schalterraum. Hermann C., 66, muss sich über einen Stuhl legen. Er spürt die Mündung der Pistole in seinem Genick. Das Projektil, Kaliber 7,65 Millimeter, verfehlt den Übergang des Hirnstrangs in das Rückenmark nur um Millimeter. Der Chirurg, der ihn notoperiert, wird sagen, dass das eine Hinrichtung war. Gisela C., 65, überlebt nicht. Der Täter hat ihr von vorne ins Gesicht geschossen, zweimal.

„Das allein wäre schon schlimm genug“, sagt Bürgermeister Uli Kremsler. Doch hinzu kommt, dass der Täter eben doch einer von ihnen sein soll. Der Bäckermeister Alfred B., 47 Jahre alt. Keine 200 Meter von der Sparkasse entfernt hat er seine Bäckerei. Sie ist heute geschlossen, und der Bäcker steht vor dem Heilbronner Landgericht, die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen Mordes angeklagt. „Ich war’s nicht“, hat Alfred B. am Anfang des Prozesses gesagt, seither schweigt er.

Zwei Tage nach dem Mord wurde er verhaftet. In den Tagen danach standen seine Töchter im Laden und verkauften Brezeln, Weckle, Brot und frische, selbst gemachte Nudeln. Eine Frechheit sei das, was die Polizei da veranstalte, sagten die Töchter. Die Siegelsbacher sahen es ähnlich: Der Alfred soll’s gewesen sein, der hier geboren ist, zur Schule gegangen, der die Bäckerei vom Vater übernommen hat, wie der schon von seinem Vater? Niemals. Ruppig ist er ja, aber kein Mörder und nicht blöd. Der Täter war nicht maskiert.

Auch Daniel Fritsch, der evangelische Pfarrer, war skeptisch. Er traf den Bäckermeister keine halbe Stunde nach der Tat im Wald. Alfred B. war aus seinem Wagen gestiegen und hatte sich freundlich mit dem Geistlichen unterhalten. Der Bäcker ist Mitglied seiner Gemeinde.

Doch dann sagten die beiden Opfer aus. Hermann C. hatte schon zu einem Rettungssanitäter gesagt: „Der Bäcker war’s.“ Als er aus dem künstlichen Koma erwachte, flüstert er drei Worte: Siegelsbach, Bäcker – und dessen Namen. Später im Gerichtssaal wiederholt er die Aussage. Auch Torsten M. sagte, er sei sicher: „Es war der Bäcker, ich habe ihn erkannt.“ Beide kennen Alfred B. persönlich. Trotzdem bezweifelt die Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf, dass die Opfer glaubwürdig sind. Es gibt ein Gutachten, dass diese Auffassung stützt. Die Verteidigerin gibt aber zu, dass „das Geld ein Problem ist“. Die Polizei fand auf dem Anwesen des Bäckers 20 000 Euro in bar, gut versteckt. Und der Leiter der Volksbank in Bad Rappenau sagte, Alfred B. habe ein paar Stunden nach dem Überfall 10 000 Euro und tags darauf noch einmal 4600 Euro einbezahlt. Das Konto war vorher weit überzogen, und die Beträge zusammen ergeben ziemlich genau die Summe, die in der Sparkasse geraubt worden war. Schließlich fand man im Auto des Bäckers eine Blutspur und einen Haarrest des Bankangestellten. Seit kurzem gibt es ein neues Ermittlungsergebnis: einen Schuhabdruck, den die Polizei in der Bank fand, im Blut eines Opfers. Er soll von einem selten verkauften Jägerschuh stammen, dessen Größe mit der des Angeklagten übereinstimmt. Andererseits hat niemand Schüsse gehört, niemand außer den Opfern den Täter gesehen. Die Kamera in der Bank war ausgeschaltet. Die Polizei hat keine Tatwaffe gefunden. Allerdings hat Alfred B., ein passionierter Jäger, von seinem Vater ein Arsenal geerbt. Eine Pistole, Kaliber 7,65 Millimeter, meldete er vor Jahren als verloren; sie tauchte danach nicht wieder auf. Es ist ein ungarischer Nachbau einer Walter PP, wie sie bei dem Überfall benutzt worden sein soll. Der Staatsanwalt sagt, dass Modelle dieses Typs sehr rar sind.

Und das Geld? Den Ermittlern sagte Alfred B., es stamme aus Schwarzgeschäften, ein Bekannter hinge mit drin.

Das Gericht hört viele Zeugen. Zeugen, die den Bäcker gesehen haben an diesem 7. Oktober; kurz nach dem Überfall oder unmittelbar davor. Wenn alle Aussagen stimmen, bleiben nur wenige Sekunden bis Minuten, in denen Alfred B. gemordet haben kann. Und wenn es stimmt, dass ihn ein Bauer um 13 Uhr 54 außerhalb der Ortschaft gesehen hat; und wenn es dann noch stimmt, dass zwei Minuten später das Ehepaar C. vor der Bank ankam – dann wäre ausgeschlossen, dass er der Täter ist. Auf diese Zeitangaben baut die Verteidigerin. Der Staatsanwalt hat sie noch einmal überprüfen lassen; die Ergebnisse interpretiert er so, dass „der Angeklagte die Tat mühelos in der ihm verbliebenen Zeit begangen haben kann“.

Sieben Monate dauert der Prozess. Das Leben in Siegelsbach, so scheint es, hat in die gewohnten Bahnen zurückgefunden. Die Mittelständler gehen ihrem Handwerk nach, die Frauen verschwinden morgens hinter den Werkstoren der Kosmetikfirma Mann & Schröder, dem größten Arbeitgeber im Ort. Am Brunnen neben der Sparkassenfiliale treffen sich mittags Mütter und später Jugendliche. Und am Abend sind die fünf Gastwirtschaften gut besucht. Niemand will dort über „diese Sache“ sprechen. Dann aber bricht sich doch das Entsetzen Bahn. Man erfährt, dass früher oder später jedes Gespräch im Ort bei einem Thema anlangt: wie dies in ihrer Mitte passieren konnte. Dass einer der Täter sein könnte, den man seit ewig zu kennen glaubte. „Der Schock“, sagt ein alter Mann, „sitzt noch so tief wie am Tag, als es passierte.“ Keiner glaube mehr, dass der Alfred unschuldig ist. „Das Dorf kommt nicht zur Ruhe, bevor es ein Urteil gibt.“ Ende Januar soll das Gericht entscheiden. Und wenn die Indizien gegen Alfred B. nicht ausreichten, und er als freier Mann zurückkäme? Das, sagt der alte Mann, wolle sich hier keiner vorstellen.

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