Zeitung Heute : Einfach mal die Klappe halten

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Mein Mädchen hat ein Identifikationsproblem, und so wie es scheint, kann ich ihr dabei nicht helfen. Nicht, dass man da nichts machen könnte, aber betrüblicherweise werde ich im Konjunktiv bleiben müssen, weil der Indikativ mit derart vielen negativen Indikatoren vollgestopft ist, dass alle Indizien für eine Besserung wohl nur Imagination bleiben werden. Und wenn nicht, dann deutet alles auf eine baldige Indikation einer Schizophrenie hin.

Genug geschwafelt. Dieses ist kein Proseminar über den richtigen Einsatz des Fremdwörterdudens, obschon es um Sprache geht und ein Fremdwörtbuch helfen könnte. Aber mein Mädchen kann noch nicht lesen. Sie ist ja noch nicht mal zwei. Und Wörter sind für sie im Moment noch ziemlich fremd.

Es ist nämlich so: Ich bin nicht von hier. Und weil die Mutter meines Mädchens auch nicht von hier ist, bin ich der Meinung, dass mein Mädchen auch keine Deutsche ist, obwohl sie bei ihrem ersten Augenaufschlag die kalkweißen Wände der Charité erblickte. Weil das alles gut ist, so wie es ist, wollte ich also, dass es so bleibt, wie es ist, und also übte ich fleißig.

„Sag mal Schaufel, Mädchen", sagte ich zu ihr, da war sie noch kein Jahr. „Dada".

„Sag mal Küberl, Mädchen", sagte ich zu ihr, da war sie noch nicht viel älter. „Papa".

Ein guter Anfang. Sie hätte ja auch „Vahhti" sagen können. Wir übten. Semmeln heißen bei uns Semmeln, obwohl sie wie eine Schrippe aussehen. Karotten sind Karotten, obwohl sie einer Möhre zum verwechseln ähneln, das alkoholfreie Getränk auf Apfelbasis ist ein Obi g’spritzt oder zumindest ein Apfelsaft, jedenfalls sicher keine Apfelschorle. Und natürlich bleibt ein Topfen ein Topfen, alles andere ist Quark. Wir verstanden uns.

Doch dann begann mein Mädchen ihre Kita-Karriere. Was soll ich sagen? Ich sagte zunächst mal gar nichts, sondern heulte mit der Mutter meines Mädchens um die Wette, weil wir uns als Rabeneltern fühlten, die ihr Küken in eine Verwahranstalt abgeschoben hatten. Dann war ich sprachlos, weil es der undankbaren Göre in der Kita so gut gefiel, dass sie nicht nur einmal nicht nach Hause gehen wollte. Und dann begann der kleine Balg zu reden, und wie. „Bring mir mal die Schaufel, Mädchen." „Papa Schippe." „Und wo ist das Küberl?" „Eimer ? da!"

Ich meine, wo sind wir hier? In Berlin, schon klar, aber was taten diese scheinbar netten Kita-Erzieherinnen mit meinem Mädchen? War das ein Sprach-Gulag? Betrübt schlich ich mit meiner Tochter zu meinem Lieblingsspanier, einem verschwiegenen Lokal in der Luisenstraße, dessen Vorzug weniger die leckere Paella ist als vielmehr der Kellner, der mal ein paar Monate in Wien gelebt hat.

Ich unternahm einen letzten Versuch. „Mädchen, was willst du trinken", fragte ich. „Apfelschorle." Der Kellner grinste wie ein dressiertes Hutschpferd, als ich indigniert „zwei Obi g’spritzt" bestellte. Der Rest war Schweigen. Gut, dass die nächsten drei Wochen Kitaferien sind. Markus Huber

Der Spanier „Papas Tapas" ist in der Luisenstraße 41. Fremdwörterduden gibt es in jeder Buchhandlung. Und im September erscheint bei Ueberreuter, Wien, das Pflichtbuch „Österreichisch für Anfänger".

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