Zeitung Heute : Einfallsreich, unkonventionell und voller Esprit

Die Werkstatt Deutschland setzt sich für das Gemeinwohl ein. In diesem Jahr wird zum ersten Mal „die quadriga“ verliehen

Brigitte Grunert

Wie war das doch nach der Wende? Die Einheit war atemberaubend schnell da. Doch gleich nach dem Jubelfest stellte sich der Kater ein. Plötzlich war nur noch von Besserwessis und Jammerossis, Rangeleien und Ressentiments, wirtschaftlichem Einheitsschock und Lähmung die Rede. In dieser Situation sinnierten Berliner gute Bekannte Anfang 1993 in einer Kreuzberger Kneipe, was man für den Aufbruch zu neuen Ufern tun könne. Die Publizistin Marie-Luise Weinberger, Rechtsanwalt Klaus Riebschläger und Sony-Geschäftsführer Rainer Wagner hatten die Idee eines Diskussionsforums. Riebschläger hatte seine politische Karriere in Berlin West schon seit 1981 hinter sich. Mit 32 war er der jüngste Senator, mit 40 musste er abdanken. Jetzt war er wieder SPD-Abgeordneter, aber er wollte mehr bewirken.

Gesagt, getan. Am 18. Februar 1993 debattierten auf Einladung des Trios unter anderem Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth (CDU), die Brandenburger Ministerin Regine Hildebrandt (SPD), der Schriftsteller Peter Schneider, mehrere Berliner Senatoren sowie Spitzenvertreter der Wirtschaft und Presse über die Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik. Es war ein „Testlauf“ im kahlen Hotel Esplanade – der Kaisersaal wurde später mit einem technischen Kraftakt versetzt und in das Sony-Center eingebaut. Das breite Echo beflügelte die Initiatoren zur Gründung des überparteilichen gemeinnützigen Vereins Werkstatt Deutschland, zu der sich sieben Gründungsmitglieder am 10. Mai 1993 im Café Möhring am Gendarmenmarkt trafen. Das ist nun zehn Jahre her, und die „Werkstatt“ ist zu einer Institution geworden. Wohl kaum einer anderen gelang es, so viele Große aus aller Welt zu Gesprächsforen und Aktionen zusammenzuführen.

Der Vorstand des Vereins ist im Wesentlichen immer noch derselbe. Ihm gehören Klaus Riebschläger als Vorsitzender und Marie-Luise Weinberger als stellvertretende Vorsitzende an, ferner der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU), Schauspielhaus-Intendant Frank Schneider, der Theologe Richard Schröder, SPD-Fraktionschef in der letzten DDR-Volkskammer, und Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes. Riebschläger hat dem Kind den Namen gegeben. „Aber Frau Weinberger ist wichtiger als ich“, sagt er. Und das meint er auch so. Sie ist eben dank ihrer originellen Ideen und ihrer Tatkraft Motor und Seele aller Aktivitäten.

Das Anliegen steht in der Satzung: „Die Werkstatt Deutschland setzt ein Zeichen für aktiven Bürgersinn und fragt nicht, was der Staat für die Gesellschaft tun kann, sondern was die Bürger für das Gemeinwohl tun können“. Sie will „Leitbilder für die Zukunft entwickeln“ und „innovative und realitätstüchtige Wege für die Gegenwart" weisen helfen – weg von der „Verteidigung alter Positionen“, hin zur „demokratischen Erneuerung“. Nicht mehr als 35 Mitglieder hat der Verein, unter ihnen der CDU-Bundespolitiker Wolfgang Schäuble, der Berliner Senator Klaus Böger (SPD), Repräsentanten der Wirtschaft und der Presse. Klein, aber arbeitsfähig. Ein großer Verein hätte womöglich zu viel mit sich selbst zu tun. Alle Aktivitäten werden durch Sponsoren finanziert. Erst mit dem kompletten Veranstaltungsprogramm wirbt man um Spenden. Das ist zwar jedes Mal ein Risiko, aber so etwas imponiert der Wirtschaft. Das Sponsoring klappt bisher immer.

Vielfältige Aktionen

Die „Werkstatt“ hat mit vielen Veranstaltungen von sich reden gemacht, immer einfallsreich, unkonventionell und voller Esprit. Selbst einen Zirkus und die Bundesbahn hat Frau Weinberger schon eingespannt. Anfangs war der Tag der Einheit die Hauptsache. „Der 3. Oktober soll nicht zum Staatsakt einerseits und Jubel, Trubel, Heiterkeit für die Volksseele andererseits erstarren“, sagt Riebschläger. Bei der „Werkstatt“ ist jeder willkommen.

Sie hat sich bald auch mit vielfältigen anderen Aktionen einen Namen gemacht. Die Werkstatt warb mehrfach für die Fusion von Berlin und Brandenburg. 1997 setzte Marie-Luise Weinberger einen Sonderzug Berlin-Bonn in Bewegung, um Ressentiments gegen den Hauptstadtumzug abzubauen und das Miteinander beider Städte zu fördern. Sie gewann 1998 Bundespräsident Roman Herzog als Schirmherrn für das Jugendprojekt „Zukunft unterwegs“. Der Berliner Parlamentspräsident Walter Momper öffnete das Abgeordnetenhaus für einen internationalen „Berlin-Gipfel“ über Zukunftsfragen. Marie-Luise Weinberger brachte es sogar fertig, dass der amerikanische Präsident Bill Clinton der „Werkstatt“ zum 3. Oktober 1996 eine Grußbotschaft schickte. Ihr Werk war es auch, dass Clinton am 3. Oktober 2002 Gast der Werkstatt Deutschland war – und zur Enthüllung des Brandenburger Tores sprach.

Realitäten, Visionen, Befindlichkeiten – das war bisher das Motto der „Werkstatt“ zum 3. Oktober. Im Jubiläumsjahr überrascht sie mit etwas Neuem. Sie hat einen Preis gestiftet. „die quadriga" wird nun alle Jahre am 3. Oktober Persönlichkeiten verliehen, die sich durch Mut zum Neuen, Visionen und Verantwortung ausgezeichnet haben.

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