Zeitung Heute : Eingeschänkt

In den Seitenstraßen der „Wilmersdorfer“ kann man jeden Durst löschen

Maximilian von Demandowsky

Tote Hose oder Halligalli? Keine Frage. Tagsüber ist die Wilmersdorfer Straße ein Magnet für Shoppingsüchtige und Schnäppchenjäger. Nicht nur die Kaufhäuser sind voll, auch die Cafés und Restaurants sind gut besucht, aber wo kann man hier abends einkehren? Etwas gespenstisch wirkt es schon, wenn man nach 20 Uhr die Fußgängerzone entlanggeht. Wohin des Wegs also nach dem Shoppingmarathon in Charlottenburg zwischen Kant- und Bismarckstraße?

Der erste Gedanke: zum Mommsen-Eck, das liegt in südlicher Richtung. Das geräumige Lokal am Bayern-Brunnen nennt sich auch das „Haus der 100 Biere“. Rustikal und gemütlich eingerichtet, verströmt das Mommsen-Eck sofort eine Urberliner Atmosphäre. In der traditionellen Kneipe dreht sich seit 1905 alles rund um das kulinarische Wohl. Es gibt Deftiges und Geschnetzeltes. Wer schon immer mal wissen wollte, wie eigentlich der finnländische Verwandte des Gerstensafts schmeckt, sollte das Lapin Kulta probieren, ein eher helles Bier. Aus Nigeria kommt zum Beispiel das Windhoek Lager, ebenfalls ein Helles, mit dem es sich prächtig in die Savanne Afrikas träumen lässt. Aus den Lautsprechern tönt Michael Jacksons „Bad“, während sich ringsherum Anwohner ein Feierabend-Bier gönnen und Touristen mit amerikanischem Akzent dicke Zigarrenrauchschwaden ausstoßen.

Verlässt man die Schänke und läuft die Giesebrechtstraße in Richtung Sybelstraße entlang, so kommt man unweigerlich an „Juleps New York Bar & Restaurant“ vorbei. Drinnen wähnt man sich inmitten einer typisch amerikanischen Bar der 20er-Jahre. Am Tresen mit dem großen Spiegel werden kräftige Cocktails zu Jazzmusik gemixt. An der Decke summen leise Ventilatoren. Man kann es sich wahlweise auf Ledersesseln oder auf klassischen Holzstühlen bequem machen. Das Personal ist schnell und zuvorkommend, die Speisekarte zweisprachig und auch die Kellner sprechen mitunter Englisch. Das überwiegend jüngere Publikum nippt genüsslich an exotischen Cocktails.

Mittlerweile ist es halb elf Uhr geworden. Wer hierher kommt, weiß, warum. So wie Anwohner und Schauspieler Siggi Kautz („Tatort“, „Alle lieben Jimmy“, „Die Rettungsflieger“). Der 27-Jährige wohnt erst seit zwei Monaten in Charlottenburg, kennt seinen Kiez aber schon genau. Obwohl seine Wohnung etliche Straßen weiter nördlich liegt, zieht es ihn immer wieder hierher, in diese Bar: „Hier gibt es einfach gutes Essen und leckere Cocktails“.

Ab 23 Uhr, so verrät er mir, ist zwar eigentlich rund um die „Wilmersdorfer“ nicht mehr viel los. Doch nach einer längeren Pause lächelt er verschmitzt: „Ich kenn’ da eine Bar, die hat bis 5 Uhr auf, die zeig ich dir.“ Also Aufbruch in Richtung Kantstraße. Vorbei an einem Sushi-Restaurant, weiter in eine kleine Seitenstraße. Und richtig. „La Batea“ heißt das Ziel und liegt in der Krummen Straße. Ganz schön voll ist es hier in Berlins ältestem lateinamerikanischen Restaurant. Vor 28 Jahren von einigen Verfolgten des Pinochet-Regimes aus Chile gegründet, wurde es über die Jahre zu einem kulturellen und kulinarischen Stück Heimat für die versprengten Latinos.

Die Spanisch sprechende Bedienung ist überaus freundlich. Auf der Karte finden sich neben Tapas, Tortillas und Empanadas typische lateinamerikanische Spezialitäten, auch gute Cocktail-Angebote. Zu schnellen Salsa-Rhythmen schmeckt da der Cuba Libre gleich doppelt gut. Auf dem Nachbartisch künden bunte Flyer von Salsa-Kursen und Live-Musik.

Siggi kennt die Kellner offenbar gut, begrüßt alle mit einem kräftigen Handschlag. Es herrscht eine lockere Atmosphäre, kleine Gruppen sitzen zusammen, gestikulieren und diskutieren. Nach einem Abschieds-Tequila auf Kosten des Hauses dränge ich zum Aufbruch und bin angenehm überrascht von dem abwechslungsreichen Flair Alt-Charlottenburgs.

Mommsen-Eck. Haus der 100 Biere, Mommsenstraße 45; Juleps New York Bar & Restaurant, Giesebrechtstraße 3; Hoeck, Wilmersdorfer Str. 149; La Batea, Krummestraße 42

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