Zeitung Heute : Eingeschossen auf den Torwart

Weitschüsse und scharfe Bälle in den Strafraum sind die Phänomene dieser WM – und sie sind ein Problem für die Schlussmänner auf dem Spielfeld. Doch bislang mangelt es an der wissenschaftlichen Aufbereitung der populärsten aller Sportarten. Was im Hockey oder beim Schwimmen längst normal ist, wäre auch im Fußball dringend erforderlich.

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Von Armin Lehmann

Während in Deutschland vor der WM die so genannte Torwartfrage heftig diskutiert wurde, begann man sich in den Funktionärskreisen des Europäischen Fußball-Verbandes (Uefa) ein paar erstaunliche Gedanken zu machen. Es ging um die Neuorganisation der Trainerlizenzen, die praktischerweise in einem vereinten Europa einheitlich sein sollten. Man beschloss zunächst, über eine Lizenz für Konditionstrainer nachzudenken, dann überlegte man, ob es nicht sinnvoll sei, auch den Torwarttrainer auf eine solide Ausbildungsbasis zu stellen.

Zeitgleich forderte der Chefausbilder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Erich Rutemöller, im Tagesspiegel, man müsse dringend über eine institutionalisierte Torwarttrainerausbildung nachdenken. Rutemöller bekam für seinen Vorschlag von Torwartlegenden wie Sepp Maier und Toni Schumacher Applaus, und zwar deshalb, weil die Helden vergangener Tage sich erinnerten, wie stümperhaft selbst in der Bundesliga das Training war. Bis heute gibt es keine geregelte Ausbildung und keine wissenschaftliche Aufbereitung für die Torwarttrainerlehre. „Letztlich“, sagte Sepp Maier, „haben wir uns alles immer selbst beigebracht.“ Und Toni Schumacher fand: „Wir waren Autodidakten. Wenn auch sehr gute.“

Diese Episode soll einleitend nur erklären, dass es im Fußball noch immer eher schlecht bestellt ist um eine wirklich fundierte, ja wissenschaftliche Aufarbeitung dieser populärsten aller Sportarten. Traditionell wird eben „herumgewurschtelt“, wie es auch einer der DFB-Jugendtrainer und ehemalige Torwart von Fortuna Düsseldorf, Jörg Daniel, ausdrückt.

In anderen Sportarten haben sich die technischen Rahmenbedingungen revolutioniert, man denke an die Schwimmer und deren Wendetechnik oder auch, ja natürlich, an Hockey. Nationaltrainer Bernhard Peters wurde vom DFB nicht als innovative Hilfe für die Trainingslehre anerkannt, sondern als artfremd abgelehnt. Dabei hat Peters die Videoanalyse perfektioniert. In der Bundesliga gehört sie zwar zum Standard, aber sie wird nicht in Trainingslehre und praktische Trainingsübungen umgesetzt, kritisiert Daniel. Genau das aber ist Peters Stärke.

Womit wir indirekt bei dieser WM wären. Anscheinend macht sich niemand fundiert Gedanken darüber, wie man beispielsweise gegen die inflationär auftretenden scharfen Freistöße aus dem Halbfeld in den Strafraum hinein vorgehen kann. Ist das ein Torwartproblem?

Fast in jedem Spiel sieht man diese gefährliche Waffe aus dem Repertoire der Standards. Der Ball wird mit unheimlicher Schärfe und viel Schnitt nicht mehr vom Tor weg gespielt, sondern direkt auf das Tor gedreht. Kommt der Ball in den Strafraum, gibt es heillose Verwirrung, und es bildet sich schnell ein undurchsichtiges Knäuel an Spielern. Der Torwart dahinter hat es am schwersten. Er sieht den Ball und gleichzeitig eine Lawine von Spielern auf sich zukommen. Soll er nun raus, oder soll er auf der Linie bleiben? Die meisten Torhüter bei der WM bleiben stehen. Zu allem Überfluss wird der Ball nicht nur hoch, sondern oft auch flach und scharf hereingebracht. Dann kann der Torwart ihn nicht einmal sehen.

Wie wichtig die Variante aus Sicht der angreifenden Mannschaft ist, verdeutlichte das erste Gruppenspiel der Argentinier. Die Elfenbeinküste spielte so leidenschaftlich nach vorn, dass die Argentinier zeitweise in ernste Schwierigkeiten kamen. Genau in dieser Phase bekamen die Argentinier einen Freistoß auf Linksaußen zugesprochen. Juan Riquelme zirkelte den Ball mit ungeheurem Spin in den Strafraum, immer näher drehte er sich vor das Tor. Der Torwart erstarrte in Ehrfurcht, Didier Drogba, der zur Hilfe nach hinten geeilt war, bekam den Ball unkontrolliert an den Kopf, und von dort sprang er Crespo direkt vor die Füße. 1:0.

So banal die Sache von außen aussieht, so schwer ist sie. Erich Rutemöller ist sich sicher, „dass man dafür geschulte Spieler braucht, die das auch intensiv trainieren“. Außerdem benötige man auch Leute, die sich bei solchen Bällen trauen, ins Gewühl zu springen“, sagt Rutemöller und ist sich über eine Gegenstrategie unsicher. „Ich bin da konservativ. Ich plädiere weiterhin für die Manndeckung, auch das Abseitsstellen ist mir zu gefährlich.“

Jörg Daniel, der sich als einer der wenigen Trainer wissenschaftlich mit dem Torwartspiel auseinander setzt und neue Ideen in seinen Jugend-Nationalteams U14, U15 und U16 ausprobiert, sieht es anders: Seine Idee ist radikal, hat aber Charme: „Ich sage meinen Spielern, sie sollen überhaupt nicht auf den Gegner achten, sondern die besten Kopfballspieler dicht vor dem eigenen Tor versammeln und dann dem Ball entgegenlaufen.“ Daniel hält es für einen großen Fehler, dass die Verteidiger sich stattdessen relativ weit weg vom Tor positionieren, um dann „beim Schuss doch wieder mit den Gegnern zurück in Richtung Tor zu rangeln“. Aber der verteidigende Spieler steht halb mit dem Rücken zum Ball und kann, siehe Drogba gegen Argentinien, den Ball nicht kontrollieren.

„Dem Torwart rate ich, so zu reagieren, als wenn keiner den Ball bekommt“, sagt Daniel. Auch er soll sich also zum Ball positionieren, um ihm entgegengehen zu können. Kommt der Ball flach, wird er vom eigenen Mann abgefangen, „und wenn der Ball sehr hoch kommt, fängt er ihn sowieso“, sagt Daniel. Auch das Abseitsstellen hält Daniel für keine schlechte Alternative, „in unseren Jugendmannschaften haben wir, empirisch belegt, gute Ergebnisse mit diesen Varianten erzielt“. Auf jeden Fall seien diese Art von Flugbällen kein „Torwartproblem, sondern ein Abwehrproblem“, sagt Daniel.

Große taktische Revolutionen haben Rutemöller und Daniel bisher übrigens auf der viel zitierten „Messe Fußball“ nicht beobachten können. „Das meiste, was wir sehen, hat man auch schon bei der EM in Portugal anschauen können“, sagt Rutemöller. Allerdings falle auf, dass es wieder einen Trend weg von der Mitte gebe. „Weil das schnelle Passspiel mit nur ein oder zwei Ballkontakten sowieso nur wenige Mannschaften beherrschen“, sagt Rutemöller. Viel wichtiger sei es, die immer dichter werdenden Räume auszunutzen. Da fast alle Teams im Verbund verschieben, das heißt, die Dreier- oder Viererketten gemeinsam in Richtung des ballführenden Spielers laufen, tun sich nur in der jeweils entgegengesetzten Laufrichtung der Kette Räume auf. Die aber sind oft recht groß. Dort hinein muss man schnell kommen, in den Rücken der Abwehr, und die deutsche Mannschaft hat dies beim Tor gegen Polen perfekt demonstriert. Ansonsten, sagt Rutemöller, sei alles außer Mode, was „ein starres System spielt“. Flexibilität und Mut zur Taktikänderung mitten im Spiel seien notwendiger denn je.

Und die Italiener, die ihren Catenaccio gegen Tschechien wiederentdeckt zu haben schienen? „Nein“, sagt Jörg Daniel, „Weltmeister kann man mit einer so defensiven Ausrichtung nicht werden, weil die Räume nach vorne viel zu weit werden.“

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