Zeitung Heute : Eingesperrt im Leben

Peter liegt im Wachkoma – sein Vater geht vor Gericht, damit der Sohn sterben darf

Jörg Schallenberg[München]

Eigentlich sollte Peter K. schon lange nicht mehr hier sein. Zumindest, wenn es nach seinem Vater ginge. Dabei hat der ihn selbst vor knapp fünf Jahren hergebracht, in das Pflegeheim „Alpenpark“ am Rande des oberbayerischen Ferienortes Kiefersfelden. Dort liegt Peter K. im Wachkoma. Er atmet, schläft, ist wach, verdaut. Ernährt wird er über eine Magensonde. Die inneren Körperfunktionen laufen normal, doch ob Peter über irgendeine Form von Bewusstsein verfügt, weiß niemand. Sein Großhirn ist zerstört. Die meisten Ärzte meinen, dass solche Patienten Sinneswahrnehmungen in keiner Form mehr verarbeiten können. Peter K. sieht, er hört, aber die Eindrücke laufen ins Leere. „So“, sagt der Vater, „hätte Peter nie leben wollen.“ Deswegen möchte Herr K., dass sein Sohn stirbt.

Er war schon mal fast tot. Damals, an einem heißen Sommersonntag 1998 in Hannover, wollte sich Peter das Leben nehmen. Er war 33 Jahre alt und litt an Depressionen, als er sich an einem Gürtel erhängte. Seine Freundin fand ihn kurze Zeit später, der Notarzt schaffte es nach einer halben Stunde, Peter zu reanimieren. Er kam ins Krankenhaus. Herr K., der einen Getränkehandel bei Bad Tölz besitzt, fuhr nach Niedersachsen und entschied, angesichts des anscheinend hoffnungslosen Zustandes seines Sohnes gemeinsam mit den Ärzten, die künstliche Beatmung abzustellen.

Doch sein Sohn atmete von alleine weiter. Und in diesem Moment begann, sagt Anwalt Wolfgang Putz, „die Inkonsequenz des Falles“. Putz ist einer der renommiertesten Medizinrechtler Deutschlands, er vertritt Herrn K. Wenn Putz in seiner Kanzlei in die Akten des Falles blickt, schüttelt er immer wieder den Kopf: „Die künstliche Beatmung wurde eingestellt. Aber die künstliche Ernährung wurde beibehalten. Warum?“ Anwalt Putz und sein Mandant K. fordern, dass die Magensonde bei Peter entfernt wird. Er soll verhungern und verdursten. Rechtlich ist das möglich, denn passive Sterbehilfe ist erlaubt, falls es der Patient vorher eindeutig verfügt hat oder falls nächste Angehörige meinen, in seinem Sinne zu entscheiden.

„Das wusste ich damals aber nicht“, sagt Herr K. Also brachte er Peter in den „Alpenpark“. Dann ging er zu Wolfgang Putz. Schnell kamen die beiden überein, dass es das Beste sei, die künstliche Ernährung abzustellen. Zumal viele Ärzte den Entzug der Nahrung als ein humanes Sterben beschreiben, das wie ein allmähliches Dahindämmern geschieht.

„Hat es denn jemand von diesen Experten schon selbst erlebt? “ Ingrid Ranzinger, 36, leitet den Pflegedienst im „Alpenpark“ und schaut einem herausfordernd in die Augen. Von ihr und ihrem Pflegepersonal verlangen Wolfgang Putz und Herr K., dass sie Peter sterben lassen. Ingrid Ranzinger weigert sich. Vom Landgericht Traunstein und dem Oberlandesgericht München ist sie in ihrer Haltung bestärkt worden. Niemand kann gezwungen werden, einen Menschen sterben zu lassen, sagten die Richter. Bald entscheidet der Bundesgerichtshof über eine Revision. Und wird die verworfen, geht der Fall wohl vor das Bundesverfassungsgericht.

Für Ingrid Ranzinger ist Peter „ein Mensch, der sehr wohl Gefühle und Empfindungen zeigen kann“. Dann erzählt sie, wie Peter auf verschiedene Menschen reagiert, wie aufgeregt er wirkt, wenn sein Vater zu Besuch kommt: „Seine Atmung wird dann rasend schnell. Sein Gesichtsausdruck verändert sich. Und oft hat er hinterher Tränen in den Augen. Wir brauchen dann sehr lange, um ihn wieder zu beruhigen.“ Dann erzählt sie noch, wie freudig er reagiert, wenn man ihm Obst oder auch Wein an die Lippen oder an die Zunge hält und wie schnelle und langsame Musik seine Atmung verändern kann.

„Blödsinn“, sagt Herr K., „ich habe meinen Sohn 33 Jahre gekannt. Alles an ihm. Frau Ranzinger kennt ihn nur als Komapatienten. Und jetzt erzählt sie, dass sie mit ihm auf anderer Ebene kommuniziert.“ Vor lauter Ärger verdreht er die Augen. „Außerdem“, sagt der Jurist Putz, „geht es nicht darum, ob Peter Zahnpasta von Marmelade unterscheiden kann. Sondern, ob er so leben will.“ Nach einem schweren Autounfall vor Jahren, den er mit Glück überlebte, habe Peter zu seinem Vater gesagt: „Wenn mir ernsthaft was passiert, möchte ich keine lebensverlängernden Maßnahmen.“ Dabei soll er ausdrücklich auch ein Dauerkoma erwähnt haben. Anwalt Putz hat acht eidesstattliche Erklärungen von Bekannten der Familie K. zusammengetragen, die bestätigen, solche Sätze von Peter gehört zu haben. Die Gerichte hat das nicht überzeugt. Der Arzt, der Peter seit Jahren betreut, schrieb in einem Attest: „Es besteht keine Indikation zu lebenserhaltenden Maßnahmen. Die gleichsam zwangsweise Ernährung (…) widerspricht der natürlichen Entwicklung eines humanen Ablaufes des Geschehens.“

„Wir haben unsere eigenen Erfahrungen“, sagt Ingrid Ranzinger. Später führt sie durch das Heim. In einem Raum spielt jemand Gitarre. Daneben sitzt Heike (Name geändert) im Rollstuhl. Auch sie befindet sich im Wachkoma. Ihre Gesichtszüge sind starr, Füße und Hände haben sich nach innen gebogen. Solche Verkrampfungen sind typisch für Wachkoma-Patienten. Doch als sie die Musik hört, strahlt sie über das ganze Gesicht. „Heike ist Peter durchaus vergleichbar“, sagt Frau Ranzinger. Überprüfen lässt sich das nicht.

Herr K. ist dagegen, dass irgendjemand seinen Sohn besucht: „Die Leute sollen sich an ihn als einen fröhlichen Mann erinnern. Ich will, dass er seine Würde behält.“ Wenn Herr K. so von seinem Sohn spricht, wird der harte, verbitterte Mann ganz weich. Nur für einen Moment. Das Gezerre um Peter hätte ein Ende, wenn ihn Herr K. nach Hause nehmen und dort sterben lassen würde. Doch das kann er nicht, sagt er. Andere Heime würden Peter wegen der Bekanntheit des Falles nicht aufnehmen, sagt der Anwalt, und fügt hinzu: „Wenn uns jemand einen anderen Platz gibt, dann ist der Fall in dieser Sekunde beendet.“

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