Zeitung Heute : Einige Äpfel von Einsteins Baum reifen erst jetzt

Der Tagesspiegel

Herr Ehlers, Sie gehören in Deutschland zu den wenigen Wissenschaftlern, die in der Erforschung von Raum, Zeit und der Schwerkraft auf den Spuren Einsteins wandeln.

Es stimmt leider, dass die Relativitätstheorie und Gravitationsphysik an deutschen Universitäten sehr schwach vertreten sind. Und es ist auch keine Veränderung zu sehen.

Woran liegt das?

Das hat vor allem historische Gründe. Im Dritten Reich war Einsteins „jüdische Physik“ verboten. Und nach dem Krieg waren Wissenschaftler maßgebend, die die Physik im ganz Kleinen fortgeführt haben.

Wie hat das Ihre Karriere beeinflusst?

Nach meiner Habilitation 1962 hatte ich keine Aussicht auf eine Dauerstelle. Deshalb bin ich in die USA gegangen.

Sie sind nach sieben Jahren zurückgekehrt.

Ja. Inzwischen hatte sich in Deutschland das Klima etwas verändert. Ich kam ans Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik in München, wo Werner Heisenberg Gesamtdirektor war. Er hat sich unter anderem für mich eingesetzt.

Haben Sie in all den Jahren nicht manchmal das Gefühl gehabt, ein Zwerg auf den Schultern eines Riesen zu sein?

(lacht) Ja, das ist schon so. Es ist eine ganz große Ausnahme in der modernen Physik, dass ein so tief greifendes Thema wie die Relativitätstheorie allein von einer Person geschaffen wurde. Das war zum Beispiel in der Quantenphysik ganz anders.

Sie haben Einsteins Theorie verfeinert, etwa im Hinblick darauf, wie Galaxien dank ihrer enormen Schwerkraft Lichtstrahlen ablenken. Tritt die Relativitätstheorie nicht dennoch auf der Stelle?

Nein. Die Mathematik hat sich in einer Weise weiterentwickelt, die für Einstein völlig unvorhersehbar war. Auch experimentell hat sich allerhand verändert. Zum Beispiel ist es gelungen, sehr präzise Uhren für zahlreiche neue Experimente zu bauen.

Trotzdem sind, mangels geeigneter Technik, immer noch nicht alle Vorhersagen Einsteins durch Experimente überprüft worden.

Ja. Einstein hat zum Beispiel schon 1916 die Gravitationswellen vorhergesagt . . .

. . . also Verzerrungen oder Kräuselungen von Raum und Zeit . . .

..., aber erst heute stehen wir an der Schwelle ihres Nachweises. Man muss sich klar machen, um welche Zeitspanne es da geht! Die Relativitätstheorie wurde auch deshalb oft nicht als förderungswürdig erachtet, weil man heute schnelle Ergebnisse sehen will.

Sie haben viel Zeit darauf verwendet zu studieren, wie sich die Krümmung des Raumes in alle Richtungen ausbreitet, wenn zum Beispiel ein Stern explodiert oder sich zwei sehr massive Sterne vereinen. Einstein selbst hat geglaubt, die Gravitationswellen würde man nie nachweisen können. Werden wir sie nun doch mit den Instrumenten beobachten können, die augenblicklich gebaut werden?

Binnen der nächsten zehn Jahre wird man Gravitationswellen mit ziemlicher Sicherheit beobachten können - vielleicht auch schon in den nächsten zwei Jahren. Dann müsste es allerdings in unserer Nachbarschaft irgendeine starke Quelle geben.

Geht es dabei lediglich um eine Bestätigung der Einsteinschen Vorhersagen?

Es geht darum, Wissenslücken zu schließen und zu zeigen, ob sich Gravitationswellen wirklich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten. Aber wichtiger als die Bestätigung der Theorie ist es auf längere Sicht, hochenergetische Vorgänge im Universum zu untersuchen.

Vor sieben Jahren haben Forscher einen neuen Zustand der Materie erzeugt, dessen mögliche Existenz Einstein vorhergesagt hatte: das Bose-Einstein-Kondensat. Damit hat sich ein weites Forschungsfeld eröffnet. Können wir mit ähnlichen Erkenntnissen rechnen, wenn Gravitationswellen sichtbar werden?

Ja. Wir können mit Hilfe der Gravitationswellen lernen, wie eine Verschmelzung zweier Neutronensterne vonstatten geht und was in den aktiven Kernen der Galaxien passiert. Mit Hilfe von Gravitationswellen können wir vielleicht sehr weit in die Frühgeschichte des Universums zurückschauen, weiter, als das mit Hilfe des Lichtes jemals möglich sein wird.

Werden Sie weiter in der Forschung tätig bleiben?

Ich bin bereits emeritiert – und fast schon so etwas wie ein Privatgelehrter. Aber ich bin immer noch im Kontakt mit den Kollegen.

Das Gespräch führte Thomas de Padova.

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