Zeitung Heute : Einigkeit macht stark

Beate Offrich

"Wir werden eine eigene tolle Wohnung haben, Massen von Blumen in jedem Zimmer und riesige Schachteln Pralinen, in die wir jederzeit reinlangen können." Der Pluralis majestatis ist allgegenwärtig, handelt es sich doch um ein Zwillingspaar, das sich äußerlich nicht ähnlicher, vom Charakter jedoch nicht unterschiedlicher sein kann. Ruby, die Erstgeborene, gibt den Ton an. Frei nach dem Motto "Ich bin die Hauptperson. Du bist der Krümel" ist sie die Herrscherin aller Reußen, entscheidet, was gespielt, angezogen, gesagt und letztendlich auch gedacht werden muss. Denn: Ruby ist fest davon überzeugt, dass sie beide einmal berühmt werden.

Bereits im zarten Alter von zehn Jahren beginnt sie deshalb mit einem Tagebuch, bei dem der Redeanteil ebenfalls dem Verhältnis sieben Achtel zu ein Achtel entspricht. "Wir sind eineiige Zwillinge und die meisten Leute können uns nicht auseinander halten. Bis wir den Mund aufmachen."

Während Ruby den Part der hektischen, oberflächlichen Quasselstrippe belegt, eine wahre Nervensäge, ist Garnet die besonnene, ruhige Leseratte, die stets ein kleines Stück hinter ihrer dominanten Schwester hinterher weht. Auch wenn sie nicht immer einer Meinung ist und eher Probleme mit dem Berufswunsch ihrer Schwester hat, Schauspielerin und berühmt zu werden, so genießt sie doch die ständige Zweisamkeit, die sie gegen Attacken anderer Kinder immun erscheinen lässt.

Die Zwillingsschwestern führen bei Vater und Großmutter so lange ein harmonisches Leben, bis Rose Unruhe ins Haus bringt. Vater verliebt sich in Rose und - so ist es nun einmal bei Zwillingen üblich - erntet damit auch gleich doppelten Stress, denn Rose stößt auf zweifache Ablehnung. Die beiden geizen nicht mit Ideen und setzen verschärft ihre Geheimwaffen ein: Will Rose etwas sagen, niesen sie gleichzeitig, lachen hysterisch auf und kratzen sich im selben Moment. Sie tun einfach alles, um den neuen Eindringling in der Familie zu vergraulen, was ihnen aber leider nicht gelingt. Während Garnet rationaler die Situation abwägt, verhält sich Ruby wie ein wahrer Satansbraten, so dass Garnet über kurz oder lang nichts anderes übrig bleibt als auch mitzuziehen, um bei ihrer Schwester nicht in Missgunst zu geraten. "Ruby und Garnet für immer und ewig."

Die englische Schriftstellerin Jacqueline Wilson hat in der Tradition von Hanni und Nanni und dem doppelten Lottchen mit flotter Feder einen modernen Zwillingsroman geschrieben, der allemal mit seinen berühmten Vorbildern mithalten kann. Sogar das Internatsthema spielt eine entscheidende Rolle, findet aber eine andere Lösung, die jeder selbst lesen sollte, da sie erst durch der Zwillinge eigenen Schreibstil an die Nieren geht - wie schon die Trennungsproblematik in dem preisgekrönten Erstlingsroman von Jaqueline Wilson, "Das Kofferkind".

Susann Opel-Götz hat das Ganze mit treffend witzigen Zeichnungen gewürzt, so dass allein die kleinen Vignetten am Rand schon eine Augenweide sind, wie etwa die unzähligen Zwillingspärchen, die sich geschniegelt und gebürstet beim Casting zum Hanni & Nanni-Film im Studio einfinden. Ein rührendes, ein komisches Buch, dem es weder an Tiefgründigkeit noch an Charme mangelt und das man ohne Bedenken an Einzelkinder verschenken kann, denn auch die verschlangen ja schon damals Blyton oder Kästner mit der Taschenlampe unter der Bettdecke.

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