Zeitung Heute : Einkaufen bis Mitternacht

Am Sonnabend werden zu später Stunde 500 000 Besucher rund um den Breitscheidplatz erwartet

Cay Dobberke

Vordergründig ist die 6. Lange Nacht des Shoppings ein Mitternachtsverkauf und eine Party anlässlich der Umstellung der Uhren auf Sommerzeit. Doch es geht um mehr: Die Händler in der City-West wollen ein Zeichen gegen den Ladenschluss setzen – und auf Dauer neue Kunden gewinnen. Von der Größenordnung her bleibt die Aktion mit großem Abstand führend. Nach 400 000 Besuchern im Frühjahr 2002 und mehr als 500 000 Gästen im Oktober erwartet Veranstalter Tommy Erbe am kommenden Sonnabend erneut mehr als eine halbe Million Kauflustige und Neugierige rund um den Kurfürstendamm, die Tauentzien- und die Kantstraße.

Rund 500 Geschäfte, Lokale und Hotels beteiligen sich. Dazu gehören das Europa-Center mit der Esprit-Niederlassung, das Neue Kranzler-Eck, Niketown, Karstadt Sport, Peek & Cloppenburg, C & A im Neuen Ku‘damm-Eck, Hugendubel, das Design-Center Stilwerk an der Kantstraße und der Pro Markt im Kurfürstendamm-Karree. Mit von der Partie sind auch Theater und andere Kulturinstitutionen, die sich auf dem gerade umgebauten Joachimstaler Platz präsentieren wollen. Das Zoo-Aquarium öffnet bis 24 Uhr und lädt wieder zur „Australischen Nacht“ mit Didgeridoo-Musik ein.

Vor drei Jahren war die „Lange Nacht der Museen“ in Berlin das Vorbild, wie man an der Namensähnlichkeit erkennen kann. Die Großveranstaltung der Museen fand im vergangenen Februar bereits zum 13. Mal statt und lockte mehr als 160 000 Besucher an. Tommy Erbe hatte seine Einkaufsnacht anfangs im kleinen Kreis mit Händlern des Europa-Centers, dem benachbarten Sportkaufhaus Niketown und dem Zoo-Aquarium geplant. Für die Organisation und Werbung ist Erbes Firma „Werbeteam Berlin“ zuständig, die ihre Büros im Europa-Center hat. Außer der Veranstaltungsfirma betreibt der Chef auch ein Büro für Stadtrundfahrten.

Als passender Zeitpunkt für die halbjährlichen Shoppingnächte galt von Beginn an die Uhren-Umstellung. Nur ein Mal wich man davon ab: Im vorigen Frühjahr fiel der Wechsel zur Sommerzeit auf das Osterwochenende, doch die Kirchen zeigten sich wenig begeistert von einem gleichzeitigen „Budenzauber“. Mit Rücksicht darauf fand die 4. Lange Nacht des Shoppings schließlich eine Woche später statt.

Das begleitende Straßenfest hatte ursprünglich lediglich den Sinn, dem Ladenschlussgesetz zu genügen. Denn ohne einen „Jahrmarkt“ mit ein paar Verkaufsbuden und Karussels im Freien hätte die Ausnahmegenehmigung für die Spätöffnung der Läden gar nicht erteilt werden können. Als die Zuständigkeit für solche Sondererlaubnisse später vom Senat auf die Bezirksämter überging, konnte man die Budenmeile jedoch verkleinern. Der Charlottenburg-Wilmersdorfer Wirtschaftsstadtrat Bernhard Skrodzki (FDP) gab sich mit den „Jahrmarktsinseln“ vor den beteiligten Läden zufrieden. Viele Händler in der Gegend finden die Freiluftparty deshalb weniger störend als das alljährliche Kurfürstendamm-Fest der AG City.

Die Veranstaltungsfläche reicht diesmal von der Tauentzienstraße über den Breitscheidplatz bis zum Kurfürstendamm in Höhe der Knesebeckstraße. Einbezogen sind Seitenstraßen wie die Joachimstaler Straße zwischen Ku’damm und Kantstraße. Rund ums Stilwerk wird auch an der Kantstraße gefeiert. Live-Bühnen stehen im Europa-Center, auf dem benachbarten Breitscheidplatz, im Neuen Kranzler-Eck, im Stilwerk und am Pro Markt. Statt einer durchgängigen Festmeile gibt es aber nur „Jahrmarktsinseln“. Damit wollen die Organisatoren unter anderem erreichen, dass „der Autoverkehr ungehindert fließen kann“. Die Straßenparty wird von bisher drei auf fünf Tage ausgedehnt – sie läuft von Mittwoch bis Sonntag. An vier Tagen dauert sie bis Mitternacht und am Sonnabend noch zwei Stunden länger.

Im Vergleich zu früher sollen die mehreren hundert Verkaufs- und Informationsstände anspruchsvoller wirken, wie Tommy Erbe ankündigte: „Den Jahrmarkt veranstalten wir jetzt selbst.“ Deshalb präsentieren sich die Buden nun in einheitlichem Weiß und sind zum Teil Pagoden nachempfunden. Ausdrücklich unerwünscht sind Ramschverkäufer, wie man sie von den meisten Berliner Straßenfesten kennt. Neu im Programm ist der „Vertical Catwalk“ am Europa-Center. Die Hauswand der dortigen Esprit-Filiale wird zum Laufsteg für Models, die sich dank einer Halterung an den Hüften sicher über die zwölf Meter hohe Fassade bewegen können. Ähnlich akrobatisch geht es im Inneren des Einkaufszentrums zu: Dort gastiert die Artistenschule Berlin mit Drahtseilakten und anderen Kunststücken unter der Kuppel.

Zu den Bühnenshows gehören Auftritte von drei Cheerleader-Teams. Das Stilwerk setzt auf Livemusik mit dem Schwerpunkt Jazz. Im hauseigenen Bar-Restaurant „Soultrane“ folgt in der Nacht zu Sonntag ab 0.30 Uhr eine Party. Bei Niketown und Karstadt Sport gastieren Sportstars. Und das Neue Kranzler-Eck plant auf seiner Bühne unter anderem wieder einen „Fantasievogel-Malwettbewerb“ mit Schülern. Die Blue Band Hotels schicken einen Cabrio-Doppeldeckerbus auf die Festmeile. Damit können Besucher gratis zwischen den einzelnen Veranstaltungsorten pendeln – und sich dabei von zwei Saxophonisten an Bord unterhalten lassen.

Auf dem Breitscheidplatz werden einige Bäume abends blau beleuchtet. Der als „Wasserklops“ bekannte Brunnen soll bereits sprudeln, obwohl die Saison normalerweise erst Ostern beginnt. Auf dem Platz gastiert erstmals die Polizei mit einem „Info-Mobil“, um vor allem Tipps gegen Taschendiebstähle zu geben. Das Bürgeramt Charlottenburg-Wilmersdorf zeigt sich ebenfalls mobil und bietet, wie schon im Oktober, einige Behördendienstleistungen an. Außerdem laden Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen und vier Stadträte zu Sprechstunden ein.

Gebremst werden zwei große Häuser an der Festmeile durch ihre Betriebsräte. Das KaDeWe an der Tauentzienstraße gehörte noch nie zu den Teilnehmern und öffnet generell nur selten außerhalb der normalen Öffnungszeiten. Wertheim am Kurfürstendamm war im Oktober zum ersten Mal dabei. Jetzt aber haben die Personalvertreter ihr Veto eingelegt. Laut Geschäftsführer Volker Pesarese hängt dies mit der vom Bundestag beschlossenen Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten zusammen – die dem Betriebsrat genauso ein Dorn im Auge ist. Ab Juni dürfen alle Geschäfte sonnabends bis 20 Uhr öffnen. Trotzdem hatte Pesarese bis vor wenigen Tagen verhandelt, um bei der Shoppingnacht mitmachen zu können. Denn im Vergleich zu einem normalen Frühjahrs-Sonnabend mit Öffnungszeiten bis 16 Uhr brachte die Aktion beim Umsatz stattliche „200 Prozent plus“.

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