Zeitung Heute : Einkaufen gehen

Brigitte Grunert

Wie eine Rentnerin die Stadt erleben kann

Immer ist es dasselbe, Jahr für Jahr um diese Zeit. Kaum ist der letzte Schnee weg, kaum bescheint die helle Märzsonne den Wintermantel, kommt einem das gute Stück ziemlich schäbig vor. Somit ist es Zeit für einen Einkaufsbummel. Berlin ist doch wohl als Modestadt wieder im Kommen, und das Frühlingsahnen ist ja so verführerisch.

Modestadt? Die beste Freundin der Frau Rentnerin mustert skeptisch die Vorübergehenden, während wir unseren Kaffee in der noch etwas blassen Sonne genießen: Dass ich nicht lache. Guck dir doch an, wie sie hier herumlaufen... Die beste Freundin hält auch nichts von dem Einwand, dass mit dem Schick von vorgestern kein Zeitgeist zu machen ist, dass es zum Glück schon lange keine Modediktate mehr gibt, dass eben erlaubt ist, was gefällt, Hauptsache bequem, unkonventionell und phantasievoll.

Na schön, die Berlinerinnen waren noch nie besonders elegant, schon gar nicht seit der Nachkriegszeit. Im Osten hatten sie nichts, und wer im Westen etwas hatte, mochte es nicht zeigen. Sonst hätten sie in Bonn damals womöglich gesagt: Euch geht es gut, man sieht’s, wir geben nichts mehr.

Die beste Freundin will davon nichts hören: Die Frauen sind schön dumm. Sie könnten viel mehr aus sich machen. Aber sie können sich einfach nicht anziehen, ewig bloß Hosen und meistens mit zu kurzen Jacken überm Po. Bezeichnend, dass sie ganz unweiblich von ihren Jacketts sprechen oder gar von ihren Klamotten. Merken die denn gar nicht mehr, was leger und was schlampig ist?

Ach, für die Männer ist es einfacher, und eitler sind sie auch. Hose, Jackett, Pullover oder Hemd mit und ohne Krawatte – fertig ist der Lack. Aber die Frauen haben keine Zeit mehr darauf zu achten, was sie kleidet. Oder sie haben vor lauter Selbstbewusstsein den Blick dafür verloren.

Nun ja, nach diesem kleinen Disput sind wir uns einig, dass es unsereiner auch nicht leicht hat, die Stärken zu betonen und die Schwächen zu verstecken, worin ja die ganze Kunst des Anziehens besteht. Mit den Jahren muss man erst recht aufpassen. Wir wollen ansehnlich wirken, doch um Himmels willen nicht wie „Madam“. Also gehen wir endlich einkaufen. Wird schwierig, aber es muss sein.

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