Zeitung Heute : Einkaufsbummel mit Fernsteuerung

Der Kurfürstendamm soll zur „intelligenten Shopping-Meile“ werden – sofern die Kunden mitspielen

Bernd Matthies

Sie merken es nicht einmal direkt, denn der Kurfürstendamm als solcher sieht aus wie immer. Doch er weiß alles über Sie! „Hallo, lieber Kunde“, teilt ihnen das Handy per SMS mit, „wir haben wieder Prucci-Hemden in Ihrer Größe, die genau zu dem Anzug vom letzten Jahr passen! Nur 249 Euro! Schöne Grüße, Ihr Prucci-Store.“

Dolles Ding, sowas. Woher haben die das? Der Verkäufer ist orientiert. Ja, sagt er, gerade reingekommen, die Dinger, Sie sind heute genau der zehnte SMS-Kunde, da könnte ich nochmal zehn Prozent Rabatt. . . Doch da klingelt das Handy schon wieder, und eine neue SMS drängelt sich vor: „Hallo, Leute! Kaschmir-Sonderverkauf bei Pink&Clappendonk mit Prosecco bis zum Abwinken! PS: Die süßen V-Ausschnitte in retrosilber sind in Deiner Größe nur noch ein Mal da!“ Pech, sagen wir, lassen die zehn Prozent bei Prucci sausen und schauen erst einmal, dass das noch klappt mit dem V-Ausschnitt. Wir betreten den Laden von Pink & Clappendonk, halten unser Handy vor einen Bluetooth-Empfänger, und schon bimmelt es silberhell hinten im Regal: Hier ist der Pullover! Der Verkäufer flitzt los, blickt auf einen Monitor und kommt mit Prosecco zurück: „Der Computer sagt, er passt, alles vermessen, die Anprobe können wir uns sparen. Prösterchen!“

Immerhin: Retrosilber ist ganz schön riskant. Wird das herabgesetzte Prucci-Hemd dazu passen? Wir richten die altmodische Handykamera auf das teure Stück, schicken das Foto per MMS an den Laden, und nach ein paar Minuten meldet sich der Verkäufer: „Was ist das denn? Sieht ja aus wie Asche und Friedrich! Könnten Sie nicht eventuell doch mal persönlich rumkommen?“

Auch die schöne neue Einkaufswelt wird also noch den einen oder anderen persönlichen Kontakt notwendig werden lassen. Aber die neuen Kommunikationsformen drängen sich nach vorn, und der Schlüssel zu ihnen liegt, natürlich, im Handy, er wird weitergereicht über drahtlose WLAN-Netze und Bluetooth-Schnittstellen. Mit ihnen korrespondieren die Computer in den Geschäften, und sobald sich auch noch der allwissende Funkchip in den Artikeln der Einzelhändler eingenistet hat, ist das eingangs beschriebene Szenario praktisch umsetzungsreif. Immer vorausgesetzt, auch die nicht unbedeutenden Datenschutzprobleme dieser neuen Techniken erweisen sich als lösbar.

Der Berliner Kurfürstendamm ist gegenwärtig auf dem Weg zum Pilotprojekt. Die Firma Wall, die sich bislang überwiegend damit beschäftigt hat, die Stadt zu möblieren, will den Möbeln nun auch eine Art Intelligenz verpassen, zumindest aber Kommunikationsfähigkeit. Das Mobiltelefon spielt dabei die Rolle eines elektronischen Alltagsreiseführers und Lebenshelfers. Für Strahlenskeptiker und Kulturkritiker ist das nichts, Technikfreaks dagegen können sich auf eine schöne neue Welt freuen. „Bluespot“ heißt das, was seit April 2005 zwischen Wielandstraße und Wittenbergplatz herumfunkt. Ziel ist es, wie Juniorchef Daniel Wall formuliert hat, aus dem alten Kurfürstendamm eine „intellligente Shopping-Meile“ zu machen.

Dazu gehören mehrere Bausteine. Acht „Bluespots“, Funkkreise mit einem Empfangsradius von etwa 150 Metern, bieten jedem Nutzer vorerst eine Stunde täglich Zugang zum Internet – der Code wird per SMS versandt. Bluespot-Terminals, 13 gibt es am Kurfürstendamm, ermöglichen dem Nutzer Zugang zum System und zu den angeschlossenen Geschäften.

Wer sich einmal angemeldet und seine Präferenzen eingegeben hat, wird im Bereich der Terminals laufend mit Informationen aus den Geschäften versorgt, er kann sich über Sonderverkäufe informieren und Rabatte in Anspruch nehmen, die beispielsweise von Cafés nach dem Muster „zwei kaufen, eins bezahlen“ offeriert werden.

Hierbei ist durch die Anmeldung sichergestellt, dass niemand gegen seinen Willen belästigt wird. Im September hatte bereits ein Versuch mit funkenden Plakatwänden stattgefunden, die Passanten ungefragt Werbung aufs Handy schickten, sofern die ihre Bluetooth-Schnittstelle aktiviert hatten; Zehntausende hatten, offenbar ohne von den Sicherheitsrisiken zu ahnen, die damit verbunden sind.

Bislang sind das nur Bausteine, die von der umfassenden Vernetzung noch ein Stück entfernt sind. Doch es gehört nicht allzu viel Fantasie dazu, sich diese Vernetzung auszumalen, bis weit in sensible persönliche Daten hinein. Die offene Frage: Werden die Handy- und Computernutzer kommender Generationen dies akzeptieren? Vermutlich muss noch Zusatznutzen draufgesattelt werden. Wenn zwischen Prucci und dem V-Pullover beispielsweise eine ganz persönliche SMS vom Partnersuchnetz erscheint: „Hey! Deine Traumfrau laut Partnerprofil ist nur 105 Meter entfernt!“ – dann könnte sich der ganze Aufwand auf einen Schlag rentieren. Vorausgesetzt, der Akku ist nicht gerade wieder leer.

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