Zeitung Heute : Einladung in den Musiksalon

Mit ihrem besonderen Gastgebertalent hat Festivalleiterin Elena Bashkirova intonations zum Erfolg geführt.

Ich lade mir gern Gäste ein. Die Pianistin Elena Bashkirova Foto: Alfredo Martínez
Ich lade mir gern Gäste ein. Die Pianistin Elena Bashkirova Foto: Alfredo Martínez

Mit seiner zweiten Ausgabe ist „intonations – das Jerusalem International Chamber Music Festival im JMB“ auf dem besten Wege, zu einem dauerhaften Gastgeber für hochkarätige Kammermusik in Berlin zu werden. Es ist eine große Chance, wie die Pianistin und Festivalgründerin Elena Bashkirova meint: Denn ein bedeutendes Kammermusikfestival gibt es in der deutschen (Klassik-) Hauptstadt tatsächlich noch nicht.

Gründe dafür gibt es viele: Schließlich müssen diverse Faktoren zusammenkommen, damit ein Festival, das diesem intimen Genre gewidmet ist, funktionieren kann. Dazu gehören zum einen ein Netzwerk von ausgezeichneten Musikern, die nicht nur als Selbstdarsteller Erfüllung finden, sondern ein ursprüngliches Interesse am kammermusikalischen Dialog besitzen. Es bedarf aber auch eines Ortes, der es auch dem Publikum erlaubt, sich als Teil dieses Dialogs zu empfinden. Vor allem braucht es einen guten Gastgeber, dem es gelingt, alle Elemente so ungezwungen zu verbinden, dass Publikum und Künstler Teil einer großen kammermusikalischen Familie werden.

Es hat daher wohl auch mit dem Gastgebertalent von Elena Bashkirova zu tun, dass das Festival, das sie 1998 in Jerusalem gründete, trotz internationaler Besetzung und weltweiter Gastspiele diesem familiären Gedanken treu geblieben ist. Wie sehr die Pianistin auf die passende Atmosphäre achtet, das hört man, wenn sie von den kleinen Anfängen erzählt, aus denen sich das Festival in Jerusalem entwickelte: „Wir haben die ersten drei Jahre in einem kleinen Theater gespielt und die Zuhörer fühlten sich wie Pioniere", erinnert sie sich. „Wir wollten zusammen etwas schaffen. Diese Leute fühlen sich involviert: Sie besorgen sich das Programm, kaufen CDs oder Bücher; sie kommen total vorbereitet ins Konzert und wenn sie etwas nicht wissen, dann fragen sie nach. Es sind Leute, die großes Interesse haben und sozusagen mit uns in Verbindung sind – die Mauer, die es manchmal zwischen Publikum und Künstler gibt, existiert dort nicht.“

Auch wenn der Glashof des Jüdischen Museums Berlin, wo die Berliner Konzerte stattfinden, mit seiner offenen Architektur und seinen maximal 400 Plätzen ein besonders guter Ort für Kammermusik sei, könne man eine Atmosphäre natürlich nicht einfach von einer Stadt in eine andere transferieren – zumal dann, wenn es sich um eine Stadt mit einem derart großen Angebot handele wie Berlin.

Von dem üblichen Kammermusikangebot der Stadt werden sich die intonations-Konzerte in einer ganzen Reihe von wichtigen Details unterscheiden. Es werden Künstler auftreten, die man in Berlin zwar kennt, aber die man vielleicht nicht in diesem Zusammenhang gehört hat: So können die Zuhörer etwa den Geiger Gidon Kremer als Mitwirkenden in einem Streichtrio von Mieczyslaw Weinberg erleben.

Daneben ist es für Bashkirova ein wichtiges Anliegen, auch Musiker vorzustellen, die in anderen Städten zu wichtigen Größen des Musiklebens gehören: „Es gibt in jeder Stadt Musiker, die dort quasi zum Haushalt gehören, aber anderswo gar nicht bekannt sind.“ Ähnlich sei man auch in Jerusalem vorgegangen. Auch wenn sie und ihr Mann Daniel Barenboim durch ihre Kontakte „Hunderte von Festivals“ mit israelischen Musikern bestücken könnten, habe sie auch dort Wert darauf gelegt, das Publikum mit Musikern bekannt zu machen, die nicht zum Alltag gehören.

Zur unverwechselbaren Atmosphäre von intonations trägt auch die Mischung der Besetzungen bei – eine Reflexion der Salonkultur des 19. Jahrhunderts, die für Bashkirova auch wegen der intimen „Wohnzimmeratmosphäre“ und der Möglichkeit zum Gespräch durchaus noch immer einen gewissen Vorbildcharakter hat. So kann man an einem Abend ein Septett, einen Liederzyklus, ein Streichquartett, ein Klaviertrio, eine Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug und dazu noch eine gemischte Kammerensembleformation hören.

Die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer wird nach Bashkirovas Erfahrungen durch diese festmahlartige Fülle und Vielfalt durchaus nicht herabgesetzt: „Jede Besetzung ist anders – und für das Publikum immer frisch“, lautet ihre Erklärung für den Erfolg ihres programmatischen Rezepts.

Dass dabei auch Gesang und Instrumentalmusik nicht getrennt werden, ist Bashkirova besonders wichtig. Denn das Zusammentreffen beider Genres bereichere nicht nur das Publikum, sondern auch die Musiker: Schließlich durchdringe man ein Instrumentalwerk von Schumann oder Schubert ganz anders, wenn man auch ihre Lieder gespielt habe.

Neben der formalen Vielfalt sind es auch inhaltliche Kontraste, die das Festival prägen. Zum einen leistet man sich jährlich eine Uraufführung: In diesem Jahr „Colors of Dust“ von Ayal Adler. Der 1968 in Jerusalem geborene Künstler steht für eine junge Generation israelischer Komponisten, die sich von folkloristischen Anklängen gelöst haben. Darüber hinaus treffen bei jedem Konzert Klassiker der Kammermusik auf unbekanntere Kompositionen. In diesem Jahr sind es Werke von Komponisten, die von den Nationalsozialisten ermordet oder vertrieben wurden – unter ihnen Gideon Klein, Pavel Haas, Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann oder Mieczyslaw Weinberg. Die Komponisten verbindet dabei nicht nur ihr persönliches Schicksal, sondern auch dass die musikalische Moderne, die sie vertraten, nach dem Krieg nicht weitergeführt wurde, sagt Bashkirova: „Ein ganzer Zweig der Musikgeschichte wurde da abgeschnitten.“

Umso wichtiger ist es für Bashkirova, diese Musik, die nicht nur von Tragik und Düsternis, sondern ebenso von Überlebenswillen und Lebenslust erzähle, „Seite an Seite“ mit Klassikern wie Brahms oder Beethoven zu präsentieren – und dadurch auch eine neue Ghettoisierung als „Holocaust-Komponisten“ zu verhindern.

Für Cilly Kugelmann, als Programmdirektorin des Museums gleichsam die Gastgeberin der Gastgeberin, ist es daher auch wichtig zu betonen, dass die enge inhaltliche Anbindung an die Ausstellungen des Jüdischen Museums Berlin, die sich mit diesem Programmschwerpunkt verbunden haben, keine programmatische Bedingung für die Unterstützung des Festivals gewesen sei.

Für sie liegt eine kulturelle Bedeutung des „Jerusalem Chamber Music Festival“ nämlich besonders auch darin, dass es „das säkulare Jerusalem stärkt – und nicht nur das religiöse“. Und auch dieses Jerusalem müsse in Berlin präsentiert werden. Wer Elena Bashkirovas Gastgebertalent kennt, der kann zuversichtlich sein, dass sich am Ende jeder musikalische Besucher von intonations zu Hause fühlen wird.

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