Zeitung Heute : Einladung zum Tritt ins Fettnäpfchen

Im Bewerbungsgespräch wiegt jedes Wort schwer

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„Wer keine Angst hat, braucht auch keinen Mut“, sagt Extrembergsteiger Reinhold Messner. Er selbst sei eher ein ängstlicher Typ, gesteht er, er schlafe schlecht vor einer Expedition und denke alles hundertmal durch. Wie tröstlich, dass sogar der Abenteurer sich fürchtet, denn unsereins wagt sich ja nicht einmal in den Schatten eines Viertausenders. Uns wird es nämlich schon bei der Aussicht auf ein Bewerbungsgespräch so bang wie vor einer Klettertour; am liebsten würden wir gleich zu Hause bleiben.

Weil das nicht geht, kommen mit der Zeit einige Erfahrungen zusammen. Neulich haben wir uns im Bewerbungsgespräch vor lauter Aufregung so dusselig verhalten wie ein Kaninchen auf der Flucht: Das kriecht nämlich blindlings in jedes Loch, das scheinbar Schutz bietet und erst dann guckt es, wo es gelandet sind. Wer so kopflos auftritt, fällt bei Personalern garantiert durch. Die sehen solche Bewerber nämlich vor ihrem geistigen Auge hauptsächlich in der Teeküche stehen, wo sie herauszufinden versuchen, was in der Firma eigentlich vor sich geht. Wer sich also im Vorstellungsgespräch garantiert disqualifizieren will, ignoriere nicht nur die Basics des angebotenen Jobs, sondern die Firmengeschichte gleich mit.

Es war auch nicht so toll, vor lauter Nervosität im Bewerbungsgespräch über den Ex-Arbeitgeber herzuziehen. Leider fiel dabei erst hinterher auf, dass sich bei so was jeder normale Personaler fragt: „Was erst wird die erst eines Tages über uns erzählen?“ Auch generell die Schlechtigkeit der Welt zu betonen und lang und breit zu erläutern, wie übel uns das Schicksal mitspielte, hat nicht recht funktioniert. Heulsusen sind in der Wirtschaft offenbar unbeliebt. Die Leute wollen Menschen, die über Lösungen nachdenken, statt über Probleme zu reden. Gejammer bringt keinen Arbeitsvertrag.

Den gibt es leider auch nicht für Leute, die vor lauter Bewerbungs-Schreck ununterbrochen über sich selber reden, statt gezielte Fragen zur Position zu stellen. Natürlich ist eine Vorstellung ein Geschäftsgespräch, in dem sich jeder verkauft, so gut er kann. Wer dabei aber klingt wie ein Teppichhändler und vor lauter Selbstmarketing zu sehr betont, dass es eigentlich nur einen guten Kandidaten für die Stelle gibt, weckt bei seinem Gegenüber garantiert nur eins: den Widerspruchsgeist.

Was noch alles nicht funktioniert hat? Neulich ging’s ziemlich lange um das Thema Fortbildung. Vermutlich dachte der Personalmensch hinterher, dass man mehr Interesse an der Fortbildung als am Job habe. An Seminartourismus sind sie in den Betrieben irgendwie nicht interessiert. Ebenso wenig an Freizeitaktivitäten. Wer erzählt, dass er drei Mal die Woche zum Tanztraining geht und am Wochenende auf Turnieren antritt, wirkt wie einer, der den Job nur als Nebenbeschäftigung zum Hobby auffasst.

Aber das nächste Mal klappt ganz bestimmt. Denn wie sagt der Messner so schön: „Ich lerne, wenn ich gescheitert bin und nicht, wenn ich Erfolg habe.“ Also auf ein Neues!

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