Zeitung Heute : Einmal im Schlamm rollen

Der Tagesspiegel

Von Antje Schmitz

Das Bekenntnis kommt überraschend. Maria Furtwängler möchte eine Filmrolle wie Sigourney Weaver spielen, die in dem schockierenden Science-fiction- Film „Alien“ gegen ein Monster kämpfte. Sie würde gern in so einem Actionfilm agieren, „mich im Schlamm rollen, etwas machen, das mit Kraft und Geschwindigkeit zu tun hat“. Das wäre dann so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was Maria Furtwängler bisher gemacht hat. Bekannt geworden ist sie nämlich mit Filmen wie „Das Glück ist eine Insel“, „Dir zu Liebe“ oder „Das Haus an der Küste“. Darin spielt sie dann meistens eine leicht unterkühlte, aristokratische und alles andere als athletische Frau, direkt aus dem Schoß einer wohlhabenden Familie oder aus Rosamunde Pilchers Cornwall.

Mit ihrer neuen Rolle kann sich die Münchnerin nun ein wenig von ihrem Image des Elegisch- Langweiligen lösen: Sie rückt in der Riege der „Tatort“-Kommissare auf und ermittelt als Charlotte Lindholm für den NDR. „Lastrumer Mischung“ heißt ihr erster Fall, den die ARD um 20 Uhr 15 ausstrahlt. In Lastrum wird der Bauer Johann Knauf vergiftet – mit seinen Lieblingskeksen, der so genannten „Lastrumer Mischung“. Für die Dorfbewohner ist der Fall klar: Knauf hat vor kurzem die Philippinin Maria geheiratet, und die konnte es nicht erwarten, den Hof zu erben. Sie sei froh, mit dem „Tatort“ endlich die romantische Schiene verlassen zu können und härter agieren zu dürfen, sagt Maria Furtwängler.

München, Prinzregentenplatz, Café Prinzipal. Die 35-Jährige bestellt grünen Tee mit kalter Milch. Sie wird von Emily begleitet, einem Sky-Terrier. „Er ist verschmust und ein bisschen blöd, aber ganz süß“, sagt die Schauspielerin. Mit ihrer Jeans, der Wildlederjacke und dem Schal um den Hals ähnelt sie eher einer Studentin als der High-Society-Frau, als die sie so oft skizziert wird. Furtwängler, die vom Glück Begünstigte, die Frau des Verlegers Hubert Burda, die Großnichte des Dirigenten Wilhelm Furtwängler, promovierte Ärztin, gutaussehende Schauspielerin.

„Ich habe in vielerlei Hinsicht Glück gehabt“, räumt die 35-Jährige ein. „Aber das größte Glück sind zwei gesunde Kinder. Der Rest kann sehr flüchtig sein.“ Nun also das Glück, als „Tatort“-Kommissarin sonntags ein großes Publikum zu erreichen. Einmal jährlich ermittelt sie auf dem platten Land rund um Hannover. Was für eine Frau ist Charlotte Lindholm? „Schwierig zu sagen“, antwortet Maria Furtwängler. „Sie ist sicher keine Toughe, kein Mannweib, aber auch keine Iris Berben.“ Lindholms Stärke sei die detektivische Methode. Das komme ihr persönlich sehr entgegen und habe sie auch am Arztberuf gereizt – Symptome erkennen und auf deren Ursachen zu schließen: auf die Krankheiten des Körpers und der Gesellschaft. Furtwängler sieht Charlotte Lindholm in der Tradition der Kombinationskünstler Sherlock Holmes und Inspektor Columbo. Außerdem gehe diese Charlotte Lindholm direkt auf Leute zu, ohne sich anzubiedern.

Maria Furtwängler hat sich für die Schauspielerei und gegen den Beruf der Ärztin entschieden. Spielen beschere ihr Momente des Glücks, erklärt sie. Dennoch engagiert sich die Frau, die ihre Doktorarbeit über die Folgen von Fehlgeburten schrieb, für die Hilfsorganisation Ärzte für die Dritte Welt, „indem ich denen durch meine Popularität zu mehr Öffentlichkeit verhelfe und Spenden akquiriere“. Vor zwei Jahren war sie für zwei Wochen in Indien. Das Leben dort steht im krassen Gegensatz zu ihrer eigenen Existenz, und Maria Furtwängler erzählt, dass sie die unglaubliche Armut und die Erniedrigung der Frauen bedrückt haben. „Darüber hinaus bleibt die Erinnerung an heitere Menschen, die ihr Schicksal annehmen.“ Die Wurzel des Unglücks sei das Streben nach Anderem.

Hin und wieder taucht Maria Furtwängler auf den Promi-Seiten der „Bunten“ auf, der Illustrierten aus dem Verlag ihres Mannes. Sie drängt sich nicht nach VIP-Paraden. „Ich gehe ungern aus, langweile mich maßlos beim Smalltalk und denke: was für ein Schaulaufen.“ Am liebsten sei sie zu Hause bei ihrer Familie. „Wenn Sie mich jetzt fragen, was es in München für Lokale gibt…“ Sie zuckt mit den Schultern. Ihre beiden Kinder, Elisabeth und Jakob, versucht sie, so normal wie möglich zu erziehen und nicht zu verwöhnen; ein zweiter Fernseher kommt nicht ins Haus.

Ihre musikalischen Talente hat Maria Furtwängler vernachlässigt. Früher habe sie ganz hübsch Mezzosopran gesungen, sagt sie. Ihre Klavierlaufbahn könne man allerdings als verkracht bezeichnen. Den Kindern jedoch erspart sie in dieser Hinsicht nichts. „Man muss Noten beherrschen, so wie man Lesen und Schreiben können muss“, ist das Credo der Mutter. Ihre eigene musikalische Liebe schwankt zwischen Bach und den Romantikern auf der einen und Alicia Keys oder Anastacia auf der anderen Seite – Musik, die einen in den Bauch fährt.

Natürlich löst so ein Mensch Neidgefühle aus. Sie werde immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, warum sie in ihrer bequemen Situation überhaupt arbeite. Darauf antwortet sie dann, sie versuche besser zu sein als die anderen. Maria Furtwängler hat nie eine Schauspielschule besucht und holt jetzt Schritt für Schritt mit einem Trainer nach, was ihr fehlt, denn: „Nett, natürlich und talentiert sein reicht irgendwann nicht mehr.“

Als Schauspielerin sucht sie nach den beglückenden Momenten, die sich immer dann einstellen, „wenn nicht ich spiele, sondern, wenn es mich spielt, wenn es durch mich hindurchgeht“. Momente der Wahrhaftigkeit, in denen sie eins wird mit ihrer Rolle. Sobald man hingegen Wirkung erzielen wolle, entstehe nichts mehr.

Sky-Terrier Emily, der die ganze Zeit unter dem Tisch schlief, kommt unter der Sitzbank hervor. Maria Furtwängler möchte jetzt mit ihrem Agenten noch ein neues Drehbuch durchsprechen. Mit Charlotte Lindholm ist sie ihrem Wunsch nach einem actionreicheren Arbeitsalltag einen kleinen Schritt näher gekommen. Einem Verdächtigen hinterherrennen dürfe sie aber immer noch nicht. Bis zu Ripley, der kämpferischen Weltraumheldin, bleibt es ein weiter Weg.

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