Zeitung Heute : Einmal mehr Macht

Stoiber sollte und würde die Wahl gewinnen, das stand außer Frage. Aber so ein Sieg war nicht geplant – weder von Merkel noch von Koch. Die Führungsriege der CDU muss jetzt mit noch mehr Einspruch aus München rechnen. Bei Sachthemen und bei Personalfragen für 2006.

Robert Birnbaum

„Glücklich sieht Angie nicht aus“, sagt am Sonntagabend der Mann beim Bier. „Ich seh’ ihr so was ja an.“ Das Bier steht auf einem Stehtisch im Saal der CSU-Fraktion im Münchner Maximilianeum, dem Landtag. Der Mann steht im Ruf, dass er ziemlich gut weiß, was Edmund Stoiber denkt. Auf einem der Fernsehschirme entlang der Wand ist die CDU-Chefin zu sehen – hören kann man Angela Merkel nicht, weil es zu laut und zu launig zugeht bei den Siegern dieses Wahltags. Aber das ist auch nicht nötig, ja es wäre im Grunde nicht mal notwendig, Merkel zu sehen, um auf ihren Gemütszustand zu schließen. Dass Stoiber in Bayern gewinnen würde, hatte die CDU-Chefin kalkuliert. Dass er derart gewinnt, stand nicht im Plan.

Am Montagmorgen setzen vor der Berliner CDU-Zentrale im Tiergarten-Dreieck lauter hochmögende Christdemokraten das fort, was CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer schon am Wahlabend begonnen hatte: Die Kanzlerkandidatenfrage – nein, die stelle sich jetzt überhaupt nicht neu. „Ein Journalistenthema“, knurrt der Baden-Württemberger Erwin Teufel. Drei Jahre vor der nächsten Wahl, sagt der Hesse Roland Koch, sei das nun wirklich noch kein Thema. Aber verschafft nicht die einzige Zweidrittelmehrheit in einem deutschen Landesparlament dem, der sie errungen hat, ein ganz neues Gewicht? Der Niedersachse Christian Wulff winkt ab: „Stoiber ist so stark in der Union, ich weiß gar nicht, ob da noch Zuwachs möglich ist.“

Das ist es aber durchaus. Der Form halber natürlich nicht, weil, wie ein anderer Stoiber-Getreuer spöttisch bedauert, „wir auch mit 100 Prozent im Bundesrat keine einzige Stimme mehr kriegen würden“. Was die Länderkammer angeht, den Ort, an dem Stoiber direkt in die Berliner Politik eingreifen kann, hat der Bayer selbst schon vorbeugend jeden Versuch abgewehrt, ihm die Rolle eines Chefs der Unionsländer zuzuschreiben. „Es gibt keinen Stimmenführer“, hat Stoiber betont. Er hat sich darin einmal versucht, bei der Steuerreform 2000, und ist an Eberhard Diepgen und den Bremer Parteifreunden gescheitert. Dieser 14. Juli 2000 hat ihn Vorsicht gelehrt.

Aber trotzdem hat die Wahl Stoibers Gewicht innerhalb der Union verändert. Vor diesem Sonntag haben auch die üblichen Verdächtigen die Möglichkeit einer zweiten Kanzlerkandidatur des Bayern eher als gering geschätzt. Mit einem von vielen erwarteten Wahlergebnis von 55 Prozent in Bayern – immer noch sehr gut, aber eben deutlich unter der psychologisch wichtigen 58-Prozent-Vorlage der Bundestagswahl – wäre es dabei geblieben.

Aber mit „60 plus“ ist es anders. Wäre im kommenden Jahr schon Bundestagswahl, wäre die K-Frage an diesem Sonntag wohl entschieden gewesen. So ist der Effekt geringer, aber trotzdem groß genug, um zu erklären, weshalb Angela Merkel nicht vorbehaltlos glücklich ist über den großen Triumph der kleinen Schwesterpartei: Die Kandidatur ist für Stoiber ab jetzt wieder eine Option. Oder, um es mit dem CSU-Landesgruppenchef Michael Glos zu sagen: „Never say never again“ – Sag niemals nie. Dass auch Stoiber versichert, die Frage stehe derzeit nicht an, ist ja kein Dementi – zumal die Erfahrung mit der letzten K-Debatte lehrt, dass Stoiber’sche Widerrufe nichts wert sind, wenn sie seine eigenen Ambitionen betreffen.

Kein Dementi ist es übrigens auch, dass der Münchner Triumphator noch am Wahlabend die Berliner CDU-Kollegin Merkel seines festen Willens zur weiteren guten Zusammenarbeit versichert hat. Es wird ebenfalls kein Dementi sein, wenn er am Dienstag in der Unionsfraktion in Berlin das hohe Lied des Zusammenhalts vortragen und Merkel damit zu einem vernünftigen Ergebnis bei den Fraktionsvorstandswahlen verhelfen wird. Die beiden sind aufeinander angewiesen, wenn sie etwas bewegen wollen. Und das wollen und müssen beide – Stoiber, weil der gewaltige Vertrauensbeweis seiner Bayern ihm die Lizenz zum Reformieren auch im Bund erteilt hat, Merkel, weil die Oppositionsführerin jetzt noch viel mehr auf Leistungsnachweise schauen muss. Vor diesem Wahltag hat es im Merkel-Lager bisweilen die Einschätzung gegeben, die CDU-Chefin müsse nur darauf achten, keine Fehler zu machen, dann laufe die Kanzlerkandidatur auf sie zu. Aber so geht das nicht mehr. Wenn bis zum Jahr 2005 Stoiber sich als der Macher der Union etablieren würde, wäre das Merkels Amtsbonus als CDU- und Fraktionschefin mindestens ebenbürtig. Jeder der beiden wird jetzt noch sorgsamer darauf achten, Erfolge sich selbst und Misserfolge, ohne dass es auffällt, dem anderen zuzuschieben. Meyer hat das Spiel schon angefangen: Im Sieg der CSU komme auch eine bundespolitische Entscheidung zum Ausdruck. Will sagen: Wir haben ein bisschen mitgewonnen.

Einer aber guckt von nun an etwas hinterher. Eine „Phantomdiskussion“ sei es, wer in der Union den größten Einfluss habe, hat Roland Koch jetzt gesagt. Das Phantom wird er noch zu spüren bekommen. Wenn der konservative Pragmatiker Stoiber wieder in K-Frage kommt – wo bleibt dann die Kanzlerkandidaten-Marktlücke für den konservativen Pragmatiker Koch? „Der Stoiber“, sagt ein CSU-Spitzenmann, „ist doch in Wahrheit im Moment Merkels bester Verbündeter.“ Aber wohlgemerkt: „im Moment“.

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