Zeitung Heute : „Einmal…, und dann immer wieder“

Der Tagesspiegel

Von Jörg-Peter Rau

Manche Müttier, Väter, Opas oder Tanten werden sich gestern an einen lange vergangenen Tag aus ihrer Jugend erinnert haben. Um die katholische Kirche St. Matthias am Winterfeldtplatz herum stehen viele Familien, drinnen sind Bänke für Angehörige von 37 Kommunionskindern abgesperrt. Zum feierlichen Orgelspiel ziehen sie zusammen mit einer Schar Ministranten durch das Mittelschiff ein, in kleinen dunklen Anzügen mit Kinderfliegen die Jungen, in weißen brautähnlichen Kleidern die Mädchen.

Doch unter denen, die an diesem Sonntag zum ersten Mal zur Kommunion gehen, sind auch ein paar ältere Jugendliche und Erwachsene, „zum Beispiel eine ganze Familie aus Kreuzberg, die in der Osternacht getauft worden ist“, wie Pfarrer Edgar Kotzur sagt. In seiner Predigt setzt Kotzur ganz auf das große Ereignis, das dieser Tag für die 37 bedeutet: Zum ersten Mal empfangen sie die nach christlicher Überzeugung zu Jesu Leib gewandelte Hostie. Darum spricht Kotzur nicht über das Evangelium des Sonntags (Johannes 10,1-10), wo Christus als guter Hirte, als Gegenbild zu den Räubern und Dieben beschrieben wird. Das Gleichnis mit seiner zentralen Aussage „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ hätte sich für eine Predigt ebenso geeignet wie der Text der Lesung aus der Apostelgeschichte (2,14a.36-41), wo das Pfingstwunder beschrieben ist – in beiden Bibelstellen geht es um christliches Selbstverständnis und damit auch um die Grundlegung der Sakramente. Doch Kotzur hat das gleiche Problem, das auch der Evangelist Johannes feststellt: „Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.“ So erzählt er als Predigt eine Geschichte mit wahrem Hintergrund: Bei einem Besuch im Kloster in Neu-Westend, wo die Hostien gebacken werden, sieht ein angehendes Kommunionskind eine Ordensschwester, die reglos vor der Monstranz kniet, in der der Leib Christi zur Meditation ausgestellt wird. Das Kind kann nicht glauben, „dass die Nonne echt ist“, so ruhig ist sie. Zweifel treiben den Jungen nochmals dorthin, irgendwann spricht ihn die Ordensfrau an. Sie erklärt ihm, was die leibliche Gegenwart Christi für sie bedeutet, wie sie betet, wie sie ihre Kraft nicht wie der Junge aus dem aus Fernsehkonsum, sondern aus der Zwiesprache mit Gott bezieht. So schlägt Kotzur den Bogen von der Hostie, die die Kinder im Gottesdienst nach vorne bringen, über die Wandlung zur Kommunion, die sie ganz traditionell aus der Hand des Pfarrers direkt in den Mund gespendet bekommen.

Und Kotzur macht klar, dass es sich nicht um einmaliges Ereignis handelt: „Einmal... und dann immer wieder“, schließt er seine Predigt mit dem Motto des Gottesdienstes. Die Ankündigungen machen deutlich, dass es weitergeht: Am Abend treffen sich die 37 nochmals zur Dankandacht und bringen Tütchen mit ihren Spenden für Kinder in der Diaspora mit. Sie selbst sollten einen Teil ihrer Geschenke (für die Kinder schon immer ein wichtiger Aspekt bei der Erstkommunion) abgeben und auch die Verwandten zu einer guten Gabe animieren. Und am Montag, wenn sie schulfrei haben, feiern sie eine Dankmesse mit ihrer zweiten Kommunion.

Irgendwann werden sie vielleicht unzählige Male das Sakrament empfangen haben. Und wenn sie dann zu einer Erstkommunion eingeladen sind, wird die Gemeinde vielleicht wieder „Beim letzten Abendmahle“ singen und zum Abschluss „Großer Gott, wir loben dich". Wie damals, bei der eigenen Erstkommunion, am 21. April 2002.

Die St. Matthias-Kirche hat mit der sehr guten Seifert-Orgel (1958) eine der größten Kirchenorgeln Berlins. Am Montag, 29. April, 20.30 Uhr, gibt es ein Konzert mit Heiko Holtmeier, der in diesem Rahmen sein Konzertexamen an der UdK ablegt. Auf dem Programm stehen unter anderem Werke von Franck, Messiaen, Vierne. Der Eintritt ist frei.

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