Zeitung Heute : Einpacken? „Wir doch nicht!“

Weihnachten mit Jeanne-Claude und Christo

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Sie wollen nicht als Verpackungskünstler bezeichnet werden …

…nein, genauso wenig wie ich mich als grünhaarig bezeichnen lassen möchte. Tatsächlich ist mein Haar nämlich rot. Wir haben bisher nur dreimal öffentliche Gebäude verhüllt: 1968 die Kunsthalle Bern, 1969 das Museum of Contemporary Art in Chicago und den Reichstag in Berlin 1995.

Okay, aber jetzt rückt Weihnachten näher, und da fragt man sich natürlich: Wer packt im Hause Christo und Jeanne-Claude die Geschenke ein?

Wie bitte?

Nun ja, jeder Mensch verschenkt doch Heiligabend Pakete an Freunde und Verwandte.

Wir nicht. Niemals.

Also darf man Ihr neues Projekt „The Gates“, bei dem Sie 16 Tage lang im Central Park 7500 Tore aufstellen, an denen safranfarbene Stoffbahnen befestigt sind, als ein verspätetes Weihnachtsgeschenk an die New Yorker verstehen…

„The Gates“ ist keineswegs ein Geschenk an New York. Wir machen dieses Projekt nur für uns. Jeder wahre Künstler schafft seine Werke ganz allein für sich selber. Niemals für andere. Wenn es anderen gefällt, so ist das lediglich ein positiver Nebeneffekt.

Wenn es Ihnen nicht in erster Linie ums Verpacken geht – worum denn dann?

Gemeinsamer Nenner vieler unserer Werke ist der Gebrauch von Stoff, Tuch, Textil, Gewebe. Empfindliches, sinnliches und vergängliches Material, das den zeitlichen Charakter unserer Kunstwerke widerspiegelt. Die temporäre Qualität ist eine ästhetische Entscheidung. Es geht darum, den Kunstwerken eine Zärtlichkeit dadurch zu geben, dass sie gesehen werden müssen, weil sie nicht lange erhalten bleiben. Solche Gefühle sind normalerweise anderen vergänglichen Dingen vorbehalten, zum Beispiel der Kindheit. Wir schätzen sie, gerade weil wir wissen, dass sie nicht ewig währen kann.

New Yorks Bürgermeister Bloomberg ist ein gewiefter Geschäftsmann. Zumindest er wird es als Geschenk betrachten, dass Ihr Projekt im Februar massenweise Touristen anlockt, in einem Monat, wo sonst kaum jemand Städtereisen unternimmt.

Na klar, das ist doch toll, wenn man viele Leute in der Stadt hat, die sonst gar nicht gekommen wären! Aber es war keineswegs Mr. Bloombergs Entscheidung, „The Gates“ im Februar zu machen, sondern unsere. Es stimmt allerdings, dass er über die Wahl des Zeitpunkts ziemlich glücklich ist.

Fragen: Frederik Hanssen

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