Zeitung Heute : Eins über Eins

Christian Zoschke hat geschafft, wovon manche Schüler träumen: Trotz schwieriger Klimmzüge in Sport machte er sein Abi mit 1,0

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Von Philipp Eins Christian Zoschke zupft am Ärmel seines schwarzen Anzugs. „Sitzt die Krawatte auch gut?“, fragt der Schüler mit hoher Stimme und blickt nervös auf die Armbanduhr. Heute ist Zeugnisvergabe, zum letzten Mal. Die Lehrer der Bertha-von-Suttner-Oberschule in Reinickendorf entlassen ihre Abiturienten nach 13 Schuljahren in die Freiheit. Christian ist einer von ihnen. „Das ist schon ein spannendes Gefühl“, sagt er. Eltern, Freunde, Verwandte – alle kommen zusammen und schauen zu, wenn ihm der Schulleiter auf der Bühne vom Ernst-Reuter-Saal die Urkunde überreicht. Zukunftsängste plagen Christian im Gegensatz zu vielen seiner Mitschüler nicht. Mit einem Durchschnitt von 1,0 ist er an seiner Schule der beste Abiturient des Jahrgangs. Und in ganz Berlin einer von 41 Schülern, die einen solchen Schnitt geschafft haben.

„Die guten Zensuren sind mir nicht zugeflogen“, sagt Christian. „Ich hab richtig Gas gegeben, wollte mich anstrengen, etwas erreichen.“ Seinen Lebensstil hat er dafür nicht geändert, er traf sich weiterhin mit Freunden und genoss die Freizeit. „Sonst wären gute Leistungen auch gar nicht möglich.“ Entscheidend ist seiner Ansicht nach vielmehr, ob man das Lernen gelernt hat. „Jeder muss seinen eigenen Rhythmus finden, in dem er sich auf Prüfungen vorbereitet. Doch die wichtigsten Techniken sollten alle Schüler kennen.“ Ihm hat es geholfen, komplexe Zusammenhänge durch Strukturdiagramme vereinfacht darzustellen. „Komplexreduktion“, so nennt es Christian. Der 18-Jährige, der in der Grundschule die dritte Klasse übersprungen hat, liebt die Präzision, auch in der Sprache.

Wie lange er sich auf die Abschlussprüfung vorbereiten musste? „Nicht so lange. Über Weihnachten hatte ich keine Lust zu lernen, erst danach habe ich angefangen. Zwei Wochen vor den Prüfungen.“ In den Leistungskursen Deutsch und Politische Weltkunde bekam er je 14 Punkte, eine glatte Eins. Auch im dritten Prüfungsfach Mathematik hatten die Lehrer nichts zu bemängeln. Auf 15 Punkte, eine Eins Plus, schaffte er es sogar im mündlichen Prüfungsfach Biologie. „Letztlich gehört auch etwas Fleiß dazu, wenn man ein gutes Abi machen will“, sagt Christian. „Und noch etwas anderes.“ Begabung möchte er es nicht nennen. Er meint es aber.

Mit den Mitschülern hat Christian nie Probleme gehabt. „Klar, einige haben gefrotzelt: Puh, der hat schon wieder ’ne Eins. Das wird doch langweilig.“ Aber Neid wäre nie ein Thema gewesen. „Wir haben auch in Gruppen gelernt, da konnte jeder mitmachen.“ Alles klingt perfekt, zu perfekt. „Natürlich bin auch ich nicht vollkommen, jeder hat Schwachpunkte“, sagt er schließlich. In Sport war Christian zum Beispiel nie richtig gut. „Leichtathletik, Schwimmen und Turnen – nö, das ist nix für mich.“ Da hätte er sogar mal eine Drei bekommen.

In Zukunft will Christian an der TU studieren, ein Diplom als Wirtschaftsingenieur machen. Technik und Ökonomie haben ihn schon immer mehr interessiert als Disko und Party. Vielleicht wird er die sprachlichen und musischen Fächer wie Deutsch und Kunst etwas vermissen. „Das war immer ein toller Ausgleich zu den Naturwissenschaften“, sagt er. Auf die neue Unabhängigkeit an der Uni, darauf freut er sich jetzt am meisten. Und Christian weiß, dass Freiheit auch Überraschungen mit sich bringt. „Das Leben kann man nicht planen, man kann sich nur Ziele setzten“, sagt er. „Und die Überraschung ist doch im Leben wie das Salz in der Suppe.“

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