Zeitung Heute : Einsamer Sieg

Eine vom Radsport-Weltverband UCI im Auftrag gegebene Untersuchung hat Dopingvorwürfe gegen Lance Armstrong zurückgewiesen. Ist damit erwiesen, dass Armstrong nicht gedopt war?

Mathias Klappenbach

Die UCI hat sofort nach der Veröffentlichung des Ergebnisses scharfe Kritik geübt – an der Art und Weise der Bekanntgabe. Der Weltverband äußerte sich enttäuscht und verwundert darüber, dass die unabhängige Kommission zuerst den Medien mitteilte, dass sie Lance Armstrong „komplett von dem Vorwurf entlastet, seinen ersten Toursieg 1999 mit Hilfe von Doping erreicht zu haben“.

Das Ergebnis des Abschlussberichts selbst ist dem Weltverband hingegen durchaus recht. Nach der Durchsicht des 132-seitigen Werks schloss er sich gestern dem Urteil der Kommission an und erklärte Armstrong für unschuldig. Schon im vergangenen August, als die französische Sportzeitung „L’Equipe“ codierte positive Dopingproben aus dem Jahr 1999 dem Namen Armstrong zuordnen konnte, hatte die UCI umgehend die Beweiskraft des Verfahrens angezweifelt.

Dabei hatte es zunächst so ausgesehen, als sei der seit Jahren mit Doping-Anschuldigen konfrontierte siebenmalige Gewinner der Tour de France nachträglich durch den wissenschaftlichen Fortschritt überführt worden. Im Zentrum der Affäre stehen sechs eingefrorene Urinproben des Amerikaners aus dem Jahr 1999 und die Frage, ob deren Untersuchung im Rahmen eines Experiments 2004, bei dem eigentlich die Methoden zum Nachweis von Doping verfeinert werden sollten, wissenschaftliche und auch juristische Beweiskraft besitzen. 1999 war das fünf Jahre später gefundene Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) noch nicht nachweisbar gewesen, die 2004 durchgeführten Untersuchungen mit den codierten Proben brachten zwar einen positiven Befund, doch gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Meinungen darüber, wie verlässlich die Analysen der angejahrten Proben noch sein können.

Die UCI wehrte sich dagegen, Armstrong schuldig zu sprechen, weil bei den Tests in einem anerkannten französischen Labor gegen mehrere Regeln der Welt-Doping-Agentur Wada verstoßen worden war. Unter anderem ging es darum, wer die nachträgliche Untersuchung und die Veröffentlichung der Resultate angeordnet hatte, warum der Weltverband nicht informiert wurde und ob die Wada gegen ihren eigenen Anti-Doping-Code verstieß, indem sie das Verfahren selbst autorisierte. Außerdem fehlte als erste Voraussetzung für eine Verurteilung die so genannte A-Probe, die damals nach den negativen Tests vernichtet worden war. Es ging und geht also nur um Verfahrensfragen – und hier war schon im vergangenen August absehbar, dass Armstrong formal korrekt nichts nachzuweisen sein wird, auch nicht durch eine unabhängige Kommission.

Wie nicht anders zu erwarten war, hat deren Bericht Armstrong nun nicht weiter belastet, sportjuristisch wäre er nach seinem Rücktritt sowieso nicht mehr zu belangen gewesen. Der Bericht hat den Texaner aber auch nicht entlastet. Es bleiben die sechs positiven Testergebnisse. Es bleibt seine jahrelange Zusammenarbeit mit dem wegen Sportbetrugs verurteilten Arzt Michele Ferrari, und es bleiben die Doping-Anschuldigungen seiner ehemaligen Masseurin und seines früheren persönlichen Assistenten.

Armstrong hatte immer gute Beziehungen zur UCI. So unterstützte er finanziell ein Anti-Doping-Programm des Weltverbandes und war über den aktuellen Stand der Wissenschaft informiert. Er schenkte der UCI sogar eine hoch entwickelte Blutzentrifuge. Allerdings erst im vergangenen Jahr.

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