Zeitung Heute : Einsatz fürs Leben

Die Bundeswehr führt künftig die Isaf-Truppen in Afghanistan – und sucht nach der richtigen Strategie

Robert Birnbaum

Der Bundeswehrverband hat den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan als konzeptlos kritisiert. Welchem Plan folgt diese Mission?


Das kleine Mädchen strahlte den Verteidigungsminister vom Foto herab an. Das kleine Mädchen hatte Achim Lidsba als Illustration für seinen Vortrag gewählt, mit dem der General in Kabul dem neuen Dienstherrn Franz Josef Jung (CDU) kurz vor Weihnachten die Lage in Afghanistan erläuterte. „Unser Auftrag ist, dass die Menschen in diesem Land wieder lächeln können“, sagte der damalige Chef der deutschen Isaf-Truppen. Der General führte anschließend noch etwas detaillierter aus, was die Bundeswehr am Hindukusch tut. Aber in der freundlich-unscharfen Beschreibung des Einsatzzwecks der rund 1500 Soldaten steckt ein Stück tiefere Wahrheit. Worauf das internationale Engagement in Afghanistan am Ende hinauslaufen soll, ist tatsächlich schwer zu beschreiben.

Insofern hat der Vorsitzende des Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, durchaus Recht, wenn er in der „Leipziger Volkszeitung“ klagt: „Unser Einsatz in Afghanistan basiert nicht auf einem wirklich schlüssigen Konzept.“ Nur ist solche Kritik immer auch ein bisschen wohlfeil. Denn der Versuch, einem traditionell in Stammeszonen aufgeteilten, durch Jahrzehnte Krieg und Bürgerkrieg zusätzlich zerrütteten Land wie Afghanistan auf dem Weg in ein halbwegs stabiles Staatsgebilde zu helfen, folgt notgedrungen oft mehr dem Prinzip von Versuch und Irrtum als einem klaren Generalstabsplan.

Augenfälligstes Beispiel sind die deutschen Feldlager in Nordafghanistan, zunächst in Kundus und Islamabad, ab heute Nacht in Masar-i-Scharif. Die Bundeswehr übernahm damit das von den USA entwickelte Konzept der „Provincial Reconstruction Teams“ (PRT): Relativ kleine Militäreinheiten sollen zu Keimzellen von Stabilität werden. Das Aufgabenpaket reicht vom schlichten Präsenzzeigen etwa durch Patrouillen bis hin zu konkreter Unterstützung für Zivilbevölkerung und Hilfsorganisationen. Dass bei diesem Konzept immer auch die Erkenntnis Pate gestanden hat, dass die beteiligten Nationen für größere Armeepräsenz weder Geld noch Personal zur Verfügung stellen wollten oder konnten, ist freilich unbestritten. So haftet dem Modell stets etwas von einer Verlegenheitslösung an. Und ob es auch dann noch funktioniert, wenn sich die Sicherheitslage im Land insgesamt deutlich verschlechtert, ist nach Einschätzung von Militärs keineswegs ausgemachte Sache.

Ohnehin sind die Soldaten nur Teil des Aufbau-Experiments – und nicht einmal der wichtigste. „Wir schaffen hier bestenfalls so etwas wie ein Grundgefühl, dass das Land nicht wieder in die alten Konflikte und Kriegszustände zurückfallen kann“, hat einmal ein Kommandeur in Kundus formuliert. Als viel wichtiger gilt, dass die Zentralregierung in Kabul bis ins Land hinein Autorität entwickeln kann. Dabei soll beispielsweise der Aufbau der afghanischen Armee helfen. Dass gerade hier größerer Einsatz der Staatengemeinschaft wünschenswert wäre, gehört seit Jahren zu den häufigsten Klagen vor Ort.

Ebenso verbreitet ist die Einsicht, dass das Drogenproblem nicht durch das Niederbrennen von Schlafmohnfeldern wirksam bekämpft werden kann, solange die Bauern mit ihren kargen Hochland-Böden keinen anderen Lebensunterhalt finden. Aber auch hier geht es in der Praxis nur langsam und mühsam voran. „Insgesamt verfehlen wir das Ziel, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern“, moniert Gertz. Von Unzufriedenheit zu Ablehnung aber ist der Weg womöglich nicht weit.

In alledem sieht freilich auch ein Interessenvertreter wie Gertz derzeit keinen Grund, den Einsatz in Frage zu stellen. Auch nicht angesichts steigender Anschlagsgefahren. An einen raschen Erfolg hat nie einer geglaubt. Der deutsche General Markus Kneip, der ab diesem Donnerstag das Kommando in der Nordprovinz übernimmt, kalkuliert weit in die Zukunft. „Zehn Jahre plus x ist meine Perspektive“, sagt er in einem Interview. „Wenn wir die Arbeit hier zu Ende bringen wollen, dauert sie mit Sicherheit ein, zwei Generationen.“

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