Zeitung Heute : Eintracht auf dem Allgemeinplatz

Oskar Lafontaine stellt sein neues Buch vor. Horst Seehofer ist auch dabei

Helmut Schümann

Die Herren kommen in Eintracht und bleiben es. Gemeinsam steigen Oskar Lafontaine und Horst Seehofer aus einem schwarzen Volvo, der sie durchs Berliner Schneegestöber ins Haus der Bundespressekonferenz gebracht hatte. Und dann stellen sie sich im Foyer den Fotografen. Seehofer, einen Kopf größer als Lafontaine, im dunkelblauen Tuch, grau der Anzug Lafontaines und beide mit dem Lächeln der Gewissheit. Selbstsicher, sehr gerecht – die good guys der deutschen Politik, ihr Gewissen.

Oskar Lafontaine, der sozialdemokratische Politiker a. D., hat ein Buch geschrieben. Sein drittes nach „Das Herz schlägt links“ und „Die Wut wächst“. Nun „Politik für alle. Streitschrift für eine gerechte Gesellschaft“. Das Werk gilt es vorzustellen an diesem Freitag in Berlin, eine Veranstaltung, die man auch als Aufgalopp der Volksmeinung in die Woche der Wahrheit verstehen kann. Nächste Woche trifft Kanzler Gerhard Schröder Angela Merkel und Edmund Stoiber zum Jobgipfel, und da trifft es sich gut, dass Lafontaine die von ihm wahrgenommene Stimmung im Lande gebündelt vorträgt. Und Horst Seehofer, der ehemalige Gesundheitsminister und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CSU, übernimmt die Laudatio. Die beiden eint ihre unüberbrückbare politische Differenz mit den Heimatparteien. Lafontaine trat schon 1999 von all seinen Ämtern zurück, je nach Betrachtungsweise könnte man auch formulieren: stahl sich aus der Verantwortung. Seehofer gab seine Ämter im vergangenen November ab, nach lange geführtem, aufrechtem Kampf gegen den Kompromiss zur Gesundheitsreform. Und so treten sie auch auf: einig in der Sache gegen die herrschende Politik, eine Allianz zweier Kohlhaas’, die Parteigrenzen nicht mehr kennt und ideologische Differenzen wegwischt.

Im Laufe des Vormittags holt Lafontaine auch noch Heiner Geißler und Gregor Gysi ins Bündnis, „es ist ehrenvoll, von denen unterstützt zu werden.“ Aber daraus zu folgern, sein Buch sei so allgemein gültig, dass es überall konsensfähig ist, dürfte mindestens Seehofer nicht gerecht werden. Der Mann meint, was er sagt, vielleicht ist er gerade deswegen so isoliert in seiner Partei.

Und es ist ja doch auch alles richtig, was die beiden als Essenz des Buches vortragen. Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland ist doch tatsächlich gewachsen. Der Abbau des Sozialstaates wird doch nicht nur gefühlt. Die Arbeitslosenzahl ist auch keine Erfindung. Die Arbeitsmarktreform ist wirkungslos geblieben, der allumfassende Neoliberalismus hat seinen Teil zur Misere beigetragen – und ist nicht „Hartz IV“ von einer großen Mehrheit der „Allparteienkoalition“, wie Lafontaine sich ausdrückt, „installiert“ worden und wird von einer großen Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt? Ja, ja, möchte man rufen, stimmt alles, und doch bleibt Unbehagen, wenn einer so laut durchs Leben zieht wie Lafontaine und gleichzeitig sein Mitwirken an den Korrekturen verweigert. „Ja“, sagt Lafontaine auf eine entsprechende Frage, seine „Regierungsbeteiligung sei gewiss schön und sicher auch effektiv, aber die Aussichten darauf sind doch sehr gering“. Später sagt er noch, „dass die Taten zählen und nicht die Worte“. Genau. Auch die Tat, sich schmollend zurückzuziehen.

Mitunter ist es auch der Bestseller-Autor Lafontaine, der sich die Ehre gibt und weniger der politische Kopf. Etwa wenn er einem Journalisten das Buch signiert und der ihm mitteilt, dass er den Band seiner Freundin schenken wolle. „Oh ja“, sagt der Charmeur aus dem Saarländischen, „ich erinner’ mich an sie, eine sehr schöne Frau.“ Oder wenn er den Stammtisch erobert und den Allgemeinplatz zum Argument erhebt. Doch ja, im Allgemeinplatz ist Oskar immer noch gut. „Es geht nicht um Personen, die zurücktreten müssen“, sagt er, „die Politik muss zurücktreten.“ Das hat dann in etwa die Erkenntnistiefe einer Bauernweisheit, Regen im Mai, April ist vorbei, wer will das leugnen? Allein, wie tritt Politik zurück?

Und wenn Oskar Lafontaine bei solchen Sätzen auch noch die Hände faltet wie zum Gebet, dann schleicht sich ein wenig die Attitüde eines Motivationslehrers in den Auftritt. Auch im Buch, dem „wortmächtigen“, wie Seehofer lobt, finden sich solche Passagen. Ein Kapitel ist überschrieben mit „Dichter und Denker statt Kostensenker“ – hey, das ist griffig, das ist schmissig, das hat Witz und wenig Wirklichkeitsbezug.

Wie er überhaupt ein wenig überholt wirkt mit seinen 61 Jahren. Horst Seehofer macht ein Witzchen, zitiert die „FAZ“ und nennt Lafontaine den „Sozial-Breschnew der alten Republik“. Was immer das im Einzelnen bedeuten mag, mit dem alten sowjetischen Staatsoberhaupt verglichen zu werden, kann ihn doch eigentlich nicht erfreuen. Aber Lafontaine feixt dazu, und dass er in die „alte Republik“ versetzt wird, nein, das stört ihn offensichtlich nicht. Seehofer bemerkt den rückwärtigen Ansatz des Lafontain’schen Denkens, lobt ihn und sagt, dass Oskar Lafontaine in großen Lettern auf dem Cover stehe, „aber auch im Buch drin ist, dieser alte polarisierende Lafontaine, der immer noch wie einst mit der Planierraupe durch das Land fegt“.

Der alte Lafontaine. Dem heutigen kommt nicht viel wirklich Neues über die Lippen. Die Analyse der hiesigen politischen Verhältnisse, seine Analyse ist bekannt, und „dass der Staat aufgehört hat, die Verteilungsungerechtigkeit zu dämpfen und sie stattdessen verschärft“, ja nun, das kommt über das Schlagwort auch nicht hinaus. Und dass wir eine neue Partei brauchen, wenn die alten ihrem sozialen Auftrag nicht mehr gerecht werden, frisch ist das auch nicht. Es wird dann ein bisschen gebetsmühlenartig, wenn er das immer Gleiche immer wiederholt, aber es verkauft sich halt gut, vom Erstlingswerk konnte der Verlag 300000 Stück absetzen.

Das ist indes möglicherweise die Crux im Wirken Lafontaines: dass er abgetan wird als Rundumschläger, der nur auf den eigenen finanziellen Vorteil abzielt; im vergangenen Jahr höhnte Außenminister Joschka Fischer, dass Lafontaine und Gysi „für üppige Honorare in Büchern und Talkshows rührende Geschichten“ erzählten, warum sie stiften gegangen seien. Dann gehen nämlich auch die bedenkenswerten Überlegungen unter. Der Vorschlag zum Beispiel, das System bei der Arbeitslosenversicherung zu ändern. In den ersten Jahren der Beitragszahlung sollten demnach mögliche Auszahlungen erst einer Bedürftigkeitsprüfung unterzogen werden. Und erst später solle die Arbeitslosenversicherung als tatsächliche Versicherung wirken. Dann könne man auch verhindern, dass ältere Arbeitnehmer bei Arbeitslosigkeit nur einen geringen Prozentsatz ihres eingezahlten Geldes zurückbekommen. Dem CSU-Mann Seehofer gefällt der Vorschlag so gut, dass er sich nachgerade ärgert, dass er ihm nicht eingefallen war. Aber dann heben beide auch wieder die Hände und mutmaßen, dass ein Umdenken in der Politik wohl eher nicht zu erwarten ist. „Nützt ja alles nichts“, sagt Lafontaine.

Sprach’s und beendet die kleine Abrechnungsshow. Derweil sein erstaunlicher Bündnispartner Seehofer in die bayerische Heimat entweicht, wo er am Abend in einer Laienschauspielgruppe einen Bischof zu mimen hat. Der nutzt seine politikfreie Zeit, um neue Rollen auszuprobieren. Das, immerhin, trennt ihn von Lafontaine.

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