Einwanderer : Die Tanzschule

Ein Blick, konzentriert und nach vorn gerichtet. Im Kino zu sehen, zum ersten Mal vor fünf Jahren, bei der Berlinale-Premiere des Films „Rhythm is it!“. Es könnte der Moment gewesen sein, in dem der Flüchtling Olayinka Shitu ein neues Leben begann

Johanna Lühr
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Geboren in Nigeria, heimisch in Berlin: Olayinka Shitu sagt: "Ich habe einen Ort gefunden, wo ich sein kann." -Foto: Thilo Rückeis

Es ist wieder kalt geworden. Die Menschen eilen mit nach vorne gebeugtem Oberkörper aus einem Berliner S-Bahnhof, einer aber, Olayinka Shitu, aufgewachsen in Nigeria, einziger Überlebender seiner Familie, einst Flüchtling und seit ein paar Tagen Fachinformatiker für Systemintegration, geht aufrecht. In einem Ohr steckt ein Kopfhörer, in der Hand trägt er eine schwarze Aktentasche. Seine Turnschuhe sind weiß und blank geputzt. Er sagt: „Ich denke, dass ich viel bekommen habe.“

Vor allem Aufmerksamkeit. Die von 650 000 Kinozuschauern zum Beispiel.

Vor fünf Jahren hatte der Dokumentarfilm „Rhythm is it!“ auf der Berlinale Premiere, ein halbes Jahr später kam er in die deutschen Kinos. Olayinka Shitu hatte – gewissermaßen – eine der drei Hauptrollen. Er war damals 16 Jahre alt, gerade erst aus seiner Heimat ge flohen, allein. Der Film zeigt die Umsetzung einer Idee des Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, Simon Rattle: 250 Berliner Schüler sollten zu Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du Printemps“ tanzen, begleitet von Rattles Orchester. Die meisten dieser Kinder hatten nie zuvor etwas mit klassischer Musik zu tun, viele von ihnen nie einen Fuß in die Philharmonie gesetzt. Und doch sollten sie am Ende ein Publikum zu Tränen rühren.

Der Film beginnt in einer Turnhalle. Schüler in Trainingshosen und T-Shirts sitzen mit krummem Rücken auf Linoleumboden. Vor ihnen steht der englische Choreograf Royston Maldoom in Jeans und T-Shirt und sagt den Satz: „Es geht hier nicht nur um das Tanzen. Ihr könnt euer Leben in einer Tanzstunde ändern!“ Sein Blick gleitet über die Menge am Boden. Mittendrin sitzt Shitu. Seine ernsthaften Augen sind nach vorne gerichtet, aufmerksam und konzentriert, und es könnte der Moment sein, in dem er tatsächlich sein Leben ändert, in dem ein neues Leben beginnt.

Und er hat ein neues beginnen müssen, denn sein altes war zu Ende.

Nigeria, Westafrika. Einer der größten Erdölproduzenten Afrikas, aber auch eines der ärmsten Länder der Welt. Drei Volksgruppen kämpfen dort seit Jahrzehnten um die Macht. Die muslimischen Haussa im Norden, die christlichen Ibo im Südosten und die Yoruba im Südwesten. Shitus Familie ist christlich und gehört zum Stamm der Yoruba.

Er wohnt mit seinen Eltern und seinen beiden jüngeren Geschwistern in einem Haus in einem Dorf, in der ersten Etage die Familie, das Untergeschoss ist für Besucher und Verwandte reserviert, denn es kommen immer viele Gäste. Bis er eines Tages aus der Schule nach Hause kommt und Flammen sieht. Er findet seine Eltern und Geschwister. Sie sind tot, ermordet. Sein Vater war politisch aktiv. Mehr sagt Shitu dazu nicht.

Er hatte Glück, dass er nicht zu Hause war. Er flieht zu Freunden des Vaters nach Lagos, einer Stadt mit geschätzten 13 Millionen Einwohnern, Morde sind Alltag, Strom und Wasser und Arbeit sind es nicht. Lagos, hat einmal ein Sprecher der Vereinten Nationen gesagt, sei das Szenario einer Zukunft, die es zu verhindern gelte.

Für die Freunde des Vaters wird es auf die Dauer zu gefährlich, Shitu zu beherbergen. Er lernt einen Mann von der Kirche kennen, der ihm helfen will, das Land zu verlassen. Er nennt ihm das Datum eines Fluges, Shitu packt eine kleine Tasche und schlägt die Tür hinter sich zu. Sein Ziel kennt er nicht. An einem Flug hafen irgendwo in Deutschland setzt der Mann ihn in einen Zug und rät ihm, bei seiner Ankunft in der Stadt Berlin die Polizei anzurufen.

Shitus Leben geht so weiter, wie es für die meisten minderjährigen Flüchtlinge in Deutschland anfangs weitergeht. Von den äußeren Umständen her gar nicht mal so schlecht. Zunächst kommt er in die Auffangstätte, die „Clearingstelle“, nach Pankow. Er erhält Jugendhilfe, zieht in eine Wohngemeinschaft, bekommt Förderunterricht in Deutsch und geht zur Schule.

Dann kommt der Film. Und alle sind von Shitu verzaubert. Maldoom, der Choreograf. Die Leute von der Film produktionsfirma Boomtown. Die Gruppe „Friends of Olayinka“, die erfolgreich gegen eine Abschiebung kämpfen – Shitus Aufenthalt in Deutschland war befristet, eine „Duldung“. Sir Simon Rattle, der einen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit schreibt. Günther Jauch, der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft und die Stiftung der Deutschen Bank, die Shitus Studium finanzieren, und die Professorin Mitzi Meyerson, die ihn in ihr Herz schließt, als sie den Film sieht und so etwas wie seine Ersatzmutter wird. Alle, die den Film gesehen haben, erinnern sich an diesen Jungen. Wieso?

Für Mitzi Meyerson, Professorin für Cembalo an der Berliner Universität der Künste, waren es die Augen. Der hungrige Blick, mit dem er alles in sich aufzusaugen schien. Sie sitzt in ihrem Unterrichtszimmer zwischen einem französischen und einem italienischen Cembalo, eine Amerikanerin aus Chicago mit langen dunkelbraunen Haaren und grün glitzernden Ohrringen. Sie weiß nur, dass sie damals im Kino gedacht hat: Da ist nichts, was ich nicht für diesen Jungen tun wür de. Als ein paar Wochen später einer der Regisseure zu einem Seminar an ihre Universität kam, ging sie hin. Sie wollte wissen, was aus Shitu geworden war.

Der Regisseur Enrique Sánchez erzählte ihr, dass sie Shitu einen Brief schreiben könne, und wenn der wolle, würde er sich melden. Ein paar Wochen später klingelt ihr Telefon. Meyerson weiß noch, dass es regnete an jenem Tag. Sie trug Einkaufstüten an beiden Armen, die sie fallen ließ, als sie endlich ihr Handy in der Hand hatte. Es war Shitu.

Vier Jahre sind seitdem vergangen. Jahre, in denen er jeden Morgen nach Potsdam in die Schule gefahren und abends um fünf nach Hause gekommen ist. In denen er viel vor dem Computer gesessen, programmiert und sich um Webseiten gekümmert hat. In denen er Freunde gefunden hat und eine Gemeinde.

Es ist ein Sonntag, elf Uhr, in der Berlin International Church in Wilmersdorf. Mit dem Fahrstuhl geht es hoch in den vierten Stock, der Saal ist fast voll, auf der Bühne stehen zwei Keyboards. Davor predigt der Pastor mit drahtlosem Mikrofon über Vergebung. Er erzählt von seiner Footballverletzung vor ein paar Jahren, ein schlimmes Foul, das Knie kaputt, seitdem habe er nicht mehr spielen können. Dem Gegner vergeben – das sei gar nicht so einfach manchmal. Shitu sitzt aufrecht auf seinem Stuhl und hört zu. In der Reihe vor ihm murmelt einer seine Zustimmung. Dann stehen alle auf, um zu singen. Auch Shitu erhebt sich.

Wie er so dasteht, singt und sich dabei ganz leicht nach vorne beugt, muss man an die Szene aus „Rhythm is it!“ denken, als er in der Küche seines Wohnheims mit einem Freund zu tanzen beginnt. Die beiden haben gerade gegessen, Shitu putzt noch den Herd, und dann stellen sie den CD-Spieler an, afrikanische Musik, und beginnen zu tanzen. Wie sie so lächelnd voreinander in die Knie gehen und mit den Oberkörpern wippen im Neonlicht des kargen Wohnzimmers, wirken sie wehmütig glücklich. Diese Art des Lächelns hat Shitu in den Jahren danach nicht verloren.

Irgendwann in dieser Zwischenzeit, zwischen Ankunft in Deutschland und Abschluss der Ausbildung, ein Starbucks- Café in der Friedrichstraße. Draußen vor den Fenstern regnet es. Autos warten geduldig vor einer Ampel, die Anzeige an einer Straßenbahnhaltestelle Mitte zeigt die verbleibende Wartezeit, noch zwei Minuten. „Wenn in Nigeria der Präsident fahren will, lässt er manchmal die ganze Straße sperren und fährt auf der falschen Spur“, sagt Shitu. „Auch wenn er nur zu seiner Oma will. Es gibt kein gleiches Recht für alle. Es gilt immer nur für einen.“ Er lächelt und schüttelt den Kopf. Es gehe nur um Macht. Nigeria, das sei eine „sogenannte Demokratie“. Der Teebeutel mit dem Früchtetee liegt ausgequetscht auf der Untertasse, und draußen schaltet die Ampel wieder auf Rot. „Die Zeit läuft immer“, sagt Shitu. Man könne die Uhr ausschalten, aber „die Zeit läuft“. Shitu ist einer, der immer weitergeht.

In „Rhythm is it!“ gibt es einen Moment, der zeigt, wie das Philharmoniker- Projekt zu scheitern droht. Viele der Schüler haben keine Lust mehr, der Unterricht ist ihnen zu anstrengend, eine Lehrerin spricht im Namen der Kinder mit dem Choreografen. Er fordere zu viel von ihnen. Es seien doch Kinder. Er fordere noch lange nicht genug, antwortet Maldoom. Sie könnten noch viel mehr.

Shitu hat jetzt also sein Studium abgeschlossen, ist jetzt Fachinformatiker. Nach den Prüfungen hat er zuerst seinen Förderern geschrieben und sich für ihre Unterstützung bedankt. Von Günther Jauch kam sogleich eine Mail zurück: Er gratuliere ihm und werde seinen Weg gespannt weiterverfolgen. Shitu sucht jetzt erst mal nach einem Job.

„Rhythm is it!“ endet mit einer grandiosen Aufführung. Alle Schüler stehen auf der Bühne und verneigen sich. Unten donnert der Applaus. Unter den stolzen Gesichtern ist auch das von Shitu. Das Licht geht aus.

„Wertvoll ist, was du bekommst“, sagt er. „Ich habe einen Ort gefunden, wo ich sein kann. Ich habe Deutsch gelernt. Wie viel Wert das hat, kann ich nicht sagen. 100, 1000 Euro?“ Und: „Alles, was ich kann, mache ich aus mir.“

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