Zeitung Heute : „Einzelprojekte nützen wenig – wir brauchen einen grundlegenden Wandel“

Die Mathematikerin Christine Scharlach sieht viele Gründe dafür, warum Studentinnen in den Ingenieurwissenschaften noch immer in der Minderheit sind

Nur 14 Prozent der Studierenden im Fach Informatik an der TU Berlin sind weiblich, in der Elektrotechnik sind es sogar nur sieben Prozent. Warum sind Studentinnen in diesen Fächern noch immer eine Ausnahme?

Technische Fächer, insbesondere Informatik und Elektrotechnik, gelten in der Gesellschaft nach wie vor als männliche Domänen. Diese Fächer werden nicht mit Frauen assoziiert. Daraus resultiert wiederum, dass es kaum weibliche Vorbilder gibt, die in solchen Berufen arbeiten. Eltern, Freunde und Verwandte spielen aber eine wichtige Rolle bei der Berufswahl. Kinder orientieren sich an den Berufen ihrer unmittelbaren Umgebung. Und wenn sie an die Universität kommen, treffen sie in diesen Fächern hauptsächlich auch nur wieder auf Professoren. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass Frauen in Deutschland überhaupt erst seit etwa 100 Jahren studieren dürfen. Gesellschaftliche Vorstellungen ändern sich nur sehr langsam.

Dieses Missverhältnis ändern zu wollen, wird hauptsächlich ökonomisch begründet: Angesichts eklatanten Fachkräftemangels in fast allen Ingenieurberufen könne es sich Deutschland nicht leisten, auf die andere Hälfte der Gesellschaft zu verzichten, heißt es, und es wird mit blendenden Karriereaussichten geworben. Das scheint aber als Motivation nicht zu reichen.

Natürlich nicht. Das beweist ja die verschwindend geringe Zahl der Studentinnen. Aus Befragungen weiß man, dass für Frauen bei der Berufswahl die Aussicht auf eine Karriere nicht oberste Priorität hat. Mindestens genauso wichtig sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Sicherheit, das Arbeitsklima und soziale Einbindungen. Gehobene Position, viel Geld, viel Macht spricht Frauen nicht in dem Maße an wie Männer. Außerdem wird der anderen Erwartung und dem anderen Verständnis von Technik, das Frauen haben, an der Universität bislang kaum Raum gegeben.

Das müssen Sie erklären.

Für Frauen ist Technik nicht an sich interessant. Sie betrachten sie unter dem Aspekt der gesellschaftlichen Bedeutung und des Nutzens. Interdisziplinarität ist Studentinnen sehr wichtig. Dieses sehr Spezialisierte, Fokussierte, was Studentinnen in den ingenieurwissenschaftlichen Fächern erleben, scheint sie nicht anzuziehen. Und die universitäre Lernkultur, die vom dozierenden Professor geprägt ist, spricht Frauen tendenziell weniger an als Männer.

Da wären wir bei dem Stichwort gendergerechter Unterricht. Was heißt das konkret?

Dass der Unterricht beiden Geschlechtern gerecht wird. Man muss akzeptieren, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt. Dieser Vielfalt hinkt die Didaktik an den Hochschulen, vor allem in den technisch-naturwissenschaftlichen Fächern, hoffnungslos hinterher.

An der Carnegie-Mellon-Universität in Pittsburgh (USA) wurde innerhalb von fünf Jahren der Anteil der Studentinnen in der Informatik von 7 auf 42 Prozent erhöht. Welche Erfahrungen aus diesem Programm sind auf Deutschland übertragbar?

Think big, wie der Amerikaner sagt. Das Problem muss umfassend angegangen werden. Die Hochschuldidaktik zum Beispiel krempelt man nicht mit vereinzelten gutgemeinten Projekten um. Sie brauchen interdisziplinäre Projekte vor Ort, in denen Expertinnen und Experten des jeweiligen Faches solchen aus den Sozialwissenschaften und der Fachdidaktik zur Seite stehen. Um eine tiefgreifende Veränderung zu erreichen, muss man einen grundlegenden Veränderungsprozess anstoßen. Im Moment aber ist in Deutschland genau das das Problem. Der Wille, den Studentinnenanteil in den „MINT“-Fächern, also in Mathematik, in der Informatik, den Naturwissenschaften und in der Technik, signifikant zu erhöhen, steckt derzeit in vielen hervorragenden Einzelinitiativen fest, die nur kurzfristig angelegt sind und nicht zu einem Ganzen zusammenwachsen. Die landesweite Initiative „Komm mach MINT!“ ist ein solcher übergreifender Ansatz. Hier haben sich Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien zusammengeschlossen, um eine nachhaltige Veränderung herbeizuführen. Mir ist aber nicht klar, wie dieser Prozess die Lehrenden an den Hochschulen erreicht.

Das Gespräch führte Sybille Nitsche.

Christine Scharlach (45) ist habilitierte Mathematikerin und hatte 2008/2009 an der TU Berlin die Gastprofessur „Genderaspekte in der Informatik und Elektrotechnik“ inne.

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