Zeitung Heute : Einzigartig wie der Mensch

Ein Grabmal markiert nicht nur die letzte Ruhestätte. Ein Besuch im ältesten Steinmetzbetrieb Berlins

Maximilian Demandowsky

Blitzschnell gleiten die Finger über die Computermaus. Ein Stein erscheint auf dem Monitor und nimmt allmählich Gestalt an. Nur die Schrift fehlt noch. Keine drei Sekunden später ist aus dem Stein ein Grabstein geworden. Eine feine Bronzeschrift überzieht jetzt den Granit, ein in den Fels geschlagenes Blumenmotiv ziert einen Rand. Das Monument wirkt dank des 3-D-Effekts täuschend echt. Aus der Vogelperspektive und sogar von unten lässt sich nun die Grabanlage beschauen. „Die meisten müssen dann lachen, wenn sie das Grab von unten sehen – aus der Perspektive des Verstorbenen“, sagt der Kreuzberger Steinmetz Frank Rüdiger und lächelt verschmitzt.

Nicht immer geht es so heiter zu, aber nur wenige kommen todtraurig hierher. Der Steinmetzberuf, so viel wird mit einem Blick in die Werkstatt schnell klar, ist ein traditionelles Handwerk im besten Sinne des Wortes: Die gesamte Arbeit ist bis auf wenige Ausnahmen Handarbeit. Und doch ist die moderne Zeit nicht spurlos daran vorübergegangen. Der Kollege Computer hilft inzwischen beim Entwurf der Grabsteine. „Wir bieten den Kunden vor allem eine Visualisierung an, damit er weiß, wie es später aussieht; die handwerkliche Arbeit jedoch bleibt.“

Frank Rüdiger gehört zu den Inhabern des ältestem Steinmetzbetriebes Berlins. Nur eine schmale Straße trennt Büro und Werkstatt in der Bergmannstraße vom gegenüberliegenden Friedhof Kirchhof Jerusalem IV. „H. Albrecht – Steinmetzmeister seit 1883“ steht am Eingang vor dem Hof. Den Familienbetrieb gibt es seit fünf Generationen. Als Grabdenkmalfabrik, 1880 vom Bildhauer Julius Heinrich Rüdiger gegründet, wurde das Unternehmen drei Jahre später in Steinmetzfirma H. Albrecht umbenannt. 100 Jahre später übernahmen die Brüder Frank und Bodo Rüdiger die Firma von ihrem Vater Dietrich Rüdiger. Das war 1998. Beide haben den Steinmetzberuf im eigenen Betrieb gelernt. Sie arbeiten in ihrem Beruf mit Lust und nach Leibeskräften. Es gibt Hoffnung, dass es auch in Zukunft so weitergeht: im September 2000 kamen die Söhne von Frank und Bodo Rüdiger zur Welt: Christian und Felix.

Neben dem Anfertigen von Grabsteinen restaurieren die Steinmetze auch alte Denkmäler, sie erstellen zudem Stein- und Bronzefiguren, fertigen Sockel und Küchenplatten. Die verwendeten Natursteine aus Granit, Marmor, Kalk- oder Sandstein werden aus der ganzen Welt zusammengetragen, dann – noch im Rohzustand – in der Werkstatt geschnitten, geschliffen und mit Ornamenten oder Schriften versehen. Auf den Steinen finden sich gotische, kyrillische oder hebräische und altdeutsche Zeichen.

Welche ungewöhnlichen Kundenwünsche wurden schon an die Steinmetze herangetragen? Frank Rüdiger zögert. Aber nur kurz. „Ein Stein sollte einmal so aussehen wie eine große grüne Doornkaat-Schnapsflasche“, erinnert er sich. „Die Friedhofsverwaltung hat das aber abgelehnt.“ Auch ein Grabstein in Form einer stilisierten Kochmütze ist ihm noch in Erinnerung – eine Hommage an einen leidenschaftlichen Koch. Individuelle Widmungen und der Stein gewordene Charakter des Verstorbenen liegen den Kunden heute besonders am Herzen.

Mit der durch Maschinen und moderne Technik veränderten Arbeitswelt des Steinmetzes unterliegt auch die Erinnerungskultur dem Wandel der Zeiten: Auf knapp 70 Prozent schätzt Frank Rüdiger den Anteil anonymer Begräbnisse in Berlin. Allerdings, so seine Beobachtung, ist auch wieder ein Gegentrend zu beobachten: „Die Menschen widmen sich wieder verstärkt den Verstorbenen und wünschen eine würdevolle und individuelle Erinnerung.“ Immer wichtiger ist daher auch das persönliche Gespräch mit den Kunden: „Die Beratung der Kunden ist ein wichtiger Teil der Arbeit, denn viele haben noch keine genaue Vorstellung, wie der Grabstein später aussehen soll.“ Manche wissen aber sehr genau, was sie wollen. So wie der Kunde, der ein Foto seines verstorbenen Vaters mitbrachte, auf dem eine Berglandschaft in den Alpen zu sehen ist. Der Blick aus dem heimischen Fenster findet sich heute als Ornament auf dem Grabstein wieder.

Über ihr eigenes Grab müssen sich die Steinmetze keine Gedanken machen: Auch sie werden einmal in das Familiengrab der Vorväter gebettet werden. Es liegt vom Betrieb 150 Meter entfernt – direkt gegenüber.

Weitere Informationen unter: www.steinmetzinnung-berlin.org

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