Zeitung Heute : Einzigartiges Konzept

Einheit in Vielfalt – die Nordländer verstehen es, ihre Gemeinsamkeiten individuell zu nutzen

Kai-Axel Aanderud

„Jeder für sich und doch gemeinsam“: Als Königin Margrethe II. von Dänemark die Nordischen Botschaften im Herbst 1999 unter jenem Motto ihrer Bestimmung übergab, weihte die Monarchin damit zugleich ein weltweit einzigartiges Projekt ein: Nie zuvor hatten fünf souveräne Staaten ein gemeinsames Botschaftsgebäude bezogen. Bis heute ist es einzigartig geblieben.

Sprache, demokratische Werte, Mentalität: Die Skandinavier verfügen über ein vielfältiges gemeinsames Erbe, und doch gibt es Unterschiede: Dänemark und Schweden blicken auf eine lange souveräne Geschichte zurück, ihre Nachbarn dagegen erlangten die staatliche Unabhängigkeit erst im 20. Jahrhundert zurück: Norwegen 1905, Finnland 1917, Island 1944. Dänemark, Finnland und Schweden sind in der EU, Island möchte gern hinein; Dänemark, Island und Norwegen sind in der Nato, Finnland hat den Euro.

„Die nordischen Länder haben in manchen Bereichen selbständige Ausgangspositionen. Doch war dies nie ein Hindernis für die Weiterentwicklung und Vertiefung unserer Zusammenarbeit. Ganz im Gegenteil“, betont der dänische Botschafter Carsten Søndergaard. Seit 1952 kooperieren die Nordeuropäer im Nordischen Rat, seit 1971 im Nordischen Ministerrat erfolgreich auf Feldern wie Bildung, Soziales, Verbraucherrechte, Umwelt- und Industriepolitik – gute Voraussetzungen also für das „Gemeinschaftshaus“.

Die Chance zur Realisierung dieser Idee bot sich mit der Entscheidung des Deutschen Bundestages, das Parlament von Bonn nach Berlin zu verlegen und die Spreemetropole zur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland zu machen. Folglich benötigten die Skandinavier neue Vertretungen in der neuen Kapitale, denn die Vorkriegsbotschaften im Tiergarten waren im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, die Botschaften in Ost-Berlin obsolet – warum also nicht die alte Idee aufgreifen und etwas Gemeinsames bauen?

Was nach und von außen wirkt wie ein einheitliches, von einem mächtigen Kupferband umschlossenes Gebäude, ist im Inneren eine Kombination aus einem Gemeinschaftskomplex und fünf separaten Botschaftsgebäuden. „Das Konzept ist einzigartig: Fünf Länder präsentieren sich gemeinsam nach außen, ohne dabei die eigene Identität einzubüßen“, sagt Sven Erik Svedman, Botschafter Norwegens, „indem wir als Norden auftreten, werden wir von der Öffentlichkeit besser wahrgenommen, als träten die nordischen Länder einzeln auf.“ Dies betont auch Søndergaard: „Wir nutzen das Kulturhaus sowohl für gemeinsame nordische als auch für eigene nationale Veranstaltungen, Ausstellungen, Lesungen und Vorträge. Kein Land kommt dabei zu kurz.“

Finnlands Botschafter Harry Helenius hebt einen weiteren Publikumsmagneten hervor: „Neben den gemeinsamen Ausstellungsflächen und dem Auditorium ist auch die dem breiten Publikum offenstehende ausgezeichnete Kantine zu einem Berliner Anziehungspunkt für jährlich 100 000 Besucher geworden. Wir haben sogar eine eigene, nach unserem Botschaftskomplex benannte Bushaltestelle: ‚Nordische Botschaften‘.“

Auch ökonomisch ist die Rauchstraße 1 von Vorteil: „Wir teilen uns Rezeption, Kantine und Sicherheit sowie die Verwaltung des gemeinsamen Botschaftsareals“, sagt Søndergaard, und wie seine vier Amtskollegen, so schätzt auch er die Kommunikation der kurzen Wege: „Die Botschafter treffen sich einmal im Monat und häufig auch informell in der Kantine.“ Botschafter sind indes Diplomaten und keine Politiker: „Politische Fragen, die unsere Länder berühren, werden in und zwischen unseren Hauptstädten behandelt, nicht hier in Berlin”, sagt Svedman. „Aber die Europäische Union kann natürlich auch vorkommen“, ergänzt Islands Botschafter Ólafur Davídsson, „insbesondere, wenn ein Land die EU-Ratspräsidentschaft innehat und sich eines der Länder auf eine EU-Mitgliedschaft vorbereitet.“ Davídssons Zuständigkeitsbereich umfaßt nicht nur die Bundesrepublik Deutschland, sondern auch Polen, Kroatien und Bulgarien.

Wo Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts noch Seidenraupenzucht betrieben hatten, war nach 1888 das Diplomatenviertel entstanden. 1912 errichtete Schweden sein Botschaftsgebäude am Standort des heutigen Gemeinschaftshauses. Norwegen hatte seine erste Botschaft 1905 im Hotel Windsor eingerichtet und später die Alsenstraße 2 bezogen. Bevor die Finnen das mondäne, als US-Botschaft konzipierte Nachbarhaus in der Alsenstraße 1 übernahmen, hatten sie in einer Suite im Hotel Fürstenhof am Potsdamer Platz angefangen.

1938 mußten die Botschaften Dänemarks, Finnlands und Norwegens den Bauplänen Albert Speers für die „Welthauptstadt Germania“ und die 300 Meter hohe Ruhmeshalle weichen. Die den Skandinaviern kostenlos angebotenen Ersatzbauten lagen neben der schwedischen Botschaft an der Ecke Rauchstraße/Friedrich-Wilhelm-Straße, der heutigen Klingelhöferstraße, auf einem dreimal größeren Grundstück als zuvor.

Hitlers Überfall auf Dänemark und Norwegen am 9. April 1940 bedeutete für die beiden Nationen das Ende der Diplomatie, die Umzugspläne lagen für Jahrzehnte auf Eis. Im November 1943 wurden die Botschaften Finnlands und Schwedens von Brandbomben getroffen und so stark beschädigt, daß sie 1954 abgerissen werden mussten.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Botschaften in Berlin – in Ost-Berlin, der „Hauptstadt der DDR“. 1972 bezog Schweden seine DDR-Botschaft und verkaufte zugleich sein altes Grundstück im Tiergarten an die Stadt Berlin. Die Finnen zogen 1984 mit ihrer Botschaft nach Karlshorst. Diplomatisches Zentrum dieses abseits gelegenen Standorts war die Blockbohlensauna: „Deren Bedeutung für die Repräsentation, ja für die Pflege der Beziehungen zum Gastland nimmt ständig zu“, hob der damalige Botschafter Osmo Kock 1977 hervor.

Während die Norweger ihre DDR-Botschaft in der Otto-Grotewohl-Straße, der früheren und heutigen Wilhelmstraße, bezogen, nutzten sie ihr altes Botschaftsgebäude in der Rauchstraße 11 für ihre Militärmission – Ende 1946 trat dort der junge Willy Brandt, seit seiner Ausbürgerung durch die Nationalsozialisten norwegischer Staatsbürger, seinen Dienst als Presseattaché an.

Anders als ihre skandinavischen Nachbarn, kamen die Isländer spät nach Berlin. Ihre erste Botschaft gründeten sie 1952, gleich nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, in Hamburg, wo sie bis zum Umzug nach Bonn 1955 blieb. 1999 zogen die Isländer schließlich nach Berlin – direkt in die neuen Nordischen Botschaften im Tiergarten.

Wie die Schweden, so verkauften auch die Finnen ihr altes Gesandtschaftsgebäude in West-Berlin. Seit der Bombardierung im November 1943 hatte es im Dornröschenschlaf gelegen, im Dezember 1976 erwarben es die Baugesellschaft Neue Heimat und die Stadt Berlin. Die neuen Eigentümer hatten Großes vor und entwickelten Pläne zum Bau eines „World Trade Center“ und eines luxuriösen Wohnungskomplexes.

Doch es blieb bei den hochfliegenden Plänen, und nach der Wiedervereinigung erwarb das Land Hessen das Areal, um hier seine neue Landesvertretung zu bauen.

Bereits einige Jahre zuvor war in den Außenministerien der nordischen Länder der Bau eines gemeinschaftlichen Botschaftskomplexes erörtert worden. 1992 äußerte Norwegen den konkreten Wunsch, gemeinsam mit seinen nordischen Nachbarn auf das nördliche Klingelhöfer-Dreieck zu ziehen, dorthin also, wo Schweden und Finnland vor dem Kriege ihre Botschaften gehabt hatten. Doch erst nachdem ein Ersatzgrundstück für die Hessen gefunden worden war und das Grundstück sowie ein Nachbarareal 1995 in das Eigentum der Skandinavier übergegangen war, konnten die Nordischen Botschaften realisiert und am 20. Oktober 1999 im Beisein der skandinavischen Staatsoberhäupter und des deutschen Bundespräsidenten eingeweiht werden.

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