Zeitung Heute : Eiskalte Leidenschaft

Winterbaden in freier Natur stärkt das Immunsystem und die mentale Fitness

Regina-C. Henkel

Als einer der schönsten Naturbadeseen in Berlin und Umgebung lockt der Lichtenberger Orankesee in den Sommermonaten Zehntausende nach Lichtenberg.

Sonnenhungrige kommen mit Kind und Kegel, um Spaß zu haben und sich zu erfrischen. Und danach? Still ruht der See? Mitnichten! Von September bis April gehört die Badestelle den Berliner Seehunden. Jeden Sonntagmorgen um zehn Uhr früh treffen sich die Mitglieder des Vereins, um sich ebenfalls abzukühlen: aber in eiskaltem Wasser und bei einer Lufttemperatur möglichst unterhalb der Frostgrenze.

Medizinische Studien haben eindeutig nachgewiesen, dass das besonders gesund ist, sich nachhaltig auf die körperliche und mentale Fitness auswirkt und auch richtig gute Laune macht. Der Temperaturschock beim Winterschwimmen setzt nämlich jede Menge körpereigene Glückshormone frei. So wird das ursprünglich aus Skandinavien und Osteuropa stammende Hobby des Winterschwimmens auch hierzulande immer beliebter.

In der Regel hält man es etwa fünf Minuten im kalten Wasser aus, abhängig von der Temperatur und der individuellen Konstitution. Danach eilt man zum Abtrocknen an den Strand und radelt oder fährt nach Hause. „Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei“, schildert Seehunde-Vereinsvorsitzende Christel Barth den Ablauf des sonntäglichen Badetreffens.

Der Schwimmsportverband des DTSB (Deutscher Turn- und Sportbund) der DDR hat die Leidenschaft fürs Baden in eiskalten Gewässern bereits 1982 als Freizeit- und Erholungssport anerkannt. Das hat bis heute Auswirkungen auf die Popularität des Sports – vor allem in den östlichen Bundesländern. Und als Abteilung 113 der SG Bergmann Borsig e. V. Berlin kommen die Berliner Seehunde außerdem in den Genuss aller Privilegien, die das Vereinsrecht bietet. Gleiches gilt für die mehr als zwei Dutzend anderen Vereine, die allein die Website winterschwimmen.de auflistet. Im Internet fündig wird man bei der Suche nach Vereinen auch unter den Stichworten Eisbaden oder Winterbaden sowie Ice Bath, Ice Bathing sowie Ice Swimming. Für die Winterschwimmer vom Orankesee sind diese sprachlichen Unterscheidungen Petitessen. „Wichtig sind der gesundheitliche Effekt, Spaß am Wasser, am Winter und der Herausforderung“, sagt die Vereinsvorsitzende Christel Barth. Im Vergleich mit anderen Sportarten betont sie eher die Gemeinsamkeit bei allen Formen des Winterbadens: Dass der Wettbewerbsgedanke nur insofern eine Rolle spielt, als „gegen den eigenen inneren Schweinehund angekämpft werden muss“.

Selbstdisziplin ist bei diesem Sport also unabdingbar. Aber der mentale Kraftakt zahlt sich aus. Mehrere medizinische Untersuchungen belegen inzwischen, dass sich Winterschwimmen nachhaltig auf das körperliche Wohlbefinden und die mentale Fitness auswirkt. Erkältungskrankheiten, so die Ergebnisse einer älteren Charité-Studie unter Leitung von Rainer Brenke, sind bei Anhängern dieses Abhärtungssports deutlich seltener als bei Vergleichspersonen, die auch zu Hause grundsätzlich nur warm duschen. Brenke, heute Leiter der Abteilung Naturheilverfahren der Hufeland-Klinik in Bad Ems, hat die wichtigsten Erkenntnisse der Studie bereits 1996 in „Das Buch vom Winterschwimmen“ zusammengefasst. Untrainierten kann nicht empfohlen werden, mitten im Winter ins kalte Wasser zu steigen. Man kann sich aber so vorbereiten, dass vom Sommer an wöchentlich (möglichst mehrmals) im Freien gebadet wird. Auch regelmäßiges Kaltduschen ist zum Training sehr gut geeignet. Darüber hinaus hat der Berliner Wissenschaftler Joachim Blaurock in seiner Anfang vergangenen Jahres veröffentlichten Dissertation zum Doctor Medicinae belegt, dass „Winterschwimmen im Vergleich zur Sauna ein stärkeres Trainingsmoment zur Bahnung effektiver thermoregulatorischer Reaktionen auf Kaltreize in warmer Umgebung“ darstellt. Laienhaft formuliert: Winterschwimmer verbessern ihre Fähigkeit, die eigene Körpertemperatur zu regeln. Die Jenaer Doktorandin Stephanie Jeanette Bremicker hatte im Jahr 2003 in ihrer Dissertation über das „oxidative Gleichgewicht des menschlichen Organismus“ darauf hingewiesen, dass sich Eisbaden positiv auf den Abbau von Freien Radikalen auswirkt beziehungsweise dabei hilft, oxidativen Stress abzubauen.

Thermoregulation hin, Freie Radikale her: Das jüngste Vereinmitglied der Berliner Seehunde kann und will die wissenschaftlichen Studien über das Für und Wider von Winterschwimmen nicht lesen. Die siebenjährige Johanna tut es ganz einfach. Mitte Januar, als am Orankesee mehr als 100 Winterbader am Karneval der Berliner Seehunde teilnahmen und unter dem Beifall mehrerer hundert Zuschauer ins Wasser gingen, traute sie sich auch ins vier Grad kalte Wasser – und hatte dabei einen riesigen Spaß.

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