Zeitung Heute : Eisschollen auf dem Mississippi

Martin Hägele

Vielleicht schneit es morgen in Alabama. Vielleicht treiben auch Eisschollen auf dem Mississippi. Nun, da die erste schwarze US-Amerikanerin eine Goldmedaille im Wintersport gewonnen hat. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, wie die Reporter von Birmingham, wo Vonetta Flowers vor 28 Jahren geboren wurde, und die Zeitung in Helena, dem Wohnort des Trainer-Ehepaars Flowers, berichten werden. Allein die Tränen dieser Frau schreiben die Geschichte, eine Story wie sie wohl nur in den USA passieren kann.

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Newsticker: Aktuelle Nachrichten von den XIX. Winterspielen sowie weitere Sportmeldungen Denn als Sieger der olympischen Premiere mit dem Frauenbob waren immer andere getippt worden: Die deutschen Pilotinnen Susi Erdmann und Sandra Prokoff und natürlich Jean Racine und Gea Johnson. Die Nummer eins unter den US-amerikanischen Steuerfrauen und ihre Bremserin, die ehemalige Weltklasse-Siebenkämpferin Gea Johnson, hatten auf den Titelseiten diverser Magazine dem ganzen Land ihre Muskeln gezeigt, und sie waren erst vor ein paar Tagen in der Tonight Show mit Jay Leno, dem derzeit populärsten Moderator Amerikas aufgetreten: Gea in einem ärmellosen T-Shirt wie ein Catcher auf dem Jahrmarkt und beide mit dieser "Go-for-gold"-Attitüde, die US-Amerikanern nun mal zu eigen ist.

Aber nun, nachdem alles vorbei war, saßen die Vertreterinnen der Schlittensport-Weltmacht Deutschland eher als Staffage auf dem Podium; sie fingerten an ihren Plüsch-Maskottchen oder Handys herum, während die US-Medien aus den Tränen und kurzen, meist gestammelten Sätzen Vonetta Flowers den Honig für ihr Melodrama saugten. Und draußen vor der Tür hockte ganz allein Gea Johnson, sie suchte in den verschiedenen Spalten der Ergebnisliste nach Erklärungen für ihren fünften Platz und der einen Sekunde Rückstand. Bremserin Johnson humpelte derweil an zwei Krücken über den Flur; ob ihre lädierte Achillessehne gerissen war oder sie nur grandios schauspielerte, ließ sich schwer sagen. Nüchtern betrachtet, hätte man den sportlichen Rennverlauf auf einen kurzen Nenner bringen können: Jill Bakken, ein Original in diesem Sport, hatte als einzige Steuerfrau zwei fehlerfreie Fahrten hingelegt. Und jedes Mal hatte Vonetta Flowers den Bob mit den besten Startzeiten auf Tempo gebracht.

Ihre Genugtuung, es allen gezeigt zu haben, "wir waren ja nur das andere Team" (Bakken), war den Siegerinnen anzumerken. "Wir haben uns aus der Seifenoper herausgehalten", sagt die Frau aus Alabama in einem der wenigen Sätze, der nicht von Emotionen verschluckt wurde. Wobei diese Gefühle absolut verständlich waren. Denn Vonetta Flowers hatte in ihrem früheren Leben als Leichtathletin zwei Hüftoperationen, zwei Knieoperationen und eine Knöcheloperation hinter sich bringen müssen, bevor sie heiratete und ihrem Mann in den Trainerberuf folgte: Dem Gatten stach vor eineinhalb Jahren eine Anzeige des Warner-Konzerns ins Auge, mit der Anschieberinnen für das olympische Bob-Team gesucht wurden. Vonetta Flowers meldete sich und überzeugte die Juroren, die sie einen Monat später zur Ausbildung und zum Training nach Deutschland schickten: "Ich hatte immer von den Olympischen Sommerspielen geträumt, aber Gott hatte andere Pläne mit mir, und jetzt bin ich so glücklich, dass ich nur noch heulen kann." Man sollte keine Späße machen mit dem lieben Gott und auch nicht mit dem Glauben der ersten afro-amerikanischen Olympiasiegerin, die aus der Kälte kam. Ob sie weitermachen werde, "liegt in Gottes Hand", zunächst wolle sie erst mal Kinder bekommen.

Um ehrlich zu sein, ist das künftige Schicksal der Bob-Olympiasiegerin aus dem Baumwollstaat nicht von tragender Bedeutung für den Sport; nachdem eine Athletin verdientermaßen Gold gewonnen hatte, sollte die jüngste olympische Disziplin gleichwohl hinsichtlich ihrer Ansprüche überprüft werden.

In allen anderen olympischen Sportarten sind die Anforderungen für eine Medaille entschieden höher. Nur 15 Teams aus elf Nationen, wobei USA, Deutschland, die Niederlande und die Schweiz doppelt vertreten waren, schafften überhaupt die Kriterien für den neuen Wettbewerb. Die meisten der Pilotinnen wurden aus dem Rodler-Lager rekrutiert: Athletinnen, die dort nicht mehr reüssiert hatten, konnten mit dem Bob noch einmal einen neuen Anfang machen.

Auf jeden Fall aber werden Susi Erdmann und Sandra Prokoff im Utah Olympic Park in bester Erinnerung bleiben. Prokoff, weil sie so ehrlich ihren Fahrfehler im ersten Lauf zugegeben hat. Erdmann, weil sie stellvertretend für alle Kolleginnen, die auf Wangen und nackten Fersen "Stars and Stripes" hatten, erklärte: "Das war unsere Hommage an die Gastgeber und die Super-Atmosphäre an der Bahn." Mit dieser Werbung sicherten sich auch die deutschen Bob-Frauen noch einmal etwas Platz in den US-Zeitungen.

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