Zeitung Heute : Eiswürfel im arktischen Cocktailglas

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Die Inszenierung war spektakulär: Vor den Kameras auf dem Forschungsschiff „James Clark Ross“ brach eine gigantische Eisscholle auseinander, fast hundert Meter hohe Eisbrocken stürzten tosend ins Meer. Die Eisinsel von der Größe des Saarlandes hatte sich Ende Januar vom Schelfeis „Larsen B“ im Nordwesten der Antarktis gelöst und war in Rekordzeit zerfallen: Auf Satellitenbildern sah der frostige Koloss bereits einen Monat spä ter aus wie zerstoßene Eiswürfel in einem Cocktailglas.

Das dramatische Naturschauspiel löste die obligaten Reflexe aus: Umweltorganisationen sehen darin – wie auch in Wirbelstürmen oder Hochwasserkatastrophen – mögliche Vorboten globaler Klimaveränderungen und verlangen eine Reduktion der Treibhausgase. US-Vertreter bezweifeln die wissenschaftlichen Zusammenhänge. Unbeeindruckt von den im Weddellmeer vor sich hinschmelzenden Überresten von „Larsen B“, legte die Bush-Regierung letzten Monat ihre angekündigte „Alternative“ zum Kyoto-Protokoll vor. In dem nur sechs Seiten langen Klimaschutzpapier warnt die Nation mit dem höchsten Kohlendioxidausstoß der Welt angesichts „widersprüchlicher Forschungsdaten“ vor „riskanten, abrupten Reaktionen“. Die Industrie solle ihre Treibhausgase nur allmählich reduzieren – am besten freiwillig.

Am Daten-Dilemma sind die Umwelt- Aktivisten zum Teil selber Schuld. Ihre Horror- Warnungen vor meterweise steigenden Meeresspiegeln als Folge der Polschmelze sind wissenschaftlich nicht belegt. So bewirkt die Erwärmung der Polregion – um 0,6 Grad seit Beginn des 20. Jahrhunderts – in erster Linie eine Erhöhung des Schneefalls;bei Tiefstwerten um minus 70 Grad Celsius in der Antarktis gilt:je weniger kalt, desto besser für die Schneebildung. Dagegen reagieren die etwa 3000 Meter dicken polaren Gletscher – im Gegensatz zu Gebirgsgletschern – träge auf Klimaschwankungen. Sie fließen relativ langsam, wohl als Spätfolge der letzten Eiszeit vor gut 10.000 Jahren. In der Bilanz verringert sich das Festlandeis der Antarktis momentan nicht, es wächst.

Da das Schelfeis „Larsen B“ – eine von der Antarktischen Halbinsel auf das Meer herauswachsende Gletscherzunge – ohnehin schon geschwommen ist, steigt durch seinen Zerfall der Meeresspiegel nicht – genauso wenig, wie schmelzende Eiswürfel ein Glas zum Überlaufen bringen. Davon abgesehen ist die seit etwa 50 Jahren beobachtete Erwärmung (um 4,5 Grad) der Richtung Südamerika ausgestreckten Antarktischen Halbinsel Folge einer lokalen Klimaschwankung – nicht eines globalen Treibhauseffekts.

Das schnelle Auseinanderbrechen des Schelfeises ist jedoch aus einem anderen Grund alarmierend: Es beweist eine Theorie, wonach bereits geringe Mengen Schmelzwasser riesige Eisblöcke regelrecht sprengen können. Seit Jahren beobachteten Wissenschaftler der Universität von Boulder (Colorado) kleine Rinnsale von Schmelzwasser auf der Oberfläche von „Larsen B“, die sich im antarktischen Sommer wenige Meter in das Eis graben und im Winter gefrieren. Die winzigen Wasserkeile setzen den über 200 Meter dicken Eisblock immer mehr unter Spannung, bis er bei hohem Seegang birst – wie eine Glasscheibe, deren Oberfläche mit einem Diamant angeritzt wurde. Da das vorgelagerte Schelfeis den Abfluss der großen Gletscher bremst, könnten durch diesen Mechanismus geringe Temperaturerhöhungen am Rand der Antarktis die komplizierte Dynamik der Polkappe aus dem Gleichgewicht bringen. Dann würde der schmelzende Südpol tatsächlich die Meere steigen lassen.

Ein Kurswechsel der USA bei der Klimapolitik ist unwahrscheinlich. Die Industrie muss nicht um ihr Wachstum fürchten, im Gegenteil: Eine Firma namens „Iceberg Corporation of America“ hat gerade begonnen, das Jahrtausende alte Wasser der Eisberge in großem Stil zu vermarkten – Slogan: „Das sauberste Wasser des Planeten, frei von menschlicher Umweltverschmutzung“.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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