EKD : Die im Schatten

Die Evangelische Kirche stellt sich neu auf. Bischof Wolfgang Huber geht, Margot Käßmann ist Favoritin für die Nachfolge. Was würde das bedeuten?

Claudia Keller[Ulm]
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Fotos: ddp, Mike Wolff; Montage: Thomas Mika

Als Margot Käßmann zur Bischöfin der hannoverschen Landeskirche gewählt wurde, war sie 41 Jahre alt. Das war vor zehn Jahren. Sie fand damals, dass Gott Humor habe, ausgerechnet sie zur Bischöfin zu wählen. „Mit meinem Bild eines real existierenden Bischofs konnte ich mich selbst nicht identifizieren.“ Am heutigen Mittwoch wird die kleine, schmale Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit an die Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt. Als erste Frau. Obwohl sie geschieden ist. Käßmann würde damit dem Berliner Bischof Wolfgang Huber nachfolgen, der mit 67 Jahren in den Ruhestand geht.

Wer wählt sie?

Seit Sonntag tagt in Ulm die Synode der EKD, das höchste Kirchenparlament. Am Dienstag wählten die Synodalen und die Mitglieder der Kirchenkonferenz Margot Käßmann auf Anhieb mit überwältigender Zweidrittelmehrheit in den Rat der EKD, in das oberste Leitungsgremium. Alle anderen Bischöfe, die kandidiert hatten, landeten im ersten Wahlgang abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Damit steht so gut wie fest, dass die 15 Ratsmitglieder Käßmann zu ihrer Vorsitzenden bestimmen werden. Selbst viele konservative Kirchenparlamentarier aus den süddeutschen Landeskirchen konnten sich für Käßmann erwärmen, obwohl sich die Bischöfin vor zwei Jahren von ihrem Mann getrennt hat.



Wer wurde noch in den Rat gewählt?

Außer Käßmann gehören die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt, der Chef der rheinischen Landeskirche Nikolaus Schneider sowie die bayerischen und badischen Bischöfe Johannes Friedrich und Ulrich Fischer dem Gremium an. 21 Kandidaten haben sich für den Rat beworben, darunter neun leitende Geistliche, die an der Spitze von Landeskirchen stehen. Von den zwölf Nicht-Geistlichen, die sich beworben hatten, wurden unter anderem Deutsche-Bank-Direktorin Marlehn Thieme und die Berliner Architektin Gesine Weinmiller gewählt. Die 27-jährige Mathematikerin Elke Eisenschmidt aus Magdeburg schaffte es ebenfalls in den Rat. Dort ist sie mit Abstand die Jüngste und überzeugte durch ihren sympathisch-dynamischen Auftritt, bei dem sie sich leidenschaftlich für das in der EKD etwas vernachlässigte Thema Glauben und Wissenschaft stark machte.

Bei der Vorstellungsrunde der Kandidaten am Sonntag machten etliche gestandene Bischöfe eine schlechte Figur und schieden als ernsthafte Konkurrenz für Käßmann aus. Fünf der neun Profiprediger protzten damit, wer die längste Ehe und die meisten Kinder hat und präsentierten sich uninspiriert, leidenschaftslos und ohne Ideen. Sie wurden in den ersten Wahlgängen am Dienstag abgestraft und erhielten zum Teil nur 22 der abgegebenen 145 Stimmen. So etwas gab es selten zuvor. Der württembergische Landesbischof Frank Otfried July fiel bei vielen bereits am Sonntag durch wegen seiner wenig geistreichen Predigt im Eröffnungsgottesdienst.

Was würde sich mit Käßmann ändern?

Vor allem das Bild des deutschen Protestantismus. Die evangelischen Kirche wirkt auf viele Menschen graumäusig und verkniffen. Mit Käßmann und der 43-jährigen Katrin Göring-Eckardt würden zum ersten Mal zwei Frauen an der Spitze stehen, zwei selbstbewusste und lebensfrohe Frauen. Käßmann wird auf evangelischen wie katholischen Kirchentagen wie ein Popstar gefeiert. Ihre Brustkrebserkrankung und die Scheidung haben ihr in der Öffentlichkeit noch mehr Sympathie gebracht, weil sie offen darüber sprach und auch Schwächen zugab. Indem sie eine geschiedene Mutter von vier erwachsenen Töchtern ganz nach oben befördert, zeigt die evangelische Kirche, dass sie offen für unterschiedliche Lebensläufe ist. Dadurch trauen sich künftig vielleicht auch mehr Singles und alleinerziehende Mütter zu ihr hin.

Das angespannte Verhältnis zur katholischen Kirche dürfte sich allerdings durch Käßmann eher noch verschlechtern, zumal die Bischöfin wie ihr Vorgänger Huber für eine Profilierung des Protestantismus steht und selbstbewusst gegenüber der katholischen Kirche auftritt. Bischof Gerhard Ludwig Müller, der Ökumene-Beauftragte der Bischofskonferenz, signalisierte denn auch, dass es mit einer geschiedenen Frau an der EKD- Spitze „wohl nicht einfacher wird“.

Parteipolitisch wird die EKD mit Käßmann und Göring-Eckardt etwas grüner werden. Anders als der scheidende Bischof Huber, der früher SPD-Mitglied war, will sich Käßmann parteipolitisch zwar „in keine Schublade einsortieren“. Aber ihr langjähriges Engagement in der Weltkirche, ihr Einsatz für den Weltfrieden und die Bewahrung der Schöpfung zeichnen sie eher als wertkonservative Grüne denn als SPD-Frau aus. Käßmann versteht sich aber auch mit CDU-Familienministerin Ursula von der Leyen und findet die Kanzlerin „eine prima Frau“. Politisch hat sich die Bischöfin bisher vor allem für soziale Gerechtigkeit und bessere Standards in der Pflege stark gemacht, sowie für eine Schulbildung, die allen Kindern ungeachtet ihrer Herkunft Chancen ermöglicht. Ihr ist die Integrationspolitik insgesamt sehr wichtig. Politische Analysen zählen allerdings nicht unbedingt zu Käßmanns Stärken, sie wird sich wohl weniger als ihr Amtsvorgänger in die Tagespolitik einmischen. Viele Kirchenparlamentarier haben die offene, wortgewandte 51-Jährige gewählt, weil sie sich von ihr eine bessere Gesprächskultur erhoffen.

Vor welchen Problemen steht die evangelische Kirche?

Momentan hat sie rund 25 Millionen Mitglieder und ein Kirchensteueraufkommen von 4,56 Milliarden Euro im Jahr. Aufgrund der demografischen Entwicklung sagen Prognosen voraus, dass sich die Zahl der Mitglieder bis 2030 um ein Drittel verringern und die Finanzkraft halbieren wird. Für 2010 erwartet der EKD-Finanzchef einen Rückgang der Einnahmen aus der Kirchensteuer um bis zu zehn Prozent, in einigen Landeskirchen um bis zu 25 Prozent, bedingt durch die Wirtschaftskrise und eventuelle Steuersenkungen. Auch liegt der Altersschnitt bei den evangelischen Kirchenmitgliedern mit 42 Jahren noch um drei Jahre höher als im Bevölkerungsdurchschnitt. Der scheidende Rat der EKD und vor allem der Ratsvorsitzende Huber haben ein flächendeckendes, sehr ehrgeiziges Reformprogramm angestoßen, das am Anfang viel Empörung hervorrief. Es soll die Qualität der Gottesdienste und der kirchlichen Angebote verbessern, die Mentalität der Mitarbeiter verändern und zu einer effizienteren Zusammenarbeit von kirchlichen Institutionen führen. So will man auch für kirchenfremde Menschen attraktiv werden; Ostdeutschland wurde zum „Missionsgebiet“ erklärt. Um die Reformen voranzubringen, wurde Geld investiert, etwa in neue „Kompetenzzentren für Gottesdienstentwicklung und Predigtkultur“. Käßmann und Göring-Eckardt wollen sich dafür einsetzen, dass der Reformprozess weitergeht, wenn auch vermutlich mit einem langsameren Tempo und mit versöhnlicheren Worten.

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