Zeitung Heute : EKD-Entscheidung über die Zukunft der Wochenzeitung

Raoul Fischer

Seit Jahren gilt es als "Stimme des Protestantismus", das "Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt" (DS). Als christliche Wochenzeitung versucht es, sich auf einem schwierigen Markt zu behaupten - mit immer weniger Erfolg. Am Donnerstag hat die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) die Weichen neu gestellt: Entweder der Rat der EKD schafft es, in Zusammenarbeit mit dem Süddeutschen Verlag bis März 2000 ein monatlich erscheinendes Nachfolgeprojekt als Tageszeitungsbeilage zu entwickeln, oder die evangelische Kirche muss "verstärkt in anderen publizistischen Feldern arbeiten", wie der Landesbischof von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, sagt. Das wäre das Ende einer Wochenzeitung, die flächendeckend in der ganzen Bundesrepublik erscheint.

Das Dilemma des "DS" besteht - noch stärker als beim katholischen Pendant, dem "Rheinischen Merkur" - darin, dass immer weniger diese Stimme hören wollen. Die derzeitige Auflage von 46 000 Exemplaren, ein Schuldenberg über rund 40 Millionen Mark und jährliche Zuschüsse von 9 Millionen Mark aus Kirchensteuermitteln: "Das war vor den Steuerzahlern eigentlich nicht mehr zu verantworten", erklärt EKD-Sprecher Hannes Schoeb die Problematik. Deswegen beauftragte die Synode den Rat der EKD, eine Kosten-Nutzen-Analyse zu erstellen - unterstützt vom Wirtschaftsprüfungsinstitut McKinsey. Das Resultat: Der Rat empfahl der Synode, die Beihilfen zum 31. Dezember 1999 zu streichen.

Gleichzeitig entwickelte der Chefredakteur des "DS", Arnd Brummer, gemeinsam mit dem Süddeutschen Verlag ("Süddeutsche Zeitung"), der zu 50 Prozent am "DS" beteiligt ist, ein neues Modell. "Ein evangelisches Geo", erklärt Brummer. Ein Magazin, das in seiner Ästhetik der "Süddeutschen Zeitung" vergleichbar wäre. "Mehr Alltagskultur und christliche Glaubenserfahrung, weniger Ethik und Moral", so beschreibt Brummer das inhaltliche Konzept. Die Idee des Sonntagsblatts - "Gespräch der Kirche mit der Welt" - in neuer Form weiter führen: Features, Interviews und große Fotos.

Das ganze fand seinen Niederschlag in einem Dummy mit dem Namen "Credo", den Brummer auf der Synode vorstellte. Einziger Schönheitsfehler: Brummer hatte ein Modell für ein eigenständiges Monatsmagazin entwickelt. Das wolle aber der Süddeutsche Verlag nicht, wie EKD-Sprecher Schoeb verriet. Dort denke man eher an eine Beilage im Stil des SZ-Magazins. Auf ein zweites Angebot des Verlags hin, hat die Synode nun grünes Licht für weitere Verhandlungen gegeben. Einigen sich Kirche und Verlag, ist die EKD bereit, das neue Organ in den nächsten fünf Jahren mit jährlich 4,5 Millionen Mark zu bezuschussen. Wichtigste Bedingungen: Scheitert die Monatsbeilage, dürfen keine Folgekosten auf die EKD zukommen, die Redaktion muss übernommen und vom Verlag inhaltlich unabhängig bleiben, und der soll eine Auflage von 1 Millionen Exemplaren zusichern, die im ganzen Bundesgebiet verschiedenen Tageszeitungen beigelegt werden.

Ein wichtiges Wort hat noch das FInanzamt mitzureden. Das entscheidet darüber, wieviel des Steuerverlustvortrags vom Süddeutschen Verlag übernommen werden darf. "Ist das zuwenig, ist das Projekt wieder gestorben", sagt Schoeb. Aber immerhin zeigt sich wieder eine Perspektive: Vielleicht verstummt die "protestantische Stimme Deutschlands" ja doch noch nicht so bald.

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