Zeitung Heute : El Commandante

Reinhard Hauff war autoritär – eine Zumutung für die Genies der Berliner Filmhochschule, aber sie hatten nie einen besseren Gegner

Kerstin Decker

Der kleine Kuppelraum des Pavillons im Volkspark Friedrichshain vibriert vor Lachen. Alle reden über ihr Leben mit dem Direktor. Der Direktor ist der Direktor der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, heißt Reinhard Hauff und ist nicht zu sehen. Er sitzt hinter einem Pfeiler im Dunkeln und nur all die Blicke in diese Richtung bezeugen seine Anwesenheit. Niemand ist präsenter als der große Unsichtbare. Auch eine Kinoweisheit.

Direktoren haben viele Eigenheiten. Diese Art, unausgeschlafene Studenten morgens persönlich auf dem Flur zu begrüßen. Diese Art, Schneideräume zu betreten. Jede längst offene Tür flog noch viel weiter auf, wenn er kam. Außerdem bremste er erst mitten im Raum, was seine grauen Haare im Professoren-Look ein wenig nachwehen ließ (studentische Zeugenaussage). Er kam nie allein, sondern immer mit diesem großen und schwarzen Hund, dem Alter Ego des Direktors. Besonders auffällig aber war, dass er oft andere Ansichten hatte als die Studenten. Zum Beispiel über Filmschlüsse: Kleines Segelboot mit Mann segelt in den Horizont. Ende. Abspann. Aus. Da konnte der Direktor rufen: Das können Sie doch nicht machen! Wo soll der denn hin mit dem kleinen Boot? Der Student sagte nun etwas von offenen Enden. Direktor: Schwachsinn! Machen Sie das Ende konkret! Klare Entscheidung! Student: Aber ich wollte es eigentlich ohne Happy End…, näher am Leben. Direktor: Das hier ist nicht das Leben, das ist ein Film! Student: Aber die anderen fanden das Ende gut. Direktor: Hören Sie nicht auf die anderen! Hören Sie auf mich!

Hören Sie auf mich? Reinhard Hauff sitzt noch immer angedunkelt hinter dem Pfeiler. Er sieht jetzt die Filme, die sie über ihn gemacht haben. So wie er sein eigenes Riesenbild sah, 49 Tage hing es vor der DFFB am Potsdamer Platz, mit dem „Danke!“ darunter. Mehr als 200000 Menschen haben es gesehen, besonders gut die Gäste des Hotels Madisson. Wer ist Reinhard Hauff? Er ist, was Direktoren der Filmschule vor ihm noch nie waren: selber Regisseur. „Linie 1“ und „Stammheim“ sind von ihm. Für „Stammheim“ hat er 1986 den Goldenen Bären gewonnen. Unter Protest der Jurypräsidentin Gina Lollobrigida.

Enrique Sánchez Lanch, Regisseur des Films „Rhythm is it“, betritt das Podium und singt drei spanische Lieder von Garcia Lorca, a cappella. Nur für den Direktor, der findet, dass das Leben etwas anderes ist als Kino. Aber ist es nicht wenigstens jetzt haargenau dasselbe? Und was muss einer tun, um so gefeiert zu werden?

Spanisch mag der Direktor besonders gern, sie nennen ihn auch kurz Commandante. El Commandante mit Hund Benny. Aber Sich-Verbergen hinter Pfeilern ist sehr commandanten-untypisch. Wahrscheinlich versteht Reinhard Hauff es immer noch nicht, dass dies alles für ihn ist. Nur weil er jetzt weggeht von der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und keiner das so richtig wahrhaben will. Er selbst auch nicht.

Das Problem der heutigen Jugend ist doch, dass sie keine Gegner hat, wird Hauff später erklären und Benny wird hundewarm zu ihm aufblicken. Ja, mehr hat er eigentlich nicht getan. Er war ein guter Gegner. Und las alle Drehbücher, vor seiner Krankheit jede Fassung.

Dabei sind die Studenten der DFFB noch nie aufgefallen durch übermäßige Anhänglichkeit. Die Studenten der DFFB, das muss man gleich sagen, sind keine gewöhnlichen Studenten. Neben den Piloten der Bundeswehr absolvieren sie das teuerste Studium weit und breit. Die Pilotenstudenten der Bundeswehr werden hinterher meist Piloten der Bundeswehr, die Filmstudenten der DFFB werden hinterher entweder Taxifahrer oder Helke Sander, Wolfgang Petersen, Tom Tykwer, Detlev Buck, Christian Petzold… An welcher Schule hätte Fellini wohl lernen sollen, Fellini zu sein? Aber Fellini kommt später.

Gewöhnlich hat die DFFB ihre Direktoren ganz anders verabschiedet. Zum Beispiel damals, als Holger Meins, erst Filmstudent der DFFB, dann Terrorist, die Herstellung eines Molotowcocktails verfilmte. Das war gewissermaßen ein Aufklärungsfilm, weiß schließlich nicht jeder, wie man das macht, aber schon Hauffs Vor-Vor-Vorgänger hatte Schwierigkeiten mit dem Schlussbild. Das Schlussbild des Filmstudenten Holger Meins zeigte den Axel-Springer-Verlag. Machen Sie doch was Konkretes? Meins hatte genau das gemacht, und sein Direktor fand es trotzdem nicht gut. Aber anstatt Meins ein neues Schlussbild drehen zu lassen, beschlagnahmte der Direktor den Film, worauf die Studenten das Direktorenzimmer besetzten und dort seine Zigarren rauchten, was auch eine Art Verabschiedung war. Allerdings kam dann die Polizei von unten und die Studenten konnten nicht raus und mussten oben bleiben. Die haben bestimmt Hunger, sorgten sich bald Dozent Michael Ballhaus und die Sekretärin und kochten ein Belagerungsmenü, das sie an der Polizei vorbei nach oben schmuggelten. Und da sagt der Hauff wirklich, dass Leben nicht Kino sei! Nach der Einschmuggelung des Belagerungsessens fragten die Studenten die Sekretärin Helene Schwarz: „Helene, dürfen wir Rosa zu ihnen sagen?“ Rosa, wie Rosa Luxemburg. Rosa-Helene ist immer noch da, und Rosa von Praunheim hat gerade einen Film über sie und die DFFB gemacht. Der Koch Ballhaus ist später noch als Kameramann von Fassbinder und Scorsese aufgefallen. Die geplante Verabschiedung des Direktors schlug allerdings fehl, denn statt des Direktors wurden die Studenten verabschiedet.

Vielleicht muss Reinhard Hauff hinter seinem Pfeiler jetzt daran denken. Und war es bei ihm anfangs nicht genauso? So autoritär wie er war, als er ’93 anfing. Das passte ganz schlecht zum Geist des Ortes. Disziplin, bezeugen übereinstimmend die Studenten früherer Jahrgänge, gab es allenfalls abends in der Kneipe. Das war nicht unbedingt Arbeitsverweigerung, denn der Mensch muss Schwerpunkte setzen. Und der Schwerpunkt früher hieß eindeutig: Befreiung der Erde vom Kapital! Das hatte sich so ergeben. Es hatte auch weit reichende Konsequenzen für die Lehrkräfte, etwa wenn sie ihren Studenten erklären wollten, dass man ein Close-up besser mit einem 50er-Objektiv dreht und nicht mit einem Weitwinkel. Wieso denn das?, fragten die Studenten zurück. Na, weil es viel besser aussieht, antwortete der Dozent. Wahrscheinlich hat nur Wolfgang Petersen („Das Boot“, „Air Force One“) interessiert zugehört. Die anderen sagten: Aber die Kapitalisten sollen doch gar nicht schön aussehen. Die fotografieren wir mit Weitwinkel! Etwas von dem Geist war noch da, als der Commandante kam.

Aber ist Hauff denn nicht selber einer – ein Achtundsechziger?

Am nächsten Tag, Charlottenburg, Café, draußen. Es ist Hauffs erster Nach-DFFB-Tag. Er weiß noch nicht, ob er freie Tage wirklich gut findet. Aber wenn er weiterleben wolle, könne er nicht mehr Commandante sein, haben ihm die Ärzte gesagt.

Ein Regisseur, der aufhört Filme zu machen, um Direktor einer Schule zu werden, ist ganz und gar außergewöhnlich. Hauff nickt. Benny, der Hund, schaut kurz hoch. Ich hatte damals mit Schlöndorff zusammen eine Produktionsfirma in München, sagt Hauff, als er 1992 an einem Donnerstagmittag um 12 Uhr erfuhr, dass die in Berlin einen neuen Direktor suchen. Er könne es sich ja mal überlegen, allerdings nur bis 14 Uhr. Um 14Uhr müssen die in Berlin wissen, ob er sich vorstellen wolle. Da hat er ja gesagt und nicht gewusst, dass in diesem Ja schon sein Umzug von München nach Berlin beschlossen lag und dass er keinen Film mehr machen würde.

Eigentlich passt Hauff doch sehr gut in die revolutionäre Tradition der DFFB. Seine Filme handeln fast alle von Terroristen oder Menschen mit einer gewissen Anlage dazu. Der drehte „Messer im Kopf“, als ich noch die „Bravo“ las, überlegte ein Hauff-Schüler, und sagte dann: Ich stellte ihn mir als politisch Verfolgten vor. Und genauso war er dann, nur ganz anders. Ein Achtundsechziger, und doch kein Achtundsechziger. Ein Autorenfilmer und doch kein Autorenfilmer. Ein Standpunkt-Mensch und ein Pragmatiker zugleich. Ein sanfter harter Mann.

Denn Reinhard Hauff begann nun etwas einzuführen, was manche noch heute mit Erstaunen das „strukturierte Studium“ nennen. Dass ab jetzt Drehbücher geschrieben und abgegeben werden mussten, war noch das Wenigste. Hauff gründete eine Drehbuchakademie und einen Producing-Studiengang. Er war eine einzige Zumutung für angehende Genies. Jedes Genie, weiß das Genie, ist ein Gesamtkunstwerk. Man darf es vor allem nicht stören. Also, an welcher Schule hätte Fellini lernen sollen, Fellini zu werden? Hauff nickt langsam, aber, sagt er, sogar Fellini hatte oft drei Koautoren! Wahrscheinlich hat er mit Fellinis drei Koautoren jede Schikane begründet. Und mit Amerika. Geht doch nach Amerika!, hat er zu denen gesagt, denen was nicht passte. In Amerika kann kein Mensch so ein Studium bezahlen. Vielleicht liegt es daran. Hauff gehört zu denen, die die deutschen Filmförderungen mitbewirkt haben.

Jeder Filmlehrer glaubt an die Lehrbarkeit des Films. Oder an Aufnahmeprüfungen. Die dauern fast eine Woche, und am Ende sind für den Studiengang Regie/Kamera aus 500 Bewerbern jedesmal zehn ausgesucht. Das klingt unfehlbar, aber welches Genie schafft es schon durch eine Aufnahmeprüfung? Fassbinder an der DFFB jedenfalls nicht. Auch Tom Tykwer und Christian Petzold sind zuerst durchgefallen. Oder Oskar Roehler.

Früher herrschte an der DFFB die Auffassung, wer Filme für andere machen wolle, könne gleich zum Fernsehen gehen. Dabei wurden dann jedesmal Studenten wie Petersen scharf angesehen. Aber Hauff findet, dass nicht einmal das Fernsehen das Urböse ist. Vielleicht muss man das aus dem Leben des Reinhard Hauff erklären. Er hat Soziologie, Germanistik und Theaterwissenschaft studiert wie alle, die nicht wissen, was sie werden wollen, und in den Ferien bei der Bavaria Pressearbeit gemacht. Für Unterhaltungsshows. Bald war er Regieassistent, dann machte er die Shows allein. 60er-Jahre-Unterhaltung! Nein, der Mann hat wirklich keine Berührungsängste. Seine letzte Show machte er mit Janis Joplin, danach, sagt Hauff, hatte ich keine Lust mehr auf deutsche Unterhaltung. An der DFFB wurden Filme lange Zeit unter der Leitfrage betrachtet: Nützt dieser Film dem Volke? Hauff besaß noch nie das richtige Temperament für Fragen dieser Art. Hätte er so etwa seine Shows angucken sollen? Trotzdem hieß sein erster Film dann „Die Revolte“.

Er ist wohl eine Zwischengestalt. Von gestern und von übermorgen. Ein sanft-harter Brückenbaumensch. Mit ihm ist die DFFB zweimal umgezogen – vom Theodor-Heuss-Platz bis an den Potsdamer Platz – und hat es bis in die Gegenwart geschafft, ohne nur von heute zu sein.

Es ist Hauffs erster freier Tag, aber schon sitzt er wieder in einer Kommission. Filme aussuchen fürs Goethe-Institut, das macht er schon seit 18 Jahren. „68,5 deutsche Filme laufen pro Tag auf der Welt über das Goethe-Institut. Das Goethe-Institut ist der größte Verleih des deutschen Films, nicht der Kommerz, wussten Sie das?“

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