Elbe-Hochwasser : Als der Bach auf die Straße sprang

Schneeberg war der erste Ort im sächsischen Hochwassergebiet, wo Menschen ihre Häuser verlassen mussten

Torsten Hampel[Schneeberg]

Über den Fluss kann man sagen, dass er immer noch klein ist. Auch jetzt, wo er doch binnen Tagen eine Talsperre hat volllaufen lassen und sich seit Montagnacht über den 52 Meter hohen Staudamm ergießt und deshalb halb Aue unter Wasser steht. Dass er die Trinkwasserversorgung von über einer Million Menschen sichert und Zwickauer Mulde heißt. Über den Bach kann man sagen, dass er jetzt genauso breit ist wie der Fluss. Und dass sie ihn nie unterschätzt haben. Sie haben ihm vor 50 Jahren ein steinernes Bett gebaut, damit nichts mehr durchsickert von ihm in die Erde, denn dort tief unter Schneeberg war der Uranbergbau, und was hätte man denn mit dem radioaktiven Wasser anfangen sollen. Alle paar hundert Meter hat er einen anderen Namen, und einen klaren Verlauf hat er seit Montagnacht auch nicht mehr.

Dort, wo der Bach nur „der Bach“ heißt, steht Ullrich Eisenreich über einen Abflussschacht gebeugt und sagt, er habe Glück gehabt, „Waschmaschine und Trockner haben wir noch fix gerettet, dann lief der Keller voll“. Die Heizung ist im Eimer, ja, aber das Haus steht noch, sagt er und legt die große Schöpfkelle beiseite. Er will jetzt nicht mehr arbeiten und vielleicht doch noch etwas retten, was zu retten ist, er möchte jetzt lieber erzählen. So gelassen ist er. Von elf Kellerstufen habe er noch drei sehen können, als er am Dienstagmorgen wieder ins Haus zurück durfte. Der Rest sei im braunen Schlamm verschwunden. Aber nebenan in Aue, da sei es schlimm. Eine neue Straßenbrücke hat es dort Dienstagnacht einfach weggespült, das ganze schwere Metall, der Bau war noch nicht ganz fertig. Und in der Innenstadt steht das Wasser zwei Meter hoch. In Aue bekommt die schlammbraune Zwickauer Mulde Verstärkung vom Schwarzwasser, einem anderen Flüsschen.

Es ist Eisenreichs Elternhaus, das er gerade leer schöpft, „was haben wir an dem Bach als Kinder gespielt“, sagt er. Er hat nicht mitbekommen, dass es 1954 schon einmal so schlimm war in Schneeberg. Eisenreich ist Jahrgang 1960, Aber, dass es in Schneeberg genauso schlimm hätte kommen können wie in Aue, das weiß er.

Eisenreichs ganze Straße hat die Stadt am Montagnachmittag evakuieren lassen, insgesamt 150 Menschen, so gefährlich war die Lage. Beim Hochwasser vor fünf Jahrzehnten war Frieder Stimpel, der Bürgermeister von Schneeberg, ein Jahr alt. Er ist seit dem frühen Montagmorgen auf den Beinen, er hat die Evakuierung verfügt, und etliche Schneeberger haben ihn beim Schlamm schippen gesehen, und jetzt steht er im Pausenraum der Freiwilligen Feuerwehr, ein paar hundert Meter entfernt von Eisenreichs Haus. Hier ist die Einsatzzentrale, hier wird beobachtet, entschieden, telefoniert. Das ist nicht einfach, denn alle Telefonnetze und auch der Feuerwehrfunk funktionieren nicht richtig. 65 Helfer hat Stimpel zusammengetrommelt, oder sie haben sich selber bei ihm gemeldet, die Angestellten der Stadtwerke sind auch gekommen, und der Betriebshof der Stadt hat seine Fahrzeuge hergebracht und die ganzen ABM-Kräfte.

Stimpel hat damit gerechnet, dass sein Bach, der Hanggraben, der Millionenbach, Knappschaftsbach, je nachdem, runter kommen würde auf Schneeberg. Oben, über dem Ort hat er nämlich auch einen eigenen Staudamm, einen Anglersee, der Pochwerkteich heißt. Auch der war voll am Montag, das Wasser lief über das Wehr und unterspülte dahinter den acht Meter hohen Erdwall, der den Teich umgibt. Stimpel hatte befürchtet, dass der Wall bricht. „Angebatschte Bausubstanz.“ Das ist nicht passiert, auch weil er, um den Druck vom Wall zu nehmen, etwas Wasser abgelassen hat. Aber nun hat der Bach von sich aus die Granitsteine aus dem Weg geräumt, die ihn noch aus den Uranbergbauzeiten umgeben, und ist in sein altes, zugewachsenes Bett zurückgegangen. Stürzte einen Hang runter, riss Bäume mit und floss durch zwei Dutzend Garagen auf die neue Schneeberger Straßenkreuzung beim Autohaus. Das ist die Stelle, an der er genauso aussieht wie die Zwickauer Mulde. Genauso breit, genauso erdbraun. Er wirbelt, schaukelt, springt über Schanzen aus hängen gebliebenem Treibholz und hüpft genau wie sie. Er hat ein Vorfahrtsschild umgeknickt. Eine junge Linde hat er stehenlassen.

Ullrich Eisenreich, der Duldsame, lehnt immer noch an seiner Riesenschöpfkelle und sagt jetzt, dass es bei Meiers ganz hinten in der Straße ganz schlimm sei, dort, wo der Bach auf die Straße vor den Häusern gesprungen ist, vor lauter Kraft. Und vorne in der Parallelstraße seien ein paar nagelneue Häuser, Rohbauten, komplett abgesoffen. Jetzt nimmt er seine Schubkarre, schiebt sie vom Hof und kippt das Wasser darin in den Bach.

Es ist vorbei in Schneeberg, Erzgebirge, 17500 Einwohner, seit fünf Uhr morgens regnet es nicht mehr, und die Feuerwehr zwingt den Bach Meter um Meter zurück in sein Bett, mit Sandsäcken. Eine Frau mit grauen Haaren und roter Strickjacke steht an der überspülten neuen Straßenkreuzung beim Autohaus und sagt: „Es hat schon tüchtig nachgelassen.“ Und irgendwo im Ort muss eine Trinkwasserleitung kaputt sein, aus vielen Hähnen läuft kein Wasser.

Jetzt wird es nicht mehr schlimmer, jetzt geht der Ärger mit den Versicherungen los. Eisenreich hat erzählt, er und seine Geschwister haben auch in dieser Hinsicht Glück. Sie haben ihre alte DDR-Hausversicherung, die gilt noch heute, und da steht Hochwasser mit drin. Alle Nachbarn, die nach der Wende einen neuen Vertrag ausgehandelt hatten, haben das nicht.

Stimpel erzählt, dass sie jetzt im Ort die Keller auspumpen müssen, feuchte Wände trocken legen, die zugeschlammten Wiesen irgendwie wieder sauber kriegen, und sie müssen damit anfangen, die umgeknickten Bäume aus dem Wasser zu holen. Die Ouvertüre spielt in Schneeberg. Sie waren die Ersten beim Evakuieren. Und nun wollen die Nachrichten gar kein Ende mehr nehmen. Aus Zinnwald an der tschechischen Grenze kommt die Meldung, dass es dort einen neuen Rekord gegeben hat. 312 Liter Wasser auf jeden Quadratmeter Erde in 24 Stunden. In Döbeln, bei Leipzig, hat die Polizei einen Ring um den Ort gezogen, um das „Eigentum der Evakuierten“ zu sichern. In der Frauenkirche im sächsischen Grimma sind 50 Menschen vom Hochwasser eingeschlossen. Rettungskräfte versuchen, mit Booten an die Kirche heranzukommen. Doch die Innenstadt ist jetzt ein einziger Fluss, dessen Strömung so stark ist, dass Boote immer wieder abtreiben. In den Häusern rundherum warten Menschen, dass sie von Hubschrauben gerettet werden. Dresden steht unter Wasser, der Fluss überflutet die Innenstadt. Hauptbahnhof und Prager Straße gleichen einem See. Bis in den Zwinger, die Semperoper und in den Landtag ist das Wasser vorgedrungen. Der Keller des Gebäudes kann zunächst gar nicht mehr leergepumpt werden, weil der Strom ausgefallen ist und die Notstromversorgung nicht mehr funktioniert. Auch die Telefonleitungen sind tot. Die Menschen im Stadtteil Friedrichstadt mussten ihre Häuser verlassen, sogar ein Krankenhaus mit 500 Patienten wurde evakuiert.

Und im Radio interviewen sie gerade ein Mädchen, das sagt, sein Vater habe gerade angerufen und erzählt, er hocke in Glashütte im Osterzgebirge auf dem Dach seines umspülten Autos und hoffe, dass es nicht weggespült wird. Und er selbst auch nicht.

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