Elbe-Hochwasser : Ausgerechnet die Frauenkirche

Die große Flut weckt in Dresden schlimme Erinnerungen – aber auch den Stolz der Bürger auf ihre Stadt. Weiter unten an der Elbe, in Dessau, heißt es warten, warten, warten. Hier wissen die Leute nur eins: Das Hochwasser wird sie nicht verschonen.

Torsten Hampel[Dessau] Frank Jansen[Dresden]

Eine Stadt starrt auf Zahlen. Sechs Meter 90, sieben Meter 30 – und morgen acht Meter 50? Der Pegelstand der Elbe wirkt auf Dresden wie ein Schraubstock. Mal zieht er an, mal lockert er sich ein wenig. „Wir müssen in den nächsten Tagen mit bis zu acht Meter 50 rechnen“, Oberbürgermeister Ingolf Roßberg verschränkt die Arme auf dem Konferenztisch im Rathaus. „Das wäre noch mehr als bei der Flut vor 150 Jahren.“ Es ist Mittwochmittag, die Elbe ist auf sieben Meter zurückgegangen, doch Dresden blickt nach Süden. „Es gibt eine Faustregel“, Roßberg hält die Unterarme immer noch fest verschränkt, „wenn das Hochwasser Prag erreicht, braucht es bis hierher 36 Stunden.“

20 Minuten zuvor hatten sie hier Angst, eine noch größere Katastrophe nähere sich der Stadt, in weit weniger als 36 Stunden. „Ich habe gerade einen Herzschlag-Moment hinter mir“, sagt Roßberg und streckt seine schlammverkrusteten Halbschuhe vor, „aber es ist jetzt durch Hubschrauberflüge bestätigt: Der Deich der Malter-Talsperre ist nicht gebrochen.“ Roßbergs Arme bleiben verklammert. Vor dem nächsten Satz zögert er eine Sekunde. Als male er sich aus, was bei einem Deichbruch südlich der Stadt passieren könnte. „Wenn das eintreten würde, wäre die Lage vollständig unbeherrschbar.“

Am Mittwoch haben Feuerwehren, Polizei, Technisches Hilfswerk, Bundeswehr und viele hundert Freiwillige die Lage im Griff – und scheinen doch nur reagieren zu können. Der Pegel der Elbe ist nicht zu beeinflussen. Die Flutmassen der Weißeritz, die sich in Altstadt und Friedrichstadt ergossen haben, können in die angeschwollene Elbe nicht abfließen. Und das Grundwasser steigt. Die Kellergewölbe der Frauenkirche – dieser Stein gewordene Aufbaumythos der neuen Bundesländer – müssen laufend ausgepumpt werden. Im freigelegten Ruinenfeld vor der eingerüsteten Kirche steht schon braune Brühe. Sollte obendrein die Elbe wieder steigen, wäre sogar eine Flutwelle bis zur kaum hundert Meter entfernten Großbaustelle zu befürchten. Vor allem für ältere Dresdner eine geradezu traumatische Vision.

„Man schaut ja jedes Mal, wie es mit den Bauarbeiten weitergeht“, sagt Volkmar Weise. Der Rentner hat die Nacht zum 14.Februar 1945 erlebt, als Dresden im Bombenhagel verbrannte. Und die Frauenkirche in sich zusammenfiel. Um dann fast 50 Jahre als bizarre Ruine zu überdauern, bis 1994 der Wiederaufbau begann. „2005 soll ja die Eröffnung sein“, sagt Weise in einem Ton, der wie eine Mahnung an Flüsse und Grundwasser klingt: Verzögert nicht, dass sich die Dresdner Wunde endlich schließt.

Die Flutkatastrophe scheint manchen Dresdner zu animieren, nun erst recht den Glauben an die Stadt und ihre Zukunft zu demonstrieren. Und den Willen, selbst Hand anzulegen. Wenn es sein muss, mitten in der Nacht und bis zum Umfallen.

Mittwochfrüh, 0 Uhr 25. Vor der Augustusbrücke mit ihrem fahlgelben Laternenlicht zeichnet sich nur schemenhaft die Altstadt ab. Semperoper, Zwinger, Kathedrale, Brühlsche Terrassen, Frauenkirche – das ganze Ensemble und die Viertel dahinter sind verdüstert, als stünde wieder ein Fliegerangriff bevor. Doch in dem Gewimmel barocker Silhouetten gibt es plötzlich ein grelles Licht. Auf dem Platz vor der Semperoper steht ein mobiler Flutlichtmast. In dem gleißenden Schein schippt eine lange Kolonne junger Leute Sand in weiße Plastiksäcke. „Wir haben geholfen, weil wir nette Menschen sind“, lacht ein Mädchen, die anderen grinsen mit. Ihre Erschöpfung mündet in Gealber. Ein Mann mit Drei-Tage-Bart eilt vorbei. Am linken Ohr baumeln zwei Ringe, ans rechte presst er sein Handy. Henning Winkler hat den Sandsackeinsatz organisiert: „Weil ich ein Dresdner bin. Und ich bin gerne Dresdner.“ Dienstagmittag klangen die Hochwasserberichte im Radio dramatisch. Der Architekturstudent im vierten Semester rief zwei Kommilitonen, das Trio telefonierte wild herum bei Freunden und Bauunternehmen und Speditionen. Die Zusagen kamen prompt und reichlich. Ein Radiosender machte mit und strahlte den Aufruf zur Sandsack-Selbsthilfe aus. „Ich will dafür keinen Ruhm ernten“, Winklers Stimme klingt fast schon aggressiv, „ich bin Dresdner, das zählt, sonst nichts.“

Etwa 50 Meter weiter an der Ostra-Allee steht ein Feuerwehrtrupp. Daneben schimmert matt der Zwingerteich. Das Gewässer am Schlossrand hat einen bedrohlichen Hochstand erreicht und ist jetzt Teil einer dunklen Flutmasse, die bis in die Friedrichstadt reicht. Die Feuerwehrleute sind aus Görlitz gekommen. „Wir haben gegen 19 Uhr unsere Dresdner Kameraden abgelöst“, sagt der Truppführer, der die Frage nach seinem n verlegen wegwischt. Aber dann erzählt er doch: „Ich bin zurzeit arbeitslos“, sagt der 48-Jährige, „naja, da hat man mehr Freiheit, sich um die Feuerwehr zu kümmern.“

„Die Hilfe kommt von überall“, sagt Brandamtmann Andreas Flohr. Der Mann mit dem Schnauzbart steht auf dem Altmarkt mitten in einem Gewusel von Fahrzeugen, Zelten, Flutlichtmasten. Flohr geht in dem Stress voll auf, „so einen Einsatz musst du bewältigen. Und humorvoll musst du bleiben!“ Jetzt ist aber keine Zeit mehr für Geplauder, „Egon!“ Der Kollege Egon Elstermann erscheint. Er ist seit 20 Stunden im Einsatz und wirkt leicht euphorisiert. „Das ist das ganz normale Chaos, das hält uns munter.“ Und: „Wir haben uns ’n paar Unimogs gegriffen und uns durch die Flut zum Friedrichstadtkrankenhaus getastet.“ Es wurde Dienstag evakuiert, die Wassermassen hatten den Komplex schon fast umschlossen. Egon Elstermann lächelt. „Das war alles zu schaffen.“

Weiter oben an der Elbe, in Dessau, ist das Hochwasser noch nicht angekommen. Aber alle warten darauf. Deshalb mussten die drei Damen aus ihren Häusern. Jetzt sitzen sie in der Turnhalle und warten und warten. Die Frau Jentzsch, das dünne Fräulein Berghaus und deren Nachbarin. Seit Dienstagabend. Und dabei haben sie die Nacht davor auch nicht schlafen können.

Die anderen Dessauer warten nicht, sie sind ungeduldig und Dienstagnacht dahin gegangen, wo die drei Alten herkamen, zum Wasser. Auf halbem Weg zwischen Innenstadt und Randbezirken haben sie sich auf eine Brücke gestellt und auf den Fluß gesehen. Sie sahen das Treibholz unter der Brücke hindurchschwimmen und den kleinen Wasserfall, die Treppe im Fluss, 100 Meter vor ihnen. Es war laut. Die halbe Stadt ist dagewesen.

In einem Zimmer der Feuerwache arbeitete derweil der Katastrophenstab. Er hatte am Nachmittag die Evakuierung der Stadtteile Waldersee, Mildensee und Wasserstadt beschlossen, kurz nachdem die Bilder aus Grimma im Fernsehen gelaufen waren. Grimma liegt auch an der Mulde. Der Katastrophenstab hat 700 Helfer besorgt, zum Sandschippen, Dämme verstärken. Er hat Akten aus dem alten Stadtschloss ausräumen lassen und das Schulamt um zwei Turnhallen gebeten. Am Ende sind es nur 20 von 4500 geworden, die nicht bei Freunden und Verwandten unterkamen und Plätze in der Turnhalle in Anspruch nehmen mussten.

„Wenn nur alles heil bleibt, wenn nur keiner einbricht in das Haus und etwas klaut“, sagt Frau Jentzsch. Das ist die Hauptsache. Sie hat ja nichts mitnehmen können. Draußen an der Turnhallentür klebt ein Zettel. Die Polizei würde durch die nun leer stehenden Viertel streifen, steht da. Hochwasser, Frau Jentzsch sagt, sie kenne das ja draußen in Waldersee, das Viertel liegt tief. Aber es könne noch richtig schlimm werden. Nämlich dann, wenn die Mulde am Freitag immer noch Hochwasser führt. Dann kommt nämlich die Elbe.

Drüben in der Feuerwache steht Bürgermeister Jürgen Kessing und sagt: „18 Stunden hat die Mulde Zeit, nach der Flutwelle wieder flacher zu werden.“ Sie fließt im Norden der Stadt in die Elbe, und wenn die Hochwasser hat, drückt sie die Mulde zurück nach Dessau. Je mehr Wasser die dann selber führt, um so schlechter.

Er sei sich sicher, sagt Kessing, dass die Elbewelle tatsächlich am Freitag Dessau erreicht. Ansonsten sind die Daten, die er und sein Krisenstab zur Hand haben, eher unsicher. Mulde-Flutwelle am Mittwochmorgen, hieß es zunächst. Sie blieb aus. Also, dann gegen Mittag. Sie kam wieder nicht. Um 18 Uhr, sollte es so weit sein, meldete das Radio schließlich. Am Abend war sie immer noch nicht da, aber dafür gab es eine neue Gewissheit: Die große Welle wird überhaupt ausbleiben, der Fluss werde vielmehr langsam, aber stetig ansteigen. Nur eines schien in diesem Moment sicher zu sein: Das Hochwassert wird auch Dessau nicht verschonen.

Es ist Mittwochnachmittag geworden, die drei Frauen sitzen nebeneinander in der Turnhalle, auf einer Bank im Handballtor, reden und lachen und schweigen und falten die Hände, sehen auf die leeren Matten vor sich in der Halle und auf den alten Mann, der an der Mittellinie hockt. Neben ihm liegt ein junger in Schnürstiefeln. Er schläft. Er ist vom Roten Kreuz. Seine Kollegen sagen, dass sie die ganze Nacht auf gewesen seien, es sollten ja Busse voller Menschen kommen.

An der Muldebrücke stehen immer noch Tausende. Sie schauen auf die Stelle, wo das Wasser am Vorabend die Treppe hinuntergestürzt ist. Aber sie ist jetzt nicht mehr zu sehen, so hoch ist das Wasser gestiegen.

Dessau hat gewartet, zwei Tage lang. Egal, wie schlimm es in der Nacht kommen wird, die Stadt wird weiter warten. Bis Freitag. Neun Turnhallen sind bestellt.

Anderswo ist das Schlimmste offenbar schon überstanden. Für Petr Horak, den jungen Vize-Bürgermeister das Prager Teilorts Smichov, bedeutete das Jahrhunderthochwasser der Moldau die größte Herausforderung seiner noch nicht allzu langen politischen Karriere. Der Mittdreißiger arbeitete mit Hochdruck daran, die Wälle entlang der überschwemmten Uferstraßen zu befestigen. „Wir mussten 50000 Sandsäcke bis aus Ostrava heranschaffen lassen“, stöhnt er. Das ist immerhin eine Entfernung von fast 200 Kilometern.

Nur knapp sind die Wohnviertel von Smichov – übersetzt „lachende Au“ – dem Hochwasser entgangen. Seit die vom Komponisten Smetana besungene Moldau vom plätschernden Postkartenmotiv zum reißenden Strom angeschwollen ist, mussten allein in Smichov 10000 der insgesamt 70000 hochwassergefährdeten Prager ihre Wohnungen verlassen. Obwohl am Mittwochmorgen die Sirenen heulten und aus Lautsprechern von Streifenwagen die notwendige Evakuierung verkündet wurde, kam keine Panik auf.

„Zum Glück ist jetzt Haupturlaubszeit, und viele Leute sind verreist“: Horak versucht die Dinge von der positiven Seite zu sehen. In Schulen und anderen Notunterkünften, wo die Bezirksverwaltung in aller Schnelle improvisierte Nachtquartiere für 3500 Betroffene eingerichtet hatte, sitzen meist alte Menschen apathisch in den Klassenbänken. Schlimme Geschichten werden hier erzählt: „Einige Saukerle haben sich als Mitglieder des Krisenstabs ausgegeben und wollten Leute aus der Wohnung komplementieren, um ungestört plündern zu können.“ Petr Horak schüttelt ungläubig den Kopf. „Zum Glück sind sie ganz schnell aufgeflogen.“ Aber dann erzählt der Vize-Bürgermeister noch ganz schnell, wie groß ansonsten doch die Hilfsbereitschaft sei. Täglich finden sich 100 Freiwillige bei der Bezirksverwaltung ein, um ihre Dienste anzubieten.

„Entweder die Notdeiche entlang der Altstadt halten, oder es wird nicht mehr viel von ihr zu sehen sein“: So hatte der Prager Bürgermeister Igor Nemec noch am frühen Mittwochmorgen die Alternative zwischen Aufatmen und Horror beschrieben. Als am Mittag die Sonne durch die Wolken blinzelte und die Pegel der Moldau stagnierten, schien das Schlimmste für das historische Zentrum der „Goldenen Stadt“ abgewendet.

Viele andere Gegenden in Böhmen traf es indessen wesentlich härter. Die Verantwortlichen sprechen längst von der schlimmsten Naturkatastrophe in der tschechischen Geschichte. Insgesamt mussten 200000 Menschen ihre Häuser verlassen. Neun Menschen kamen ums Leben.

Manchmal sind es die kleinen Nachrichten, die am meisten zu Herzen gehen. Am Dienstag musste der Prager Zoo geräumt werden, der unmittelbar an der Moldau liegt. Einen Elefanten konnten die Helfer im Chaos nicht an einen sicheren Ort bringen. Er hielt sich stundenlang über Wasser, bis die Pfleger das entkräftete Tier schließlich töten mussten.

Mitarbeit: Ulrich Glauber und Ralf Hübner

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