Zeitung Heute : Elefanten und schräge Einfälle

Das Keramik-Museum Berlin zeigt Arbeiten deutscher Künstler vom 19. Jahrhundert bis heute. Jedes Stück hat seine ganz eigene Geschichte – und Museumsdirektor Heinz-Joachim Theis kennt sie alle

-

Von Silke Zorn Auf den ersten Blick ist es nur ein Elefant. Aus Ton. Und das Lieblingsstück der kleinen Museumsbesucher. Doch beim zweiten Hingucken erkennt man, dass Kopf und Körper des zerbrechlichen Dickhäuters aus Vasen bestehen, die Ohren bilden zwei Teller. Zusammengefügt und kunstvoll bemalt hat ihn die Berliner Keramikerin Eva Schulz-Endert in den 1950er-Jahren.

Das Keramik-Museum Berlin ist eine kleine Oase inmitten der Großstadt, nur einen Steinwurf entfernt vom Spandauer Damm, wo vor dem Schloss die Touristenbusse Stoßstange an Stoßstange stehen. Wer aus der Wilmersdorfer in die Schustehrusstraße einbiegt, kann das grüne Haus mit dem weißen Holzzaun nicht verfehlen. Seit rund drei Jahren ist das Museum im ältesten noch erhaltenen Bürgerhaus Charlottenburgs aus dem Jahr 1712 ansässig.

Betrieben wird es vom Förderverein Keramik-Museum – und zwar ausschließlich von Ehrenamtlichen. Motor des Ganzen ist Heinz-Joachim Theis, Museumsdirektor und Inhaber einer Keramik-Galerie in der nahegelegenen Neufertstraße. Seine Begeisterung für den Ton geht bereits in die 1970er-Jahre zurück. Damals studierte der gelernte Flugzeugmechaniker für ein Jahr Sprachen in Paris – und entdeckte seine Leidenschaft für Keramik im Jugendstil und Art Déco. Zurück in Berlin durchstöberte er Flohmärkte, begann Fachbücher und Keramikmagazine zu verschlingen. „Dabei fiel mir auf, dass sich viele Autoren widersprachen“, erzählt der heute 52-Jährige. Er stellte selbst Recherchen an, sammelte Informationen über Werkstätten, kontaktierte Museen und Archive und hospitierte bei bekannten deutschen Keramikern.

Heute dürfte kaum jemanden so viel über die letzten hundert Jahre deutscher Keramik-Geschichte wissen wie Heinz-Joachim Theis. Und so gibt es auch im Museum moderne Keramik des deutschen Kulturraums von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Moderne zu sehen. Inzwischen umfasst die Sammlung, die zum Großteil aus Schenkungen und Leihgaben besteht, rund 7000 Objekte – von denen allerdings nur ein kleiner Teil präsentiert werden kann.

Nach und nach werden die tönernen Schätze aus dem Depot geholt und den Besuchern in wechselnden Sonderausstellungen präsentiert. Zur Zeit ist Keramik aus BRD und DDR bis zur Wendezeit ausgestellt – eine spannende Gegenüberstellung. „Da sieht man deutlich, dass DDR-Künstler in vielerlei Hinsicht erfinderischer sein mussten", sagt Theis und weist auf einen großen, bunt bemalten Teller. Die wenigsten hatten so leistungsfähige Öfen wie ihre West-Kollegen und mussten deshalb bei niedrigeren Temperaturen brennen. Viele Effekte der Glasur, mit der die Oberfläche des Tons überzogen ist, lassen sich aber nur bei starker Hitze erreichen. „Weil das nicht ging, haben sie ihre Stücke eben aufwändiger bemalt“, erklärt Theis.

Doch nicht nur zwischen Ost und West bemerkt man Unterschiede. So individuell wie die Keramik-Künstler, sind auch ihre Werke. Da gibt es zum Beispiel die kleinen Genrefiguren von Rudolf Kaiser. In zarten Farben liebevoll verziert warten sie in ihrer Vitrine im vorderen Ausstellungsraum auf die Besucher.

Oder das elegante Mocca-Service von Hedwig Bollhagen. Dessen Vorläufer – in den frühen 1960er-Jahren in düsterem Schwarz glasiert – erregte auf der Kunstausstellung in Dresden den Unmut von Walter Ulbricht, der es ausgesprochen hässlich fand. Wenig später schmückte das Service Multifunktionstische von Rostock bis Chemnitz. „Weil jeder wusste, dass der Ulbricht keinen Geschmack hat“, grinst Heinz-Joachim Theis. „Und weil der’s furchtbar fand, fanden’s die Leute toll.“

Überhaupt weiß der Museumsdirektor von fast jedem Ausstellungsstück eine Geschichte zu erzählen. Die Namen, Zahlen und Anekdoten sprudeln nur so aus ihm heraus. Zwei unscheinbare getöpferte Schnapsfläschchen etwa, die Theis mit Kennerblick auf dem Flohmarkt entdeckte, wurden dem Keramiker Jan Bontjes van Beek zum Verhängnis. Der war in den späten 1940er-Jahren Rektor der Kunsthochschule Weißensee und ließ die Flaschen von seinen Studenten 1949/50 für das erste Faschingsfest der Schule anfertigen. Doch ebenso wie deren schiefe Form war auch die ausgefallene Dekoration der Schule den SED-Verantwortlichen ein wenig zu „schräg“, zu weit weg vom DDR-Kultur- Mainstream. Es kam zum Eklat, van Beek musste gehen.

Und so könnte Heinz-Joachim Theis ewig weitererzählen. Doch auch wer nichts mit Keramik am Hut hat, sollte dem historischen Gebäudeensemble in der Schustehrusstraße unbedingt einen Besuch abstatten. Vorzugsweise bei Sonnenschein. Dann kann man nämlich inmitten von Grün und Vogelgezwitscher im herrlich idyllischen Museumshof sitzen. Der war früher ein Ballsaal. Davon zeugen noch die hohen Fensterbögen aus Backstein an der hinteren Hofseite. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zerstört. „Das da drüben“, sagt Theis und zeigt auf die rechteckige Rasenfläche in der Hofmitte, „das war die Tanzfläche.“

Die Berliner haben das Keramik-Museum erst nach und nach für sich entdeckt. Viele Berlinbesucher kommen aber ganz gezielt, weil sie in Hotels oder Reiseführern davon erfahren haben. Ein Blick ins Gästebuch verrät, dass kürzlich sogar der indische Finanzminister da war, der in Vorbereitung des G-8-Gipfels in der Hauptstadt weilte. Klaus Wowereit schaffte es vor drei Jahren allerdings nicht mal zur Eröffnung. Diesen Sommer unbedingt nachholen, Herr Bürgermeister.

Keramik-Museum Berlin, Schustehrusstraße 13, geöffnet sonnabends, sonntags, montags von 13 bis 17 Uhr und nach Vereinbarung, www.keramik-museum-berlin.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!