Zeitung Heute : Eleganz war seine Rebellion

Der Graf Danilo aus Léhars Operette „Die lustige Witwe“ war seine Paraderolle, er spielte sie mehr als 1600-mal. Dass sie auch Hitler besonders gut gefiel, warf einen Schatten auf sein Leben, den er nie wieder wirklich loswurde. Zum Tod des Sängers und Schauspielers Johannes Heesters.

Foto: DAVIDS/Darmer

Frack, Zylinder, Stock und Einstecktuch, das war seine Arbeitskleidung. Mit durchgedrücktem Rücken und einem strahlenden, manchmal leicht spöttischen Lächeln, so hat sich Johannes Heesters durchs Leben bewegt. Sein Rollenfach war der Bonvivant mit lässig um den Hals gewickeltem Seidenschal, ein Typus, der den in Paris spielenden Romanen und Operetten des Fin de Siècle entstammte. Die Zeiten mochten noch so hart und trostlos sein, Heesters schien immer unterwegs zu irgendeinem nächtlichen Vergnügen zu sein. Die Eleganz war seine Art der Rebellion gegen die Zumutungen des 20. Jahrhunderts.

Den Grafen Danilo Danilowitsch aus Lehárs Stück „Die lustige Witwe“, die Rolle seines Lebens, spielte Heesters mehr als 1600-mal, zum ersten Mal Silvester 1938 im Münchner Gärtnerplatztheater und zum letzten Mal 1988 bei einer Gala zu seinem 85. Geburtstag.

Danilo ist ein Luftikus, der auch im allergrößten Schlamassel noch die Korken knallen lässt, ein Held der Krise, der dem Untergang die pure Lebensfreude entgegenhält. Davon schien auch Heesters selbst sehr viel besessen zu haben. Welche Mühen ihm sein hohes Alter bereitete, ließ er sich nicht anmerken.

„Ich wollte nicht, dass die Leute sagen: Na, der kann gar nicht mehr ins Maxim gehen – der muss mit dem Rollstuhl gefahren werden“, so begründete Heesters seinen Abschied von der Danilo-Rolle. Doch den größten Hit aus der Operette, eine Hymne auf den Hedonismus, hat er auch danach immer noch gerne gesungen: „Da geh’ ich ins Maxim / Dort bin ich sehr intim / Ich duze alle Damen / Ruf' sie beim Kosenamen / Lolo, Dodo, Joujou / Clocio, Margot, Froufrou / Dann wird champagnisiert / Und häufig cancaniert / Und geht’s ans Kosen, Küssen / Mit allen diesen Süßen.“

Heesters’ Karriere umspannt das gesamte 20. Jahrhundert des Entertainments, von der Stummfilm- und Schellackplatten-Ära bis ins Zeitalter von Internet und DVD. Seinen ersten Film drehte er 1924, ein expressionistisches Melodram mit dem Titel „Cirque Hollandais“, über das er 80 Jahre später spottete: „Der Regisseur bestand darauf, dass ich sehr stark geschminkt wurde. Ich sah mit Anfang 20 wie ein Grufti aus, etwa so wie heute der Sänger von Tokio Hotel.“

Heesters, 1903 als Kaufmannssohn im Städtchen Amersfoort bei Utrecht geboren, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Banklehre in Rotterdam und eine Schauspielausbildung in Amsterdam hinter sich, vom Strindberg- und Shakespeare-Komparsen stieg er bald zum lokalen Operetten- und Revuestar auf. 1934 wird er zum Vorsingen an der Wiener Volksoper eingeladen. Bevor er fährt, spricht er mit dem befreundeten Kollegen Siegfried Arno über das Angebot. Arno, der als Jude aus Deutschland geflohen war, habe ihm geraten: „Da gibt es nichts zu überlegen. Du wirst zuerst das österreichische und dann das deutsche Publikum erobern. Aber halte dich aus der Politik raus!“

Genau so kam es, die Kinogänger und Theaterbesucher in Wien und Berlin schienen auf einen Helden wie diesen schmächtigen Tenor mit der hellen, übersensiblen Stimme geradezu gewartet zu haben. Er versuchte, wie von Arno empfohlen, sich nicht einzulassen auf die Politik – und war doch ein Kinostar in der Propaganda- und Zerstreuungsmaschinerie der staatlich gelenkten Studios, dem Lieblingsspielzeug des Dr. Goebbels.

Sein Ufa-Debüt gab Heesters 1936. „Der Bettelstudent“, ein Mantel-und-Degen-Musical nach der Millöcker-Operette, spannte ihn gleich mit Marika Rökk zusammen, der Ungarin, der als singender, tanzender, lachender Exotin ein ähnlich steiler Karriereweg im NS-Film bevorstehen sollte. Heesters wurde vereinnahmt, er ließ sich vereinnahmen. Seinen Vornamen Johan verlängerte die Ufa zu Johannes, er sollte „urdeutsch“ klingen.

Bis 1945 dreht Heesters weitere 20 Filme in Deutschland. Es sind keine Propagandafilme, sondern Vehikel der Ablenkung, Kostümschinken, in denen, abgesehen von stramm im Wind knatternden Hakenkreuz-Flaggen, die Wirklichkeit nicht vorkommt.

Seine Arbeit, so hat Heesters später selbstkritisch bilanziert, „war wohl die verlogenste, die es in jener Zeit gab“. Er genoss den Ruhm und die Anerkennung der Mächtigen, lebte ab 1939 mit seiner Familie in einer „arisierten“ Villa im Berliner Grunewald und bezog von 1941 an ein stattliches Jahressalär von 72 000 Reichsmark. Heesters gehörte zu Hitlers Lieblingsschauspielern, nach einer Aufführung empfing der Diktator ihn in seiner Loge und schwärmte: „Die ,Lustige Witwe’ ist meine Lieblingsoperette, und Sie sind für mich der beste Danilo, den ich kenne!“

Heesters mag ein Opportunist gewesen sein, aber vor allem war er ein Traumtänzer. Auf der Bühne und im Kino, so hat er in seiner Autobiografie angemerkt, sei er in einer Welt zu Hause gewesen, die stets „einen Fußbreit über der Wirklichkeit“ geschwebt habe. Hitler will er schon deshalb verachtet haben, weil der bei dem Empfang zur Begrüßung aufgesprungen sei. „Meine Königin wäre sitzen geblieben.“ Heesters, durch und durch ein Patriot, weigerte sich, seine niederländische Staatsbürgerschaft aufzugeben, selbst als Goebbels persönlich ihn dazu drängte. Im Sommer 1938 ging Heesters mit dem jüdischen Operettenensemble des deutschen Emigranten Fritz Hirsch auf Tournee durch Holland. Für seine Berliner Arbeitgeber war das ein Affront. Goebbels drohte mit einem Beschäftigungsverbot und beschied dem Schauspieler bei seiner Rückkehr nach Berlin: „Sie leben hier, hier verdienen Sie Ihr Geld und hier sind wir gegen die Juden, Herr Heesters.“

Der schwärzeste Tag in Heesters’ Karriere ist der 21. Mai 1941. An diesem Tag besichtigt er auf Einladung der SS mit dem Ensemble des Münchner Gärtnerplatz-Theaters das KZ Dachau. Die Gruppe wird über den Appellplatz und durch die Großküche geführt, am Ende spielt das Lagerorchester ein Ständchen. Der Kommandant bedankt sich mit einem Fotoalbum für „den frohen und heiteren Nachmittag“. Er sei zu dem Besuch gezwungen worden, rechtfertigt sich Heesters später und beharrt darauf, vor den SS-Mördern nicht gesungen zu haben. Den Kabarett-Historiker Volker Kühn, der das behauptet hat, verklagt er erfolglos. Der Rechtsstreit endet 2010 mit einem Vergleich.

In Holland hat man Heesters die Bilder aus Dachau, die nach dem Krieg in Illustrierten auftauchten, nie verziehen, sie schienen seine Komplizenschaft mit den Tätern zu belegen. „Heesters – SS!“, skandieren Zuschauer, als der Sänger 1964 mit dem Musical „The Sound of Music“ vergeblich ein Comeback in Amsterdam versucht, auch danach bleibt das Verhältnis zu seinen Landsleuten gebrochen.

In Deutschland fliegen Heesters die Herzen weiter zu. Als er 1949 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder auf einer deutschen Bühne steht und in Nürnberg, was sonst, den Danilo gibt, wird er mit „Jopie“-Sprechchören begrüßt. Im Kino der Wirtschaftswunderjahre gehört er bald zu den festen Größen, allein 1953 dreht er fünf Filme. Heiterkeit ist wieder gefragt, man hält sich ans Altbewährte. „Die Csárdásfürstin“, „Im weißen Rössl“ oder „Opernball“, es sind die gleichen Stoffe wie vor 1945, meist von denselben Regisseuren und ihren alten Teams inszeniert.

Heesters verwandelt sich in seinen eigenen Markenartikel. Als ewiger Herr im Frack verkörpert er von den 60er Jahren an im Fernsehen und auf Boulevardbühnen nur noch sich selbst, ein stets makellos gekleideter Gegenentwurf zur Nachlässigkeit der beginnenden Jeans- und Turnschuh-Ära.

Auf Altersrollen folgen Uraltrollen wie „Casanova auf Schloss Dux“ und der Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde als ältester aktiver Schauspieler der Welt. Nachdem seine erste Frau nach 53 Ehejahren gestorben ist, heiratet Heesters 1992 die um 46 Jahre jüngere Schauspielerin Simone Rethel und lebt mit ihr am Starnberger See. Die Leute hätten gesagt, erzählt er, dass er sich was schämen solle. „Ich hab’ gesagt: Das will ich nicht mehr hören – da haben wir geheiratet.“

Noch 2010 spricht Heesters in Rolf Hochhuths „Inselkomödie“ zwei kurze Monologe. Da ist der über 100-Jährige bereits erblindet. Die letzten Jahre baut er deutlich ab. Von einem Schwächeanfall erholt sich Heesters nicht mehr. Seinen 108. Geburtstag Anfang Dezember erlebt er nach einem neuerlichen Krankenhausaufenthalt noch zu Hause. An Heiligabend ist er gestorben.

Als er vor neun Jahren in Tschechows Komödie „Der Kirschgarten“ den greisen Diener Firs gespielt hatte, hörte ihn das Publikum im Münchner Metropol-Theater sagen, „mich haben sie vergessen, das Leben ist vergangen, als ob ich nicht gelebt hätte“. Dann war er in langsamen, leicht wackligen Schritten davongeschlurft.

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