ELEKTRO-METALJustice : Big Bang Theory

Alles an Justice ist pure Übertreibung: die Koteletten, die fiesen Pornobärte, die Tattoos, die riesigen Pilotenbrillen, die pompösen Konzertshows mit der verquasten Kreuzsymbolik – und natürlich die Musik. Mit dem gängigen Genrebegriff „Electroclash“ ist die nur unzureichend beschrieben. Denn wo Electroclash in der Regel eher harmlose Zusammenstöße von elektronischen Stilmitteln mit Versatzstücken der Rockhistorie meint, klingen die Tracks von Justice so, als würden sich zwei voll beladene Güterzüge ineinanderbohren: bang, quietsch, knirsch, schepper! Krawall und Remmidemmi! Die grobschlächtigsten Großraumdissen- Beats diesseits von Ibiza treffen auf die schmutzigsten Schweinerock-Gitarren des Universums. Techno meets Metallica, so unsinnig wie großartig!

Dabei denkt das Duo aus Paris nur den Ansatz seiner Landsleute von Daft Punk konsequent zu Ende, die Ähnliches vor gut zehn Jahren mal ausprobiert haben, dann aber doch ihrer Roboter-Disco treu blieben. Gaspard Augé (rechts) und Xavier de Rosnay dagegen wühlen sich auf ihrem zweiten Album „Audio, Video, Disco“ noch tiefer in die Ursuppe der Rockgeschichte. So ist es fast die kleinere Überraschung, dass sie sich zu etwas hinreißen lassen, was wie eine Hipster-Parodie der schlimmsten Progrock-Entgleisungen der Siebziger klingt. Noch seltsamer ist vielmehr, dass sie sich, wie ihr Manager Pedro Winter in den Linernotes anmerkt, in „Ohio“ als Fans des depressiven Songwriter-Folks von David Crosby outen. Damit gehen plötzlich ganz neue Türen auf. Und wieder zu. Das ist der wahre Electroclash.Jörg Wunder

Columbiahalle, Mi 22.2.,

21 Uhr, 25 € + VVK

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