Zeitung Heute : Elektronische Bücher: Rent an eBook

Klaus Angermann

Als 1998 der Öffentlichkeit ein etwa buchgroßes elektronisches Gerät mit Display vorgestellt wurde, mit dem sich in digitalisierten Texten schmökern ließ, glaubte der kalifornische Hersteller Nuvomedia an eine multimediale Revolution. Das Rocket eBook genannte Lesegerät, dessen Speicherkapazität bis zu 50 digitale Bücher aufnimmt, wollte jedoch bei der deutschen Markteinführung im Sommer 2000 nicht so recht zünden. Zu schwer und unhandlich, ohne richtiges Lesefutter und als 675 Mark teures Technik-Gimmick zu teuer, lautete das Fazit.

Trotz der Skepsis wird das Konzept im vierten Jahr von mehreren Konkurrenten aufgegriffen. 2000 gewann der eBookMan von Franklin den erstmals auf der Frankfurter Buchmesse vergebenen "Book Technology Award". Anders als das klobig wirkende Rocket eBook kommt der eBookMan in Form eines leichten PDAs, eines kleinen Mini-Computers daher. Eine eigene, Franklin Reader genannte Software liest Bücher, die nach dem Open-eBook-Standard (OEB) verfasst wurden. Lesen digitaler Texte ist eine Funktion unter vielen, auch Terminverwaltung und sogar digitale Musik beherrscht das rund 550 Mark teure Einstiegsgerät - konnte sich aber trotz Funktionsvielfalt am Markt immer noch nicht durchsetzen.

Ein Kilogramm Buch

EBooks gehen in Frankfurt in die nächste Runde. Gemstar stellt auf der Buchmesse neben einer Aktualisierung des Klassikers die Neuentwicklung GEB 2200 vor. Dessen Daten lesen sich beinahe wie ein PC-Prospekt: Neben einem farbigen Touchscreen-Display ist ein Modem sowie eine Netzwerkkarte eingebaut. Theoretisch lassen sich darauf mindestens 20 der rund 1000 auf deutsch erhältlichen Bücher speichern, mit zusätzlicher Speicherkarte entsprechend mehr. Über die Praxistauglichkeit eines fast ein Kilogramm schweren Lesebuchs lässt sich streiten. Interessanter ist das neue Abonnentenmodell des GEB 2200: Ab sofort kann die gesamte Print-Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" als exklusive eBook-Edition abonniert werden - und das als farbige eBook-Ausgabe schon Samstag nachmittags. Auch die "Financial Times Deutschland" gibt es als Abo, weitere Zeitungen und Zeitschriften sollen folgen.

Soviel Hightech hat ihren Preis, denn das GEB 2200 dringt mit 649 Euro in die Dimensionen der High-End-Organizer vor. In diesem Segment macht sich gerade Microsoft mit seinem neuen Betriebssystem Pocket PC2002 breit. Der hauseigene Microsoft Reader 2.0 bringt digitale Texte auf beliebte PDAs wie beispielsweise die iPaqs von Compaq. Auf der Messe gab Microsoft weitreichende Kooperationen mit dem führenden eBook-Shop BOL bekannt: Ab Ende November wird BOL eBooks anbieten, die auf dem neuen Microsoft Reader basieren. "Unser Ziel ist es, den noch unterentwickelten deutschen Markt durch das erweiterte Angebot bei BOL voranzubringen", sagte Ute Weinhold von BOL zu dem Deal mit Microsoft.

Die Technik wird vielseitiger, die Displays besser lesbar und bunt. Unentschlossene oder Preisbewusste können bei Microsoft oder BOL eBook-Software auf den PC herunterladen und Bücher auf dem Monitor ansehen. Ein Dilemma indes bleibt bestehen: Es müssen mehr Verkaufsschlager in das Sortiment kommen, denn mit digitalen Fachbüchern allein lassen sich keine schwarzen Zahlen schreiben.

Weder gibt es für die Jüngeren oder älteren Junggebliebenen Harry-Potter-eBooks, noch können sich derzeit Liebhaber der Belletristik an einer digitalisierten Ausgabe des neuesten "Baudolino"-Romans von Umberto Eco erfreuen. Doch bevor alle Verlage auf den Zug der digitalen Bücher springen, müssen mit effektiven Kopierschutztechniken auch die Urheberrechte der Autoren und Verlage geschützt sein.

Die Branche schweigt

Neue Modelle sind ebenfalls beim Vertrieb gefragt. Rosettabooks, ein amerikanischer eBook-Shop, offeriert für einen Dollar zeitlich limitierte Digitalbücher, die nach zehn Stunden nicht mehr lesbar sind. Es kann angezweifelt werden, ob sich der Genussleser so zum Schnellleser gängeln lässt. Es sei denn, er will nach verstrichener Frist für weitere fünf Dollar den Titel komplett erwerben. Gewiss: Das ist eine Einladung an Hacker, den Zeitcode zu knacken, aber auch eine kostengünstige Leseprobe für den Kunden, der nach dem Zehn-Stunden-Test keine Katze im Sack kaufen muss.

Neue Verkaufsmodelle sowie verschiedenste Kooperationen zeigen, dass der Markt langsam in Bewegung kommt. Über die wohl kaum zufriedenstellenden Verkaufszahlen der Lesegeräte schweigt sich die Branche vornehm aus, weltweit sollen es 100 000 sein. Doch nur, wenn neben attraktiven Titeln auch einfach bedien- und bezahlbare Geräte angeboten werden, könnten eBooks in naher Zukunft vor dem Durchbruch stehen.

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