Elena Senft schaltet nie ab : Po, Bank und Majo

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Die Abende werden wieder leer sein. Die Gesprächsthemen muss man sich wieder erarbeiten und kann sich nicht nach einem nachlässig dahingebrabbelten „Ich finde, er hätte Poldi spielen lassen müssen“ über die nächste halbe Stunde retten.

Fußballgroßveranstaltungen sind aber nicht immer nur Geselligkeit, sondern vor allem Konkurrenzgeselligkeit. Aus der Frage „Wo guckst du das Deutschlandspiel?“ klingt zuweilen eine ähnlich bedürftige Brisanz wie aus der Frage „Was machst du Silvester?“

Das eigene Public-Viewing-Erlebnis stinkt an gegen das der anderen. Bin ich fünf Minuten vor Anpfiff immer noch hastig durch die Straßen gerannt und habe am Ende zwischen drei Schnapsleichen, die „Mario“ wie „Majo“ aussprechen, an der Theke vor einem Schultheiss gesessen? Oder taumelte ich bei jedem Torschuss in einer Woge von Euphorie in die starken Arme attraktiver Gleichgesinnter, die niemals filzige Zylinder in Deutschlandfarben tragen würden, und wurde Teil einer glücklichen ästhetisch ansprechenden Menge?

Die Diskrepanz dieser zwei Veranstaltungen eröffnet einen Eindruck davon, wie schwer das Joch derer sein muss, denen die Organisation des Gruppenfernsehens obliegt. Sie sind die wahren EM-Verlierer. Ich bin einer von ihnen. Denn im Freundeskreis werden meist die Freiberufler gedrängt, sich um das Freihalten von Plätzen in angesagten Lokalitäten zu kümmern. Die festangestellten Auftraggeber spielen die Grausamkeit dieses Loses herunter und tun so, als wäre es nicht mehr als eine selbstverständliche Gefälligkeit, denn eigentlich würden sie ja auch lieber bereits in der Sonne Bier trinken anstatt im Büro zu sitzen.

Mit dem Auftrag, drei Bankreihen freizuhalten („Man kann sie ja hinterher wieder freigeben, wenn doch nicht alle kommen“), trifft der Himbeertoni nachmittags im bereits gefüllten Biergarten ein. Mühsam sammelt er die geforderten Plätze zusammen und drapiert kleinteilige Accessoires auf den Bänken. Ist es zu Beginn noch eine Jacke, muss am Ende ein Haargummi geifernden Platzsuchenden anzeigen, dass der Platz bereits besetzt ist. Frierend und mit gelöster Frisur traut sich der Freiberufler nicht, ein Bier zu bestellen, weil er weiß, dass er nicht aufs Klo darf.

Unberechtigterweise zieht er Hass auf sich. Man sieht in ihm eine Art knauserigen Großgrundbesitzer und nicht den gedemütigten Erfüllungsgehilfen böser Bürohengste. Seine Erfahrung mit Public Viewern zwingt ihn zu unangemessener Härte. Sekundenschnell bellt er „besetzt!“, sobald ein kreislaufschwaches Mädchen an der äußersten Kante seiner annektierten Bank die wunden Füße für eine Minute entlasten will. Zu oft waren es eben diese Mädchen, die mit glockenklarem „Wenn deine Freunde kommen, stehe ich wieder auf, versprochen!“ den Platz einnahmen und ihn ab dem Kontaktmoment von Po und Bank verteidigten wie eine Löwin ihr Junges. Je näher das Spiel desto kniffliger wird es für den Freiberufler.

Kurz vor Anpfiff kommt das typische schöne Paar, das sich durch die Massen schlängelt, sich in die freien Liegestühle der ersten Reihe gleiten lässt und aus allen Wolken fällt, als sich ein sonnenverbrannter Freiberuflerkopf mit vor Hunger und Durst saurem Atem zwischen sie drängt, „das ist meiner“ gellt und ihnen auf ihre Naivität ein höhnisches Lachen blechern hinterhermeckert. Hinter ihm knackt seine Rayban-Sonnenbrille unter dem Gewicht eines in eine Nationalflagge gewickelten Mittvierzigers.

Höflich bedanken sich die Freunde fürs Freihalten der Plätze. „Weiter vorne ging nicht?“, sagt die taufrische Freundin. „Er hätte Poldi spielen lassen sollen“, leiert der Freiberufler und starrt leer in Richtung Leinwand.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Christine Lemke-Matwey und Jens Mühling.

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