Elena Senft schaltet nie ab : Warum ich als Kind die Haare schön hatte

Die Person, die in Deutschland am besten über Prominente Bescheid weiß, ist nicht Sibylle Weischenberg. Was Krake Paul für die Fußball-WM 2010 war, ist Kioskbesitzer Ralf für den Bereich seichte Prominenz.

Elena Senft.
Elena Senft.Foto: Mike Wolff

Er kann alle Zeitschriften voneinander unterscheiden. Sogar die „InTouch“ von der „IN“ und die wiederum von der „OK!“ Ralf spricht mit großer Selbstverständlichkeit von der Verantwortung, die Martin Kirsten nun trägt, und erst im Laufe des Monologs reimt man sich zusammen, dass es sich dabei um den Bodyguard von Heidi Klum handeln muss. Als mich Ralf vor einigen Wochen mit dem Satz „Anna ist tot“ begrüßte, dachte ich minutenlang betroffen, es handele sich um eine enge Verwandte. Bis er „My Love is a Tango“ ansang.

Anfang Oktober bleibt Ralfs Kiosk dicht, denn er muss zum roten Teppich des Deutschen Fernsehpreises, er hat es auf ein Autogramm von „der Neubauer“ abgesehen. Die mag er. Die hat so was Bodenständiges. Es wird viel geschimpft über den Fernsehpreis. Langweilige Veranstaltung, Stallgeruch, zähe Selbstbeweihräucherung. Wie immer wird zu wenig an den kleinen Mann gedacht. Dem ist es egal, ob die Veranstaltung fünf Stunden dauert und die Gäste nicht ein einziges Mal auf die Toilette dürfen, wie kolportiert wird. Das Autogrammjägermilieu ist ein hartes Pflaster. Ferngläser, alphabetisch sortierte Sammelalben, Fahrgemeinschaften, Excel-Tabellen mit Fahrplänen zum nächsten Event. Hier wird Effizienz noch groß geschrieben: Ralf ruft auch schon mal „Weitergehen!“, wenn er den Promi, der zu lange auf dem roten Teppich vor den Kameras stehen bleibt, nicht kennt oder seine Unterschrift schon vom letzten Jahr hat. Diesmal soll er zwei von Bettina Zimmermann ergattern, sein Freund kümmert sich dafür um Heino Ferch.

Unbefangen plaudernd vor einer Kamera zu stehen, ist für Ralf das größte Ding überhaupt. Dass das knüppelharte Arbeit ist, weiß er, seitdem ein lokaler Fernsehsender in seinem Laden stand und einen lockeren O-Ton zum Thema „Abschied vom Kiezkiosk“ haben wollte. Ich unterschreibe das voll und ganz.

Ich hatte meine Fernsehkarriere. Es ist lange her. Im Alter von etwa neun Jahren züchtete ich mein Haar so lang, dass meine Mutter befürchtete, ich bereite mich auf ein Casting für die Neubesetzung des „Vetter It“ in der „Addams Family“ vor. Das Interesse an mir kam dann aber schließlich vom ZDF, von der seinerzeit innerhalb meiner Peergroup schwer angesagten Kinderserie „Bettkantengeschichten“. Ich erinnere mich, dass ich nur schwer ein Triumphgeheul unterdrücken konnte, als ich unangemessen stolz mitten im Unterricht meinen Amigo-Ranzen schulterte, um mich „zum Set“ zu verabschieden.

Mein unrühmliches Rollenprofil: Ein Mädchen, das sich aus Angst vor einer angekündigten Klassenarbeit absichtlich mit Kopfläusen infizieren will, um dem Deutschdiktat aus dem Weg zu gehen. Zwei Mitschüler besitzen in Dosen verstaute Kopfläuse, eine Gruppe Kinder – unter anderem ich – passt sie auf der Straße ab und will sie zum Verkauf der Parasiten überreden. Selten hat jemand Angst im deutschen Fernsehen derart authentisch gespielt. Das hatte einen Grund: Meine Angst war echt.

Im Ergebnis sieht man eine einigermaßen homogen agierende Kinderschar, an deren Ende ein haariges Mädchen mit Leopardenhaarreifen und angstgeweiteten Augen direkt in die Kamera stiert. Sprechszenen? Unbrauchbar. Close-ups? Fehlanzeige. Meine Karriere war beendet, bevor sie begonnen hatte.

„Kann aber auch krank machen, wenn man alles will“, sagt Ralf und schiebt betroffen einen Jenny-Elvers-Artikel über den Tresen.

An dieser Stelle wechseln sich ab: Elena Senft, Moritz Rinke, Esther Kogelboom und Jens Mühling.

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